Satellitenansicht der Straße von Hormus bei Nacht. Lichtspuren zeigen, wie viele Schiffe den Persischen Golf befahren. Satellitenansicht der Straße von Hormus bei Nacht. Lichtspuren zeigen, wie viele Schiffe den Persischen Golf befahren. | © picture alliance / CHROMORANGE

Markets | Irankrieg | Globale GTAI-Analyse

Der Irankrieg und die Weltwirtschaft: kurzfristig verkraftbar, langfristig einschneidend

Der Krieg im Nahen Osten ist ein spürbarer Kosten- und Risikofaktor für Unternehmen weltweit. Eine Umfrage im GTAI-Auslandsnetz zeigt: Noch ist die Lage beherrschbar. Doch je länger der Konflikt andauert, desto stärker geraten Märkte, Lieferketten und Investitionen unter Druck.  

Von Marcus Knupp | Berlin

Bisher sind der Krieg am Golf und die Sperrung der Straße von Hormus für die meisten Länder der Welt vor allem eins: teuer. Eine Analyse der Korrespondentinnen und Korrespondenten von Germany Trade & Invest (GTAI) zu 56 Ländern macht deutlich, wie Preise für Energie und Treibstoffe, Düngemittel und industrielle Vorprodukte steigen. Die gute Nachricht: Gravierende Engpässe gibt es bisher kaum. Wo Lieferausfälle auftreten, können Länder sie oft über Reserven oder Rationierungen abfedern, oder die Nachfrage sinkt wegen der höheren Preise. 
 

Grundlage der Analyse

Die GTAI-Auslandsmitarbeitenden haben im Zeitraum 5. bis 15. Mai 2026 einen strukturierten Fragebogen mit 15 Fragen ausgefüllt. Zusätzlich sind makroökonomische Kennzahlen des IWF in die Analyse eingeflossen. Aus den Ergebnissen hat GTAI einen Index aus 18 gewichteten Variablen gebildet, der die Betroffenheit einzelner Länder vergleichbar macht. 

 

Je länger der Konflikt aber andauert, desto einschneidender wirken sich Lieferschwierigkeiten und steigende Preise aus. Das belegt auch die Auswertung: Industriezweige wie die Düngemittelproduktion geraten in Bedrängnis. Die Inflationsrate in vielen Ländern steigt. Die mittelfristigen Folgen sind unter Umständen noch gravierender. Etwa, wenn es zu schlechten Ernten kommt, weil Dünger fehlte, und Nahrungsmittel knapp und teuer werden. Für etliche Länder wird sich die Lage also in den kommenden Monaten noch verschärfen. 

In vielen Märkten äußert sich der Konflikt zudem in wachsender Investitionszurückhaltung. Höhere Kosten, volatile Energiepreise und größere Unsicherheit führen dazu, dass Unternehmen Projekte verschieben, Finanzierungen neu kalkulieren oder Expansionen zurückstellen. Diese Zurückhaltung dürfte bei längerer Konfliktdauer wachstumshemmend wirken. 

 

Wer besonders unter Druck gerät 

Der Krieg wirkt sich weltweit unterschiedlich aus. Wie stark einzelne Volkswirtschaften betroffen sind, wird vor allem von ihrer Energie- und Importabhängigkeit, ihrer Rolle in internationalen Lieferketten und ihrer fiskalischen Ausgangslage beeinflusst. Besonders verwundbar sind energiearme Volkswirtschaften, Länder mit hohem Bedarf an Düngemittel- und Nahrungsmitteleinfuhren sowie Logistik- und Handelsdrehscheiben. Dagegen können rohstoff- und energieexportierende Länder teilweise von höheren Weltmarktpreisen profitieren oder ihre Rolle als alternative Lieferanten ausbauen. 

In mehreren Ländern, etwa in Polen, Tunesien oder den Philippinen versuchen Regierungen, die Belastungen für Haushalte und Unternehmen durch Preisbremsen, Subventionen oder Sparmaßnahmen abzufedern. Diese Eingriffe stabilisieren kurzfristig, erhöhen aber gleichzeitig den Druck auf die Staatshaushalte. 

 

Straße von Hormus bleibt neuralgischer Engpass  

Vor allem Länder in Asien beziehen Öl und Gas aus der Golfregion. Dort wirken sich Lieferausfälle zum Teil unmittelbar in Versorgungsengpässen aus. Von höheren Preisen für Energie sind dagegen über den Weltmarkt auch Länder in Europa und Amerika deutlich betroffen, auch wenn sie kein Öl oder Gas direkt vom Golf beziehen. 

Komplexer ist die Situation bei petrochemischen Vorprodukten wie Ammoniak oder Harnstoff – die Industrie braucht sie, um Düngemittel herzustellen. Oder auch bei Helium, das für die Halbleiterproduktion benötigt wird. Hier sind die Golfstaaten wichtige Lieferanten. Und weil sie nun nicht mehr oder nur noch eingeschränkt liefern können, leiden nicht nur betroffene Industrien unter den Engpässen, sondern auch deren weltweite Abnehmer.  

Eskalation hätte weltweite Krise zur Folge 

GTAI hat die Expertinnen und Experten vor Ort nach drei Szenarien gefragt: Sollte der Konflikt bis Ende Juni 2026 beendet sein, käme die Weltwirtschaft nach Einschätzung der Befragten mit einem blauen Auge davon. Nur wenige Länder wären dann in ihrer gesamtwirtschaftlichen Perspektive erheblich beeinträchtigt, etwa solche, die direkt von Angriffen betroffen sind.  

Die Bewertung kippt, sollte der Krieg bis zum Herbst andauern. Für diesen Fall sehen 54 Prozent der Befragten für ihre Länder deutliche wirtschaftliche Auswirkungen noch im laufenden Jahr, weil sich dann die Lieferprobleme verschärfen dürften. Sollte der Konflikt eskalieren und sich ausweiten, mit noch viel weiter gehenden Einschränkungen der Lieferketten und der globalen Energieversorgung, dann sehen 82 Prozent der Befragten für ihre Berichtsländer erhebliche Auswirkungen voraus, 21 Prozent davon erwarten sehr starke oder gar systemische Konsequenzen, vor allem für die Länder im Nahen Osten. 

Für deutsche Unternehmen steigen in vielen Märkten vor allem drei Risiken: Erstens verteuern sich Logistik, Energie und Vorprodukte. Zweitens steigt die Unsicherheit bei Nachfrage, Finanzierung und Investitionen. Drittens werden einzelne Lieferketten störanfälliger, etwa dort, wo Transportkorridore, Düngemittel oder energieintensive Vorleistungen eine zentrale Rolle spielen. Gleichzeitig entstehen punktuelle Chancen – etwa bei Energieeffizienz, alternativen Transportrouten oder dem Aufbau resilienter Infrastruktur. 

Wie die wirtschaftlichen Aussichten in den einzelnen Ländern von den GTAI-Expertinnen und Experten eingeschätzt werden, lesen Sie in der Reihe Wirtschaftsausblick.