Wirtschaftsausblick | Tunesien

Irankrieg erhöht Druck auf tunesische Wirtschaft

Tunesiens Wirtschaft steht im Jahr 2026 unter starkem externem Druck. Gestiegene Energiepreise belasten den Staatshaushalt, und das Wirtschaftswachstum könnte sich abschwächen.

Von Verena Matschoß | Tunis

Top-Thema: Steigende Energiepreise belasten den Staatshaushalt 

Die tunesische Wirtschaft bleibt anfällig für externe Schocks. Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten treiben Rohstoffpreise und Transportkosten nach oben und treffen damit ein Land, das stark von Energieimporten abhängig ist. Bereits 2025 entfiel rund die Hälfte des Handelsdefizits auf Energieträger. Vor allem die Staatsfinanzen geraten dadurch unter Druck, da Kraftstoffe und wichtige Grundnahrungsmittel subventioniert werden.

Wie stark sich die Zusatzbelastung auf den Haushalt auswirkt, hängt maßgeblich von der weiteren Entwicklung des Ölpreises ab. Das Finanzgesetz 2026 basiert auf einem Ölpreis von 63,3 US-Dollar (US$) pro Barrel. Sollte der Preis dauerhaft auf 100 US$ steigen und das Subventionsniveau unverändert bleiben, schätzt das Institut Arabe des Chefs d’Entreprises (IACE), dass sich das Haushaltsdefizit um rund 5 Milliarden tunesische Dinar (tD) auf etwa 16 Milliarden tD erhöhen könnte. Das entspräche rund 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Der finanzpolitische Spielraum ist begrenzt. Da die Möglichkeiten zur zusätzlichen Auslandsverschuldung eingeschränkt sind, müsste ein größerer Teil der Finanzierung über die Zentralbank und den heimischen Bankensektor erfolgen. Bereits heute entfällt rund 61 Prozent der Staatsverschuldung auf den Inlandsmarkt. Während die verstärkte Inlandsfinanzierung die Kreditvergabe an die Privatwirtschaft einschränkt, birgt insbesondere eine Finanzierung über die Zentralbank Risiken für die Währungsstabilität und die Devisenreserven. 

Positiv wirkt, dass sich die Devisenlage zuletzt stabilisiert hat. Höhere Einnahmen aus dem Tourismus sowie steigende Rücküberweisungen von Tunesiern im Ausland haben die Reserven gestützt. Nach Angaben der Zentralbank erreichten sie am 5. Juni 2026 rund 104 Tage Importdeckung, nach 100 Tagen ein Jahr zuvor. Diese Stabilisierung ändert jedoch nichts an den strukturellen Verwundbarkeiten.

Wirtschaftsentwicklung: Unsicherheit in Bezug auf Irankrieg

Nach einer leichten Erholung in den Jahren 2024 und 2025 dürfte die Wirtschaft 2026 an Schwung verlieren. Besonders groß ist die Unsicherheit mit Blick auf die Auswirkungen der geopolitischen Verwerfungen bei Energie- und Getreidepreisen, Transportkosten und der Nachfrage in den europäischen Absatzmärkten. Das IACE geht in diesem Umfeld lediglich von einem Wachstum von rund 1 Prozent für 2026 und 2027 aus.

Andere Prognosen fallen etwas günstiger aus. Der Internationale Währungsfonds und die Afrikanische Entwicklungsbank halten 2026 ein Wirtschaftswachstum von 2,1 Prozent für möglich, die Weltbank erwartet 2,5 Prozent. Die Economist Intelligence Unit (EIU) rechnet mit 1,8 Prozent. Auch für 2027 bleibt die Spannbreite groß. Sie reicht je nach Institut von 1,6 bis 2,8 Prozent. Die unterschiedliche Bewertung zeigt, wie hoch die Unsicherheit über die Entwicklung externer Rahmenbedingungen derzeit ist.

 

Der Inflationsdruck dürfte aufgrund höherer Energie- und Transportkosten steigen. Bisher hat die Regierung die Auswirkungen auf die Bevölkerung über subventionierte Preise abgefedert. Impulse durch staatliche Investitionen oder Konsumausgaben sind kaum zu erwarten - ein Großteil der Ausgaben wird weiterhin in Subventionen, Schuldendienst und Staatsgehälter fließen. Insgesamt schätzt die EIU, dass die Bruttoanlageinvestitionen im Jahr 2026 nur um 0,6 Prozent und 2027 um 0,5 Prozent zunehmen werden. Für lokale Unternehmen sind die Investitionsmöglichkeiten stark eingeschränkt - insbesondere wegen des schwierigen Zugangs zu Finanzierungsmöglichkeiten. Strukturell begrenzen schwache Investitionen und die starke Exportabhängigkeit von Europa die Wachstumsperspektiven.

Wirtschaft wächst im 1. Quartal solide

Gleichzeitig hat die tunesische Wirtschaft das Jahr 2026 mit einer soliden Entwicklung begonnen: Im 1. Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt um 2,6 Prozent. Die Landwirtschaft legte um rund 7 Prozent zu und leistete damit einen wichtigen Wachstumsbeitrag. Auch die mechanische und elektronische Industrie – ein bedeutender Bereich für exportorientierte und ausländische Unternehmen – wuchs um rund 4 Prozent. Dagegen verzeichneten der Textilsektor und die Bauwirtschaft Rückgänge.

Auch im Außenhandel konnte im 1. Quartal 2026 Wachstum verzeichnet werden, sowohl die Im- als auch die Exporte legten im einstelligen Prozentbereich zu. Im Jahresverlauf könnten die Einfuhren jedoch durch eine Schutzmaßnahme der tunesischen Zentralbank beeinträchtigt werden. Im März 2026 schränkte diese die Finanzierung nicht prioritärer Importe ein.

Ausländische Unternehmen erweitern ihre Präsenz 

Trotz schwacher Inlandsdynamik stützen das exportorientierte Produktionsmodell und Investitionen ausländischer Unternehmen die wirtschaftliche Entwicklung. Nach vorläufigen Angaben der Investitionsagentur FIPA kamen im Jahr 2025 ausländische Direktinvestitionen von umgerechnet rund 1 Milliarde Euro nach Tunesien, darunter vor allem Erweiterungsinvestitionen. Im Vergleich zum Vorjahr war dies ein Anstieg um 30 Prozent. Das Wachstum setzte sich im 1. Quartal 2026 mit 17 Prozent fort. 

Deutsche Perspektive: Handel mit Tunesien wächst robust

Deutschland war 2025 zweitwichtigster Investor im Land. Neben den klassischen Betätigungsfeldern, wie der Automobilzulieferindustrie und dem Bekleidungssektor, investieren die Firmen vermehrt in Forschungs- und Entwicklungszentren. Auch das Thema IT-Nearshoring gewinnt an Bedeutung. 

Der bilaterale Warenhandel legte 2025 deutlich zu. Laut Statistischem Bundesamt stiegen die deutschen Exporte nach Tunesien um 10,5 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro. Die Ausfuhren entwickelten sich in nahezu allen wichtigen Segmenten positiv, darunter Chemie, Elektrotechnik und Kfz-Industrie. Auch die deutschen Importe aus Tunesien legten kräftig zu und erhöhten sich um 13,8 Prozent auf 3,3 Milliarden Euro. Aufgrund der engen industriellen Verflechtungen bleiben die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen stabil.

Weitere Informationen zu Tunesien bieten unter anderem unsere Reihen Wirtschaftsdaten kompakt und Wirtschaftsstandort

Ferner sind auf der GTAI-Länderseite weitere Berichte (zum Beispiel Zoll- und Rechtsinformationen sowie Branchenberichte) zu finden sowie Meldungen zu Entwicklungsprojekten und Ausschreibungen.