Wirtschaftsausblick | Ungarn
Ungarn: Konjunkturwende nach politischem Neustart
Ungarns Wirtschaft soll 2026 wachsen. Aussichten auf bessere wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen und freigegebene EU-Mittel stimmen Investoren optimistisch.
11.06.2026
Von Kirsten Grieß | Budapest
Top-Thema: EU-Milliarden schaffen neuen Handlungsspielraum
Weniger als einen Monat nach ihrem Amtsantritt zeichnet sich für die neue ungarische Regierung ein wichtiger Erfolg ab: Bis zu 16,4 Milliarden Euro an blockierten EU-Fördermitteln könnten freigegeben werden, wenn Budapest vereinbarte Reformen umsetzt. Das würde die Investitionstätigkeit stärken und den finanzpolitischen Handlungsspielraum erweitern – etwa für Infrastruktur und Energie, Bildung und Gesundheit.
Am 9. Mai 2026 wurde Péter Magyar als Ministerpräsident vereidigt. Sein Kabinett besteht aus 16 teils neu zugeschnittenen Ministerien. Das Ressort für Wirtschaft und Energie wird vom früheren Shell-Manager István Kapitány geleitet, der künftig auch die Außenwirtschaft verantwortet. Wirtschaftspolitisch deutet sich eine stärkere Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), Innovation sowie Forschung und Entwicklung an. Dagegen dürften industrielle Großinvestitionen künftig selektiver unterstützt werden. Als strategische Zukunftsfelder gelten etwa Energiespeicher, künstliche Intelligenz, Robotik, Raumfahrt oder Biotechnologie.
Viele wirtschaftspolitische Vorhaben sind noch in der Ausarbeitung. Vorrang haben derzeit die Haushaltskonsolidierung und die Umsetzung der mit Brüssel vereinbarten Reformen. Unternehmen und Investoren räumen der neuen Führung zwar einen Vertrauensvorschuss ein, warten jedoch auf konkrete politische Entscheidungen. Kritisch bewertet die Wirtschaft den angekündigten Stopp von Arbeitserlaubnissen für Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Ländern. Der Arbeitgeberverband VOSZ sieht angesichts des strukturellen Arbeitskräftemangels Risiken für die industrielle Produktion.
EU-Fördermittel für Ungarn
Die EU-Kommission blockierte noch bis Ende Mai 2026 rund 18 Milliarden Euro für Ungarn: Jetzt sollen 6,5 Milliarden Euro an Zuschüssen und 3,5 Milliarden Euro an Krediten aus dem Corona-Wiederaufbaufonds sowie 6,4 Milliarden an Kohäsionsgeldern freigegeben werden. Die Auszahlung ist an Reformen zur Korruptionsbekämpfung und Rechtsstaatlichkeit geknüpft. Zudem muss Budapest einen überarbeiteten Wiederaufbauplan umsetzen und bis Ende August 2026 die vereinbarten Reformen sowie förderfähige Projekte abschließen. Bei den Kohäsionsmitteln stehen zusätzlich Grundrechtsfragen im Raum.
Wirtschaftsentwicklung: Ungarn zurück auf Wachstumskurs
Die EU-Kommission hat ihre Wachstumserwartungen für Ungarn in der Frühjahrsprognose 2026 auf 1,8 Prozent gesenkt. Im europäischen Vergleich fällt die Korrektur jedoch moderat aus. Einige Analysten sind zurückhaltender: Die Erste Bank rechnet mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,4 Prozent. Aber auch dieses Wachstum würde das Ende einer dreijährigen Stagnationsphase markieren. Für 2027 erwartet die Kommission eine Beschleunigung auf 2,1 Prozent. Zusätzliche Impulse könnten dann von Investitionen ausgehen, die über freigegebene EU-Mittel finanziert werden.
Bis dahin dürfte der private Konsum der wichtigste Wachstumstreiber bleiben. Steigende Reallöhne, die rückläufige Inflation und fiskalische Entlastungen haben die Kaufkraft vieler Haushalte gestärkt. Ab 2027 rechnen Beobachter mit einer Abschwächung der Konsumdynamik, da das Lohnwachstum voraussichtlich nachlassen wird. Gleichzeitig könnten höhere Energiepreise den Inflationsdruck verstärken, während die angespannte Haushaltslage den Spielraum für Entlastungsmaßnahmen begrenzt.
Investitionsschub für 2027 erwartet
Die Investitionstätigkeit erholt sich vermutlich nur schrittweise. Im Vorfeld der Parlamentswahl hatten zahlreiche Unternehmen Investitionsentscheidungen zurückgestellt. Mit dem Regierungswechsel hat sich das Geschäftsklima jedoch aufgehellt. Für 2027 rechnet die EU-Kommission mit einem Anstieg der Bruttoanlageinvestitionen um 3,9 Prozent. Dazu beitragen könnten staatliche Investitionen und eine Erholung der Bauwirtschaft. Die Bauinvestitionen sollen um 4,5 Prozent zulegen. Zusätzliche Effekte sind möglich, wenn die angekündigten EU-Mittel in Programme zur Förderung von KMU fließen.
Nach dem Regierungswechsel wird die tatsächliche Haushaltslage neu bewertet. Angaben aus Regierungskreisen zufolge könnte das Defizit knapp 7 Prozent des BIP erreichen. Der Konsolidierungsbedarf begrenzt den Spielraum für steuerliche Entlastungen und könnte öffentliche Investitionen verzögern. Für das weitere Wirtschaftswachstum werden private Investitionen, Industrieproduktion und Exporte damit umso wichtiger.
Erste positive Signale aus der Industrie
Der Ausblick für die Industrie bleibt uneinheitlich. Nach drei schwachen Jahren rechnen Analysten mit einer Erholung, getragen vom Hochlauf neuer Kapazitäten in der Automobil- und Batterieindustrie sowie einer stärkeren Auslandsnachfrage. Im März 2026 lag die arbeitstäglich bereinigte Industrieproduktion 3,7 Prozent über dem Vorjahreswert, was auf eine Stabilisierung hindeutet. Hohe Energiepreise, Lieferkettenrisiken, die schwache Nachfrage auf wichtigen Absatzmärkten und mögliche Arbeitskräfteengpässe bleiben jedoch Risikofaktoren.
Die ungarischen Ausfuhren dürften 2026 nur langsam steigen. Nach einer günstigeren Entwicklung 2025, zu der vor allem die Automobilindustrie mit einem Plus der Fahrzeugexporte von 5,5 Prozent beitrug, startete der Außenhandel schwach ins neue Jahr. Das Statistikamt KSH meldete erneut rückläufige Warenausfuhren. Im weiteren Verlauf könnten höhere Produktionskapazitäten und eine stärkere Auslandsnachfrage die Warenexporte stützen.
Deutsche Perspektive: Vertrauensvorschuss nach der Wahl
Trotz schwieriger Rahmenbedingungen bleibt Ungarn ein wichtiger Investitionsstandort für deutsche Unternehmen. Die Investitionsagentur HIPA zählte 2025 immerhin 15 deutsche Projekte, meist bereits im Land etablierter Akteure wie Mercedes-Benz, Porsche, Rheinmetall oder Bosch.
Die Stimmung unter deutschen Unternehmen hat sich nach der Wahl aufgehellt. Laut Blitzumfrage der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer stieg der Anteil der Unternehmen, die eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage erwarten, von 7 auf 42 Prozent. Zugleich legt die Standortbindung zu: 87 Prozent der Befragten würden Ungarn erneut als Investitionsstandort wählen.
Skeptisch sehen viele deutsche Investoren allerdings die angekündigte Neuausrichtung der Förderpolitik auf inländische KMU. Bei seinem Antrittsbesuch in Berlin betonte Ministerpräsident Péter Magyar indes die Bedeutung deutscher Unternehmen für Ungarn. Das Land habe "ein zentrales Interesse daran, dass künftig noch mehr deutsche Investitionen umgesetzt werden", sagte Magyar. Seine Regierung werde "alles dafür tun", dieses Ziel zu erreichen.