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Deutsche Exporte und Investitionen in Tunesien auf Rekordniveau

Die deutsch-tunesischen Wirtschaftsbeziehungen haben 2025 neue Rekordwerte erreicht. Deutsche Exporte und Investitionen legten zu. Im 1. Halbjahr 2026 ging es weiter nach oben.

Verena Matschoß

Von Verena Matschoß | Tunis

Für deutsche Unternehmen war Tunesien 2025 der fünftwichtigste Exportmarkt in Afrika. Das überrascht, denn gemessen an seiner Bevölkerungszahl ist das nordafrikanische Land ein vergleichsweise kleiner Markt und gehört wirtschaftlich nicht zu den Schwergewichten des Kontinents. Entscheidend ist jedoch die enge Einbindung in deutsche und europäische Lieferketten.

Tunesien ist in deutsche Lieferketten eingebunden

Der deutsch-tunesische Außenhandel floriert dank der vor Ort produzierenden deutschen Unternehmen. Vor allem im Bereich der Autoindustrie ist Tunesien zu einem wichtigen Glied in der Lieferkette geworden. Nach Angaben der Tunisian Automotive Association gehen jährlich rund 80 Prozent der Branchenexporte nach Europa. Deutschland ist dabei der wichtigste Abnehmer der tunesischen Kfz-Industrie. 

Die Jahresumfrage der AHK Tunesien bestätigt dies jedes Jahr aufs Neue: Für Tunesien spricht zuallererst die geografische Nähe. Lieferungen aus tunesischen Werken erreichen Produktionsstätten in Deutschland in weniger als einer Woche. Weitere Vorteile sind die wettbewerbsfähigen Produktions- und Arbeitskosten und die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte. Als schwierig gelten aus Sicht der Unternehmen weiterhin Verwaltungs- und Zollverfahren.

Bei Arbeitskosten und Verfügbarkeit von Fachkräften ist Tunesien für viele arbeitsintensive Industrien inzwischen wettbewerbsfähiger als zahlreiche Standorte in Mittel- und Osteuropa. Tunesien ist für Deutschland zum wichtigsten Lieferland für Kabelsätze in der Kfz-Industrie aufgestiegen. Im Vergleich zu 2020 sind die deutschen Importe laut Eurostat um 150 Prozent gestiegen. Tunesien steht damit vor den EU-Zulieferern Ungarn, Tschechien und Rumänien.

Die enge Integration in industrielle Lieferketten zeigt sich an der Investitionstätigkeit deutscher Unternehmen. Exportfirmen sind seit den 1970er-Jahren in Tunesien aktiv und fertigen dort neben Kfz-Zulieferprodukten auch Herrenhemden, T-Shirts und Spielwaren. Im sogenannten Offshore-Regime profitieren exportorientierte Unternehmen von Zollbefreiungen, vereinfachten Verwaltungsverfahren und einem liberaleren Devisenregime als Unternehmen, die für den Binnenmarkt produzieren.

Zahlreiche deutsche Unternehmen bauen ihr Engagement in Tunesien derzeit aus. Beim Zufluss ausländischer Direktinvestitionen war laut der Foreign Investment Promotion Agency (FIPA) Deutschland nach Frankreich 2025 der zweitwichtigste Investor. Alleine in den Jahren 2024 und 2025 haben Unternehmen mit deutscher Beteiligung 7.860 Arbeitsplätze geschaffen. 

Mit einer Investitionssumme von umgerechnet rund 116 Millionen Euro war 2025 das stärkste Jahr seit Beginn der FIPA-Erfassung 2005. Es wurden 88 Erweiterungsprojekte und 10 Neuvorhaben deutscher Investoren registriert. Die mit Abstand wichtigsten Branchen waren die Elektro- und die Bekleidungsindustrie. Der Trend hält auch im 1. Halbjahr 2026 an. In dem Zeitraum wurden 57 Projekte mit deutschem Kapital gezählt. 

IT- und Engineeringdienstleistungen gewinnen an Bedeutung

Neben Produktionsinvestitionen gewinnen wissensintensive Dienstleistungen an Bedeutung. Deutsche Unternehmen verlagern zunehmend IT-, Entwicklungs- und Engineeringdienstleistungen nach Tunesien. Die Unternehmen setzen dabei auf die Qualifikation der tunesischen Ingenieure und IT-Fachkräfte. Dies zeigt sich auch in jüngsten Investitionen deutscher Unternehmen: Ende 2025 eröffnete Knauf Interfer ein IT-Kompetenzzentrum in Tunis, im Mai 2026 nahm LAPP in Sousse ein Forschungs- und Entwicklungszentrum in Betrieb.

Tunesien hat sich heute von einem Low-Cost- zu einem Best-Cost-Standort entwickelt. Seine Attraktivität beruht nicht mehr allein auf wettbewerbsfähigen Kosten, sondern vor allem auf seinem industriellen Know-how und der hohen Qualifikation seiner Fachkräfte. 

Jörn Bousselmi Geschäftsführer, Deutsch-Tunesische Industrie- und Handelskammer, Tunesien

Beim Bestand der ausländischen Direktinvestitionen rangiert Deutschland laut der FIPA auf Platz 5 aller Herkunftsländer und auf Platz 3 im Industriesektor. Die Höhe der deutschen Direktinvestitionen wird unterschiedlich ausgewiesen: Während die FIPA den kumulierten Investitionsbestand Ende 2025 auf umgerechnet rund 1 Milliarde Euro beziffert, weist die Deutsche Bundesbank für Ende 2024 lediglich 480 Millionen Euro aus. Ursache dürften unterschiedliche Erfassungsmethoden sein. Im Vergleich zu Ägypten und Marokko, wo die FDI laut Bundesbank über 1 Milliarde Euro erreichen, ist Tunesien ein kleinerer Investitionsstandort. 

Auch institutionell sind die Wirtschaftsbeziehungen eng. Die AHK Tunesien ist seit 1979 und damit seit 47 Jahren im Land aktiv. Deutschland zählt zudem zu den wichtigsten Gebern der Entwicklungszusammenarbeit mit Tunesien. Zahlreiche Projekte unterstützen die berufliche Bildung, den Energie- und Umweltsektor sowie die Entwicklung des Privatsektors. Die institutionelle Zusammenarbeit trägt zugleich dazu bei, die Rahmenbedingungen für private Investitionen zu verbessern.

Seit 2021 werden beim bilateralen Handelsumsatz jährlich neue Höchstwerte erreicht. Wurde im Jahr 2022 die 4-Milliarden-Euro-Marke geknackt, erreichten sie 2025 sogar 5,4 Milliarden Euro. 

Da Vor- und Zwischenprodukte vielfach aus Deutschland importiert werden, vor Ort verarbeitet und dann wieder ausgeführt werden, übersteigen auch die deutschen Einfuhren aus Tunesien die Ausfuhren. Das deutsche Handelsbilanzdefizit gegenüber Tunesien betrug 2025 mehr als 1 Milliarde Euro. Mit lediglich 22 Staaten weltweit verzeichnete Deutschland ein höheres Defizit. Dies verdeutlicht die starke Rolle Tunesiens als Produktionsstandort für den deutschen Markt. 

Für Tunesien ist Deutschland drittwichtigster Handelspartner. Im 1. Halbjahr 2026 ging es weiter bergauf: Die deutschen Exporte stiegen um 13 Prozent, die Importe um 5 Prozent.

Enge Verflechtung mit der EU ist zeitgleich strukturelles Risiko

Die starke Einbindung in europäische Lieferketten ist zugleich Stärke und Schwäche des tunesischen Wirtschaftsmodells. Sie hat wesentlich zum Aufbau der Industrie beigetragen und führt dazu, dass sich der exportorientierte Sektor deutlich dynamischer entwickelt als die Gesamtwirtschaft. Gleichzeitig macht die enge Verflechtung Tunesien anfällig für Konjunkturschwächen in seinen wichtigsten Absatzmärkten.