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Autonomes Fahren: Erste Autos in den USA gehen in Serie
Ob Robotaxis, Lkw oder Pkw – autonomes Fahren erobert immer mehr Einsatzfelder. Deutsche Unternehmen sind vor allem als Zulieferer dabei.
02.02.2026
Von Heiko Stumpf | San Francisco
Autonome Robotaxis gehören in vielen US-Städten längst zum Alltag. Doch nun verlässt die Technologie diese Nische. "Autonomes Fahren wird der erste große Massenmarkt für physikalische KI. Innerhalb der kommenden zehn Jahre wird ein sehr großer Anteil der weltweit eingesetzten Fahrzeuge autonom oder hochautomatisiert unterwegs sein", prophezeite Nvidia-Gründer Jensen Huang während seiner Keynote auf der CES 2026 in Las Vegas.
Dass sie dabei die Vorreiterrolle einnehmen, unterstreichen die USA im Bereich der selbstfahrenden Lkw. Zu den Pionieren gehört Aurora Innovation. Seit Mai 2025 sind autonome Trucks des Start-ups auf den Highways zwischen Dallas, Houston und Fort Worth in Texas unterwegs und haben mittlerweile mehr als 320.000 Kilometer zurückgelegt.
Mit deutschem Partner in die Serienproduktion
Der Einsatz der Fahrzeuge wurde auf einen 24-Stunden-Betrieb ausgeweitet. Auf Wunsch des Fahrzeuglieferanten Paccar befinden sich derzeit noch menschliche Beobachter im Cockpit, die aber nicht in das Fahrgeschehen eingreifen. "Das Jahr 2026 wird für uns ein großer Meilenstein", sagte der Firmengründer und CEO Chris Urmson auf der CES. "Wir erweitern den autonomen Betrieb auf Langstrecken bis nach Phoenix und über Arizona und New Mexico hinaus in den gesamten Sunbelt - und bringen zugleich unsere zweite Hardwaregeneration auf den Markt, die einen Betrieb ermöglicht, ohne das jemand an Bord ist".
Zu den Partnern, die bereits autonome Lkw im kommerziellen Einsatz nutzen, zählen Uber Freight und die US‑Spedition Hirschbach. Aurora plant, seine Flotte bis Ende 2026 auf mehrere hundert autonome Lkw auszubauen. Der eigentliche Durchbruch soll jedoch 2027 erfolgen: Dann startet mit der dritten Hardware‑Generation die Serienproduktion von mehr als 10.000 Fahrzeugen pro Jahr.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei der deutsche Automobilzulieferer Continental. Das Unternehmen baut das vollständige Hardware-Kit für das autonome Fahrsystem Aurora Driver und stellt es den Lkw-Partnern für den Einbau zur Verfügung. Das Hardware-Kit umfasst die komplette Sensorik - darunter LiDAR - sowie Hochleistungsrechner.
Kodiak vertraut auf deutsches Unternehmen
Mit Kodiak AI setzt ein weiteres US-Start-up auf deutsche Technologie: Das Unternehmen, das sich auf die Entwicklung von KI-Software für autonome Lkw spezialisiert hat, stellte auf der CES 2026 eine neue Zusammenarbeit mit Bosch für die Hardware-Ausstattung vor. "Bosch ist ein One-Stop-Shop für nahezu jede Komponente, die wir uns vorstellen können: von Fahrzeugkomponenten wie Lenkung und Bremsen über Sensoren wie Radar und Kameras bis hin zu Rechensystemen, Kabelbäumen und praktisch allem dazwischen", so Kodiak CEO Don Burnette in Las Vegas.
Gemeinsam entwickeln Kodiak und Bosch eine herstellerübergreifende Plattform, die sich in Trucks verschiedener OEMs integrieren lässt. Einen ersten größeren Auftrag hat Kodiak bereits an Land gezogen: Atlas Energy bestellte 100 autonome Lkw. Die ersten fahrerlosen Trucks sind bereits in den Gasfeldern des Energieunternehmens in Texas im Einsatz. Parallel dazu testet Kodiak weiterhin klassische Langstreckenrouten – hier jedoch noch mit Sicherheitsfahrern an Bord.
Auch Daimler Trucks nutzt den Bundesstaat Texas als Testbasis: Über die Tochter Torc Robotics erprobt der Konzern autonome Lkw des Modells Freightliner Cascadia und strebt die Kommerzialisierung bis 2027 an.
Auch Pkw werden autonom
Bald rollen nicht nur autonome Lkw über die Straßen der USA. Auch Pkw stehen in den Startlöchern. Vor allem die US‑Autobauer drücken aufs Tempo: Rivian will mit seiner dritten Hardware‑Generation ab Ende 2026 erstmals Level‑3‑Funktionen anbieten, die unter definierten Bedingungen ein echtes Hand‑off‑ und Eyes‑off‑Fahren erlauben. Andere Hersteller wie Ford, General Motors und Lucid planen, ab 2028 Level‑3‑Systeme auf den US‑Markt zu bringen.
Als erster Hersteller bietet Mercedes-Benz mit dem Drivepilot seit 2023 ein Level-3-System in den USA an. Das in Kalifornien und Nevada zugelassene System darf unter klar definierten Bedingungen, etwa bei dichtem Verkehr und bei Geschwindigkeiten von bis zu 40 Meilen pro Stunde selbstständig fahren.
Auf der CES 2026 präsentierte Mercedes-Benz eine neue Fahrzeuggeneration, die auf KI-Modellen und Software von Nvidia beruht. Ab 2026 ermöglichen die CLA-Modelle im US-Markt fortgeschrittenes Level-2++-Fahren im Stadtverkehr und auf Highways. Per Update können die automatisierten Fahrfunktionen schrittweise weiterentwickelt werden.
50 Staaten, 50 verschiedene Regeln
Regulatorisch gleicht der US-Markt für autonomes Fahren bislang einem Flickenteppich: Genehmigungen und Betrieb werden überwiegend auf Ebene der Bundesstaaten geregelt, ein einheitlicher Bundesrahmen fehlt. In Washington wird jedoch über eine nationale Lösung diskutiert, etwa mit dem als Diskussionsentwurf vorliegenden SELF DRIVE Act of 2026.
Parallel dazu arbeitet die National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) unter der Trump-Regierung daran, die Rahmenbedingungen zu vereinfachen – unter anderem durch angepasste Sicherheitsstandards, erweiterte Ausnahmegenehmigungen und neue Leitlinien, insbesondere für Fahrzeuge ohne klassische Bedienelemente wie Pedale oder Lenkrad. Ziel ist es, Entwicklung und Markteinführung autonomer Fahrzeuge zu beschleunigen, ohne auf ein umfassendes Bundesgesetz warten zu müssen.
Robotaxis erobern immer mehr US-Städte
Auch Robotaxis sind weiter auf Expansionskurs. Laut Vorhersage von Morgan Stanley könnten bis Ende 2026 bereits 33 US-Städte über Robotaxi-Dienste verfügen.
Der Branchenführer Waymo ist bereits in sechs Städten aktiv und absolvierte 2025 rund 14 Millionen bezahlte Fahrten. 2026 will das zum Alphabet‑Konzern gehörende Unternehmen in mehr als 20 weitere Städte expandieren – darunter Detroit, Las Vegas, Dallas, San Diego, Miami, Denver, Seattle und Washington, D.C.
Tesla betreibt seit Anfang 2026 Robotaxis ohne Sicherheitsfahrer in Austin und hat mehr als zehn weitere Metropolen im Blick. Amazons Tochter Zoox befördert Fahrgäste in Las Vegas und plant den Schritt nach San Francisco.
Ein Ziel, unterschiedliche Wege: Hightech-Sensorik in autonomen Fahrzeugen
Beim Rennen um das vollautonome Fahren verfolgen die Unternehmen unterschiedliche technologische Ansätze. Waymo baut beim neuen Waymo Driver 6 auf ein komplexes System mit 13 Kameras, vier LiDAR-Sensoren, sechs Radareinheiten sowie mehreren Audioempfängern.
Zudem setzt Waymo auf strikt definierte Einsatzgebiete: Die Fahrzeuge fahren ausschließlich in Bereichen, die vorher detailliert und hochauflösend kartiert wurden. Zugleich verweist das Unternehmen auf deutliche Sicherheitsvorteile – laut eigenen Angaben ist die autonome Flotte in 91 Prozent weniger Unfälle mit schwerwiegenden Verletzungen verwickelt als vergleichbare Fahrzeugflotten mit menschlichen Fahrern.
Das Gegenstück dazu bildet Tesla: Der Hersteller verzichtet auf vorherige HD‑Kartierung und setzt ausschließlich auf Kameras sowie KI‑Modelle, die die Umgebung in Echtzeit interpretieren. Ein Ansatz, der sofern er funktioniert, große Kostenvorteile bieten könnte.
Laut Morgan Stanley könnten Robotaxis bis 2030 rund 30 Prozent des US‑Ridesharing‑Marktes ausmachen – ein Szenario, das Platzhirsche wie Uber und Lyft auf den Plan ruft. In Atlanta und Austin kooperiert Uber mit Waymo, arbeitet in anderen Städten aber an eigenen Angeboten. Durch zahlreiche Partnerschaften sollen bis zu 100.000 autonome Fahrzeuge in die Uber-Plattform integriert werden, darunter Tausende selbstfahrende ID.Buzz von Volkswagen, mit einem geplanten Start 2026 in Los Angeles. Eine Kooperation mit Lucid und Nuro soll 20.000 Fahrzeuge beisteuern.
Lyft setzt unter anderem auf May Mobility. Das zur deutschen Benteler‑Gruppe gehörende Unternehmen Holon errichtete ein Werk in Jacksonville (Florida), in dem ab 2026 autonome Shuttle für Lyft produziert werden.