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USA investieren 100 Milliarden Dollar in Hochwasserschutz
Die Staudämme und Deiche sind vielfach veraltet. Zugleich gerät die Kanalisation bei Starkregen an ihre Grenzen. Bund und Kommunen investieren viel Geld, aber nicht genug.
27.01.2026
Von Roland Rohde | Washington, D.C.
Die Vereinigten Staaten investieren kräftig in ihre Wasserinfrastruktur. Neben der Frischwasserver- und Abwasserentsorgung biete der Hochwasserschutz interessante Geschäftsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen, berichtet Jan-Felix Kederer, Manager bei der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer (AHK) in Chicago im Gespräch mit Germany Trade und Invest. Allein in der Region listet die Metropolitan Water Reclamation District of Greater Chicago 275 entsprechende Projekte auf.
Auch in Alexandria (Virginia) und Takoma Park (Maryland) gibt es eine Reihe größerer Vorhaben zum Flutwassermanagement. Einen Überblick über landesweite Vorhaben zum Thema Flutvorsorge und Management bietet die National Municipal Stormwater Alliance. Für den Zugang zu den Daten muss man Mitglied werden.
60 Prozent der landesweiten Flutwassersysteme unterdimensioniert
Laut der Amercian Society of Civil Engineers (ASCE) muss das Ab- und Regenwassersystem landesweit modernisiert werden, um für die immer stärker werdenden Regenfälle gewappnet zu sein. Über 60 Prozent der entsprechenden Infrastruktur sind nach Angaben der zuständigen Kommunen unterdimensioniert. Der gesamte Investitionsbedarf belaufe sich auf 115 Milliarden US-Dollar (US$), so die ASCE. Auf die gleiche Summe kommt das Bundesumweltministerium in einem Bericht an den Kongress aus dem Jahr 2025.
Insgesamt existierten 2021 rund 270 Millionen Sturmabflüsse, 5,6 Millionen Kilometer Regenwasserkanäle und 2,5 Millionen Anlagen zum Auffangen und Behandeln von Flutwasser. Die meisten Anlagen befinden sich in der Nähe der Großen Seen, an der Ostküste sowie in Florida.
Veraltete Staudämme stoßen an ihre Grenzen
Zugleich besteht ein hoher Investitionsbedarf bei den Stauseen. Der Ende 2021 erlassene Infrastructure Investment and Jobs Act (IIJA) sieht laut der Association of State Dam Safety Officials (ASDSO) rund 3 Milliarden US$ für Renovierung, Rückbau und technische Aufrüstung vor. Das ist ein Bruchteil des notwendigen Bedarfs. Gemäß dem National Inventory of Dams lag das durchschnittliche Alter der 92.000 US-Dämme bei 65 Jahren. Nach Angaben des U.S. Army Corps of Engineers (USACE) sind die Objekte aber nur für 50 Jahre ausgelegt.
Laut der ASDSO würden bei einer Renovierung aller Staudämme Investitionskosten in Höhe von 165 Milliarden US$ anfallen. Doch nicht bei allen Objekten seien akut Maßnahmen notwendig. Nur rund 2.500 Anlagen ordnet der Verband der Stufe "Hochrisiko" zu. In dieser Kategorie belaufe sich der Investitionsbedarf auf 37 Milliarden US$.
Das Hauptproblem bestehe darin, dass sich bei Stauanlagen mit der Zeit immer mehr Sedimente bildeten. Der Klimawandel habe das Problem durch gehäufte Starkregenfälle verstärkt. Die meisten Stauanlagen wurden nicht unter Berücksichtigung des Klimawandels geplant und gebaut, sodass ihre Kapazitäten zunehmend an ihre Grenzen stoßen.
Im Juli 2023 floss in Vermont, wo die Dämme im Durchschnitt 90 Jahre alt sind, das Wasser über 57 Staumauern. Mehr als 50 Objekte wurden beschädigt, fünf Dämme brachen teilweise. Im Juni 2024 brach ein Damm in Minnesota, wodurch auch ein Wasserkraftwerk beschädigt wurde. Die genannten Anlagen waren jeweils rund 100 Jahre alt.
Viele Deiche müssen ebenfalls renoviert werden
Neben den Staudämmen gibt es laut der USACE noch 38.000 Kilometer Deiche, die als Bollwerke an Flüssen und an der Küste dienen. Sie sollen rund 23 Millionen Einwohner und 7 Millionen Gebäude vor Überflutung schützen. Das National Inventory of Dams listet rund 10.000 sogenannte "niedrige Systeme" auf. Das durchschnittliche Alter der Schutzwälle lag 2025 bei 61 Jahren.
Die meisten erfüllen nicht mehr moderne Standards: Rund 97 Prozent bestehen aus Erde, die restlichen 3 Prozent aus Stein, Beton und Stahl. Allerdings bestehe nur bei 3 Prozent sämtlicher Dämme ein hohes Gefährdungspotenzial. Um alle Objekte auf Vordermann zu bringen, seien Investitionen von 70 Milliarden US$ notwendig, so der Verband.
Das Bureau of Reclamation listet insgesamt rund 130 Projekte zum Ausbau, zur Renovierung und zum technischen Aufrüsten (beispielsweise durch neue Kraftwerke) von Staudämmen und Deichen auf. Auch hier ergeben sich Geschäftschancen für deutsche Ingenieurbüros oder Zulieferer von entsprechender Technik, so AHK-Manager Kederer.
Verband: Gesamtinvestitionsbedarf bei 350 Milliarden Dollar
In den drei genannten Bereichen – Staudämme, Deiche und Kanalisation zur Flutvorsorge – liegt somit ein Gesamtbedarf von 350 Milliarden US$ vor. Die staatliche Seite wird laut Einschätzung des ASCE aber nur 100 Milliarden US$ zur Verfügung stellen. Damit bestehe eine große Investitionslücke, bemängelt der Verband. Allerdings dürfte es sich bei den vom ihm genannten Investitionsbedarf auch um eine Maximalforderung handeln.
Für ausländische Anbieter sind Vorgaben bezüglich lokaler Wertschöpfungsanteile zu beachten. Auf nationaler Ebene kommt das Gesetz "The Build America, Buy America Act", das im Rahmen des Infrastructure Development and Jobs Act erlassen wurde, zum Tragen. Daneben können die Bundesstaaten und Kommunen eigene "made in America"-Quoten vorgeben.