Special | Arabische Golfstaaten | Krieg in Nahost
Deutsche Exporte in die Golfstaaten brechen ein
Deutsche Ausfuhren an den Golf sinken kräftig. Neben den kriegsbedingten Einschränkungen im Seeverkehr spielen auch geringere Projektvergaben im vergangenen Jahr eine Rolle.
13.05.2026
Von Heena Nazir, Peter Schmitz | Dubai, Bonn
Die deutschen Exporte in die Golfregion sind im 1. Quartal 2026 deutlich gesunken. Alleine die Ausfuhren in die sechs Staaten des Golfkooperationsrats (Gulf Cooperation Council, GCC, Saudi-Arabien, VAE, Katar, Kuwait, Oman, Bahrain) und Irak fielen von rund 6,1 Milliarden Euro auf 5 Milliarden Euro. Das entspricht einem Minus von 19 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.
Besonders deutlich fiel der Rückgang im März 2026 aus. Ende Februar begann mit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran ein Krieg, in dessen Verlauf der Iran Ziele in den arabischen Golfstaaten attackierte und mit der Straße von Hormus die Handelsschlagader der Region blockierte. In der Folge lagen die deutschen Lieferungen in die Golfstaaten inklusive Irak in diesem Monat bei rund 1,4 Milliarden Euro und damit etwa ein Drittel unter dem Vorjahreswert. Ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt: Das liegt nicht ausschließlich am Krieg und der Blockade des Seewegs. Bereits im Januar 2026 lagen die Ausfuhren 15,2 Prozent unter dem Vorjahresmonat, im Februar 7,6 Prozent.
Große Märkte ziehen die Bilanz nach unten
In absoluten Zahlen gesehen konzentriert sich der Rückgang auf die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Saudi-Arabien. Die VAE blieben zwar der größte Einzelmarkt, doch die deutschen Ausfuhren dorthin sanken im ersten Quartal um 20,2 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro. Saudi-Arabien verzeichnete ein Minus von 14,9 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro; dort gingen die Lieferungen um 320,5 Millionen Euro zurück. Zusammen standen beide Märkte damit für rund drei Viertel des gesamten des Rückgangs deutscher Lieferungen in die Golfstaaten.
Kleinere Märkte sind für sich genommen zwar stärker betroffen, fallen in der Gesamtrechnung aber weniger ins Gewicht. Die deutschen Lieferungen nach Bahrain verloren 41,7 Prozent, in den Irak 32,4 Prozent und nach Kuwait 21,1 Prozent. Katar lag zwar nur 13,4 Prozent unter dem Vorjahr, was jedoch vor allem an besonders hohen Lieferungen im Februar lag. Nach Kriegsausbruch sanken die Lieferungen rapide. Mit 12,4 Prozent ist der Rückgang der Lieferungen in den Oman dagegen vergleichsweise moderat. Den absoluten Rückgang bestimmen die großen Märkte, während kleinere durch die kriegsbedingten Einschränkungen stärker vom Handel abgeschnitten sind. Länder wie Bahrain, Kuwait, Katar und Irak verfügen über keinen alternativen Seeweg zur Straße von Hormus. Dagegen können Saudi-Arabien, Oman und mit Abstrichen auch die VAE Seehäfen außerhalb dieses Nadelöhrs nutzen.
| Land | Januar-März 2025 | Januar-März 2026 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Bahrain | 104,7 | 61,0 | -41,7 |
| Katar | 338,8 | 293,5 | -13,4 |
| Kuwait | 286,2 | 225,8 | -21,1 |
| Oman | 173,4 | 151,9 | -12,4 |
| Saudi-Arabien | 2.154,2 | 1.833,7 | -14,9 |
| Vereinigte Arabische Emirate | 2.672,4 | 2.133,8 | -20,2 |
| Golfkooperationsrat insgesamt | 5.731,8 | 4.699,7 | -18,0 |
| Irak | 383,9 | 259,7 | -32,4 |
| Islamische Republik Iran | 273,6 | 127,1 | -53,6 |
| Golfstaaten + Iran + Irak | 6.389,9 | 5.086,5 | -20,4 |
Beschleunigt der Krieg einen Trend?
Die Eskalation in der Region hat den Rückgang der Exporte also verschärft, ist aber nicht der alleinige Grund für die Entwicklung. Kurzfristig steigen Risiken für See- und Luftwege und damit die Preise für Versicherungen und Transport. Mittel- und langfristig erschwert die Situation Finanzierungs- und Beschaffungsentscheidungen. Hinzu kommt eine bereits vorher sichtbare Zurückhaltung bei der Vergabe von Projekten. Für deutsche Exporteure ist das wichtig, weil Deutschland an den Golf vor allem Investitionsgüter liefert: Maschinen, Fahrzeuge, Elektrotechnik, Anlagen, Pumpen, Kompressoren, Mess- und Steuertechnik, Medizintechnik und Spezialkomponenten. Wenn Regierungen Projekte strecken oder Budgets strenger prüfen, trifft das daher nicht nur die Bautätigkeit vor Ort, sondern mit Verzögerung auch ausländische Zulieferer.
Der Informationsdienst MEED Projects meldete bereits für 2025 deutlich niedrigere Auftragsvergaben in den Staaten des GCC. Das Vergabevolumen sank von rund 314,0 Milliarden US-Dollar (US$) im Jahr 2024 auf rund 213,0 Milliarden US$. Besonders stark fiel der Rückgang in Saudi-Arabien aus: Dort halbierten sich die Vergaben von 164,0 Milliarden US$ auf 84,5 Milliarden US$. Das Königreich bleibt wegen der Vision 2030 zwar ein strategischer Markt, große Vorhaben standen aber schon vor dem Krieg stärker unter dem Vorbehalt von Finanzierung, Umsetzbarkeit und Priorität. Dieses Vorgehen dürfte sich auch in anderen Ländern der Region noch stärker zeigen.
Kein einheitliches Bild
Die Projektvergaben im ersten Quartal 2026 zeichnen dennoch kein einheitliches Krisenbild. Neu vergebene Aufträge zeigen konkrete Investitionsentscheidungen. Im GCC stiegen sie in den ersten drei Monaten 2026 gegenüber dem Vorjahresquartal leicht um 3,9 Prozent auf 71,6 Milliarden US$. Das spricht gegen einen breit angelegten Stopp von Investitionen.
Aber auch hinter dieser Gesamtsumme stehen jedoch sehr unterschiedliche Ländertrends. Saudi-Arabien vergab nur noch die Hälfte an neuen Projekten, während Oman, Kuwait und Katar kräftig zulegten. Die VAE blieben nahezu stabil und stellten weiter den größten Einzelanteil. Für deutsche Exporteure kann diese Verschiebung entscheidend sein: Zuwächse in kleineren Märkten können die abflauende Dynamik in Saudi-Arabien nicht ganz ausgleichen.
Zudem führen vergebene Aufträge nicht sofort zu Lieferungen. Zwischen Zuschlag, technischer Planung, Bestellung und Import von Maschinen, Elektrotechnik, Fahrzeugen oder Spezialkomponenten liegen häufig mehrere Monate oder Jahre. Kurzfristig belasten daher verschobene Beschaffungen, vorsichtigere Auftraggeber und Kriegsrisiken die Exportstatistik. Mittelfristig können aber neue Chancen entstehen, wenn höhere Auftragsvolumina in Oman, Katar, Kuwait oder den VAE in konkrete Lieferaufträge für deutsche Unternehmen münden.
| Land/Region | Q1 2025 | Q1 2026 | Veränderung in % |
|---|---|---|---|
| Vereinigte Arabische Emirate | 34,7 | 34,9 | +0,6 |
| Saudi-Arabien | 23 | 11,8 | -49 |
| Katar | 5,5 | 8,9 | +63,1 |
| Kuwait | 1,5 | 5,8 | +295,3 |
| Oman | 4 | 10,2 | +154,6 |
| Bahrain | 0,2 | 0,1 | -60,6 |
| GCC insgesamt | 68,9 | 71,6 | +3,9 |
Region bleibt relevanter Markt
Wie die Bilanz für 2026 am Ende ausfällt, wird stark von der Entwicklung an der Straße von Hormus abhängen. Der Handel könnte schnell wieder anlaufen, sollte der Seeweg wieder voll nutzbar sein. Eine vollständige Erholung dürfte aber alleine aus logistischen Gründen Wochen benötigen. Schwankende Monatswerte sind im Exportgeschäft auch in ruhigen Zeiten üblich, vor allem wenn einzelne Großlieferungen später verbucht oder verschobene Lieferungen nachgeholt werden.
Eine schnelle Rückkehr zum starken Exportniveau von 2025 ist dennoch nicht wahrscheinlich. Dagegen sprechen weiterhin anhaltende Einschränkungen der Lieferwege, vorsichtigere Beschaffungsentscheidungen und die schwächere Projektdynamik Saudi-Arabiens. Die wahrscheinlichste Lesart lautet daher: Der Einbruch im März 2026 ist mehr als ein kurzfristiger Schock, aber kein Beleg für einen strukturellen Rückzug der Golfstaaten aus Investitionen. Für deutsche Exporteure bleibt die Region wichtig. Die Chancen verlagern sich jedoch in strategisch wichtige Projekte sowie gegebenenfalls auf weniger visionäre, sondern konkretere Projekte, die tatsächlich in Beschaffungen und Lieferaufträge übergehen.