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Automobilstandort Ungarn: Kapazitätsausbau trotz Absatzkrise

BMW, Mercedes-Benz und BYD bauen Ungarns Fahrzeugproduktion aus. Der Standort punktet mit niedrigen Kosten und bewährten Strukturen. Nun muss mehr lokale Wertschöpfung folgen. 

Kirsten Grieß

Von Kirsten Grieß | Budapest

Sinkende Nachfrage, wachsender chinesischer Wettbewerb, handelspolitische Unsicherheiten und die schwierige Transformation zur Elektromobilität belasten Europas Automobilindustrie. Auch die ungarische Kfz-Branche litt in den vergangenen Jahren unter rückläufiger Produktion und sinkender Auslastung.

Nun profitiert der Standort von der schwächelnden Autokonjunktur: Kostendruck und Umstrukturierungen bei deutschen Herstellern begünstigen Produktionsverlagerungen und den Aufbau neuer Kapazitäten in Ungarn. Zugleich investiert mit BYD ein chinesischer Autobauer massiv in den Automobilstandort. 

Ungarn ist Autoland

Für Ungarns Wirtschaft ist die Zukunft der Branche von besonderer Bedeutung. Sie trägt rund ein Viertel zur gesamten Industrieproduktion des Landes bei. Durch ihre enge Verflechtung mit Deutschland wirken sich Absatzprobleme dort unmittelbar auf die ungarische Produktion aus.

Seit Ende 2023 ist die Produktion deutlich zurückgegangen. Daten des ungarischen Statistikamts KSH zufolge sank der Produktionswert von Fahrzeugen und Fahrzeugteilen 2024 um knapp 10 Prozent und 2025 um weitere 5,3 Prozent. Die Zahl der gefertigten Pkw verringerte sich laut dem internationalen Automobilherstellerverband (OICA) innerhalb von zwei Jahren um fast ein Fünftel – von 507.222 auf 411.776 Fahrzeuge. 

BMW und Mercedes setzen auf den Standort

Mit dem Start der Serienproduktion bei BMW begann Ende 2025 indes eine neue Phase für Ungarns Automobilindustrie. In Debrecen wird seither der vollelektrische iX3 hergestellt. Das erste europäische Werk des Konzerns, das ausschließlich Elektrofahrzeuge fertigt, ist zunächst auf bis zu 150.000 Fahrzeuge pro Jahr ausgelegt. Inzwischen wird in drei Schichten produziert, im Juli lief das 50.000ste Fahrzeug vom Band. 

Ein reichliches halbes Jahr später schloss Mercedes-Benz in Kecskemét eine Werkserweiterung im Wert von rund 1 Milliarde Euro ab. Die maximale Jahreskapazität soll sich durch den Ausbau von rund 150.000 auf bis zu 400.000 Fahrzeuge erhöhen. Die tatsächliche Produktion lag 2025 nur bei etwas mehr als 100.000 Einheiten, nach rund 146.000 Fahrzeugen im Vorjahr.

In Kecskemét stehen damit höhere Kapazitäten einer bislang niedrigen Auslastung gegenüber. Künftig sollen dort zusätzlich batterieelektrische Modelle gefertigt werden, darunter die neue C-Klasse, die das Unternehmen als batterieelektrisches Core-Modell bezeichnet. Zugleich behält Mercedes die Möglichkeit, Verbrenner, Hybrid- und Elektrofahrzeuge parallel zu produzieren. Damit kann das Werk flexibel auf Marktentwicklungen reagieren.

BYD kommt in Szeged nur langsam voran

Mit BYD will ein weiterer Hersteller in Ungarn produzieren. Der chinesische Autobauer kündigte Ende 2023 sein erstes europäisches Pkw-Werk an. Der Bau im südungarischen Szeged verzögerte sich allerdings immer wieder. Während BYD erste Fahrzeuge noch Ende 2026 fertigen will, rechnen Branchenkenner erst ab Anfang 2027 mit dem Hochlauf der Serienproduktion. Vorgesehen ist eine Jahreskapazität von 150.000 Fahrzeugen, perspektivisch wurden bis zu 300.000 Einheiten genannt.

Zudem dürfte die Rekrutierung von knapp 9.000 Beschäftigten anspruchsvoll werden. Auch überschatten schwere Arbeitsunfälle und Vorwürfe wegen schlechter Arbeitsbedingungen den Fabrikbau. Die Behörden leiteten Ermittlungen ein und gingen auch gegen Umweltverstöße vor. Die verstärkte behördliche Kontrolle könnte das Projekt weiter verzögern.

Audi entwickelt Produktion in Győr weiter

Auch Audi verändert sein Produktionsprofil. Der Auto- und Motorenbauer steigerte seine Produktion in Győr 2025 auf 200.756 Fahrzeuge. Neben den Q3-Modellen fertigt das Werk seit 2024 den zuvor in Spanien produzierten Cupra Terramar. Zugleich nahm die Zahl der elektrischen Antriebe um rund 74 Prozent auf knapp 265.000 Einheiten zu. Damit verbindet Audi die Weiterentwicklung der Fahrzeugproduktion mit der zunehmenden Elektrifizierung der Antriebstechnik.

Elektromobilität gewinnt an Bedeutung

Die neuen Projekte verändern den technologischen Fußabdruck der ungarischen Automobilindustrie. BMW produziert ausschließlich Elektroautos, für BYD ist eine reine E-Auto-Fertigung vorgesehen. Mercedes-Benz erweitert sein elektrisches Modellprogramm, Audi die Fertigung elektrischer Antriebe. Auch Suzuki bereitet in Esztergom die Produktion vollelektrischer Fahrzeuge vor.

Inzwischen schlägt sich die Entwicklung in den Produktionszahlen nieder. Im 1. Halbjahr 2026 wuchs die wertmäßige Produktion von Fahrzeugen und Fahrzeugteilen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 3,7 Prozent. Bei Fahrzeugen allein betrug das Plus 9,7 Prozent. Mit dem Hochlauf der neuen Mercedes-Benz-Linien und später der BYD-Produktion könnte die Fertigung weiter zulegen. 

Der Anteil vollelektrischer Pkw an der Produktion wird amtlich nicht gesondert ausgewiesen. Durch die Werke von BMW und BYD sowie zusätzlicher Elektromodelle von Mercedes-Benz dürfte der Anteil ab 2027 jedoch deutlich steigen. Das beschleunigt die Transformation des Standorts, erhöht aber auch den Anpassungsdruck auf Zulieferer.

Kostenvorteile ziehen Investoren an

Ungarn verbindet niedrige Produktionskosten mit den Vorzügen eines etablierten europäischen Produzenten. Die Arbeitskosten lagen 2025 laut Eurostat bei durchschnittlich 15,20 Euro je Stunde und damit auf dem drittniedrigsten Niveau in der EU. Der nominale Körperschaftsteuersatz von 9 Prozent erhöht die Attraktivität des Standorts zusätzlich.

Gleichzeitig können Hersteller auf funktionierende Lieferketten, qualifizierte Arbeitskräfte und eine gut ausgebaute Infrastruktur zurückgreifen. Neue Projekte lassen sich dadurch schneller umsetzen und in europäische Lieferketten integrieren.

Hinzu kamen bislang großzügige staatliche Fördermaßnahmen. Die Vorgängerregierung unter Viktor Orbán unterstützte Fahrzeug- und Batterieprojekte mit finanziellen Zuschüssen und Steuervergünstigungen. Davon profitierten neben deutschen Herstellern vor allem asiatische Batterie- und Komponentenproduzenten. 

Mit der neuen Regierung zeichnet sich ein Kurswechsel ab. Umwelt- und Sicherheitsstandards sollen strenger kontrolliert, Fördermittel stärker auf Forschung, Entwicklung und lokale Wertschöpfung ausgerichtet werden. Vereinfachte Regelungen zur Beschäftigung von Gastarbeitern wurden im Juni 2026 bereits ausgesetzt.

Ungarn hat die Batteriezellfertigung als Ergänzung seiner Elektroautoindustrie gezielt aufgebaut. Mit Samsung SDI, SK On, CATL und Eve Power kommen die angekündigten oder bereits realisierten Kapazitäten auf rund 200 Gigawattstunden. Wichtige Zellfabriken befinden sich in der Nähe großer Abnehmer wie BMW oder Mercedes-Benz. Ein weiterer Ausbau ist jedoch fraglich. Umweltverstöße und lokaler Widerstand von Umweltgruppen gehen mit strengeren Auflagen und einer absehbar zurückhaltenderen staatlichen Förderung einher.

Kapazitätsausbau allein reicht nicht

Die erweiterten Produktionskapazitäten treffen auf eine nach wie vor verhaltene Nachfrage. Bleibt der Absatz schwach, droht eine Unterauslastung. Zugleich verlieren niedrige Arbeitskosten angesichts des Fachkräftemangels und steigender Löhne an Zugkraft.

Für Ungarn kommt es daher darauf an, die industrielle Basis über zusätzliche Fertigung hinaus weiterzuentwickeln. Ein Ansatzpunkt ist der Ausbau der lokalen Wertschöpfung. Internationale Automobil- und Zulieferunternehmen unterhalten bereits Entwicklungszentren für Fahrzeugtechnik, Software und automatisiertes Fahren im Land. Nach Einschätzung von Robért Keszte, Landeschef des Automobilzulieferers AUMOVIO Ungarn, gilt es, diese Kompetenzen zu stärken. Besonders an Bedeutung gewinnen Software, Konnektivität und hochwertige Entwicklungsleistungen.

Entscheidend ist die Verzahnung der neuen Produktionsstätten mit lokalen Entwicklungskapazitäten und der Zulieferindustrie. Für deutsche Unternehmen entstehen dadurch neben Chancen in der Produktion auch neue Möglichkeiten bei Software, Automatisierung, Entwicklung und innovativen Fahrzeugtechnologien.

Mehr als Montage: Ungarn ist Standort wichtiger Entwicklungszentren Ausgewählte Unternehmen mit Automobilschwerpunkt
UnternehmenTätigkeitsschwerpunkt

Beschäftigte

Bosch in BudapestAntriebstechnik (Powertrain), Fahrzeugsicherheit, autonome Mobilität

3.100

Evosoft in Budapest, Miskolc und SzegedAutomatisierte Produktlösungen, integriertes Engineering, Big Data, Automatisierung und Digitalisierung

1.680

AUMOVIO in Veszprém und Budapest Automatisierte Produktlösungen, integriertes Engineering, Big Data, Automatisierung und Digitalisierung

1.000

ThyssenKrupp in Budapest, Veszprém und SzegedElektronische und autonome Lenksysteme, autonomes Fahren

800

Audi Hungaria in GyőrElektrische Antriebe, softwarebasierte Entwicklungen und Leistungselektronik für die Motorsteuerung

700

AVL in ÉrdAntriebssysteme, Messtechnik, Softwareentwicklung

500

Knorr-Bremse in Budapest und KecskemétPneumatische und elektronische Systeme und Komponenten, Software- und Hardwareentwicklung

400

AI Motive / Stellantis in BudapestAutonome Mobilität, Bildverarbeitung, Entwicklung von KI-basierten Fahrerassistenz- und Fahrsystemen

250

Siemens Mobility in BudapestIT-Systeme für den Schienenverkehr, Betriebssicherheitsdiagnostik, Engineering-Systeme

200

JLR in BudapestEntwicklungs- und Produktionsunterstützung, Ingenieurdienstleistungen

200

Valeo in VeszprémEntwicklungs- und Produktionsunterstützung, Ingenieurdienstleistungen

150

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026