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Wirtschaftsausblick | Tunesien

Tunesische Industrie zieht weiter Investitionen aus Europa an

Die wirtschaftliche Lage in Tunesien hat sich verbessert, das Wachstum bleibt jedoch von äußeren Faktoren abhängig. Die öffentliche Verschuldung bietet Grund zur Sorge.

Von Ines Ben Mabrouk | Tunis

Top-Thema: Ausländische Direktinvestitionen steigen deutlich

Laut Foreign Investment Promotion Agency (FIPA Tunisia) stiegen in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 die ausländischen Direktinvestitionen in Tunesien um 28 Prozent gegenüber dem Vorjahrjahreszeitraum auf rund 755 Millionen Euro. Treiber ist vor allem die Industrie mit einem Anteil von 63 Prozent: Zahlreiche Unternehmen fertigen Vor- und Fertigprodukte, in erster Linie für den europäischen Markt. Bis Ende September 2025 wurden über 11.500 neue Jobs geschaffen. Frankreich bleibt wichtigster Investor, Deutschland liegt vor Italien auf Rang 2. Im Fokus stehen Sektoren mit einer hoher Wertschöpfung wie die Automobil- und Luftfahrtindustrie, die pharmazeutische Produktion, die digitale Wirtschaft, die Agroindustrie sowie technische Textilien. 

Wirtschaftsentwicklung: Diversifizierte Wirtschaft abhängig von Europa

Laut Internationalem Währungsfonds (IWF), Weltbank und Economist Intelligence Unit (EIU) wird Tunesiens Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den kommenden Jahren moderat wachsen. Im Jahr 2025 dürfte das reale Wachstum den Schätzungen zufolge rund 2,5 Prozent betragen. Für 2026 rechnen IWF und EIU mit einem Plus von ungefähr 2 Prozent. Die Weltbank ist mit 2,6 Prozent etwas optimistischer.

Nach Angaben des tunesischen nationalen Statistikinstituts (INS) wurde der Zuwachs 2025 vor allem von einer gestiegenen landwirtschaftlichen Produktion getragen. Aber auch der Tourismussektor, die verarbeitende Industrie und die Bauwirtschaft legten zu. Die tunesische Wirtschaft ist diversifiziert, doch sie bleibt anfällig gegenüber der schwachen Wirtschaftsentwicklung in Europa. Fraglich bleibt zudem, ob die Phosphatproduktion wie geplant gesteigert werden kann. Immer wieder flammen Proteste gegen die Umweltverschmutzungen im Golf von Gabès auf, die eine Folge der Phosphatverarbeitung durch die Groupe Chimique Tunisien (GCT) sind. 

Sektorübergreifend hemmen der eingeschränkte Zugang zu ausländischen Finanzierungen, geringe Investitionen, eine hohe Arbeitslosigkeit und ein schwaches globales Umfeld das Wachstum. Für die Landwirtschaft stellt der Klimawandel ein großes Risiko dar. Immer wiederkehrende Dürren sorgen für Missernten, da kaum künstliche Bewässerung verwendet wird. Ohne ein Kreditprogramm des IWF bleibt der Zugang zu externen Finanzierungen begrenzt, sodass der Staat stärker auf inländische Ressourcen - unter anderem über die Zentralbank - angewiesen ist.

Ein verbessertes Haushaltsdefizit, aber eine hohe Staatsverschuldung

Trotz des schwierigen Zugangs zu Kapital möchte die tunesische Regierung die staatlichen Investitionen im Jahr 2026 steigern. Im Entwurf des Finanzgesetzes sind Investitionsausgaben in Höhe von umgerechnet 1,9 Milliarden Euro geplant, was einer Steigerung von 19 Prozent im Vergleich zu 2025 entspricht. Ein Großteil der Ausgaben fließt jedoch weiterhin in Löhne für Staatsbedienstete und Subventionen. Der Finanzierungsbedarf liegt 2026 bei umgerechnet 8 Milliarden Euro. Dabei bleibt Tunesien auf inländische Kredite und eine Finanzierung der Zentralbank angewiesen. Laut Weltbank soll das Haushaltsdefizit im Jahr 2025 bei etwa 6 Prozent des BIP liegen (2024: 6,2  Prozent). Die Staatsverschuldung bleibt mit rund 85 Prozent des BIP hoch.
 

Das Handelsdefizit hat sich verschärft

Tunesien ist abhängig von der Konjunktur in der EU, denn rund 70 Prozent der Ausfuhren gehen in europäische Länder. Nach Angaben des INS legten die Importe in den ersten zehn Monaten des Jahres 2025 um rund 5 Prozent zu, die Exporte dagegen nur um 1,4 Prozent. Infolge stieg das Handelsdefizit auf 820 Millionen Euro. Hauptsächlich betrifft dies den Energiesektor, Rohstoffe und Halbfertigprodukte sowie Investitionsgüter.

Deutsche Perspektive: Zweitgrößter europäischer Investor

Die deutschen Importe aus Tunesien erreichten in den ersten neun Monaten 2025 rund 2,5 Milliarden Euro, deutlich mehr als die Ausfuhren nach Tunesien (1,6 Milliarden Euro), die immerhin um 7,7 Prozent zulegten. Deutschland bleibt wichtiger Kunde vor allem für Elektrotechnik sowie Bekleidung. Insbesondere in der Automobil- und der Textilindustrie ist Tunesien ein wichtiger Zulieferer und relevant für die Sicherheit der Lieferketten.

Deutschlands Bedeutung als Herkunftsland von Investitionen steigt weiter an. Laut Foreign Investment Promotion Agency nahm Deutschland 2024 den zweiten Platz ein. In den ersten neun Monaten des Jahres 2025 wurden insgesamt 78 Projekte in Tunesien umgesetzt, mit einem Gesamtvolumen von 87 Millionen Euro. Den größten Anteil verbucht der Elektro- und Elektroniksektor, hier sind zahlreiche deutsche Kfz-Zulieferfirmen

Dieser Trend dürfte sich fortsetzen. Trotz globaler Unsicherheiten und einer anhaltend aufwendigen Bürokratie im Land behalten deutsche Unternehmen ihr Vertrauen in Tunesien. Laut einer Umfrage der Deutsch-Tunesischen Industrie- und Handelskammer (AHK Tunesien) aus dem Jahr 2025 wollen 74 Prozent der befragten Unternehmen die Investitionen im Jahr 2026 aufrechthalten oder erhöhen. 90 Prozent der Unternehmen erwarten eine stabile oder sogar steigende Anzahl der Mitarbeitenden. Tunesien überzeugt durch die Nähe zu Europa, gut ausgebildete Arbeitskräfte und wettbewerbsfähige Kosten.

Weitere Informationen finden Sie auf der GTAI-Länderseite.

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