Special | Asien | Krieg im Nahen Osten

Wie die Golfkrise Asiens Energie- und Industrieversorgung bremst

Die Länder Asien-Pazifiks sind abhängiger von Öl und Gas aus Nahost als andere Weltregionen. Die Schließung der Straße von Hormus erzwingt Notmaßnahmen, aber auch Strukturwandel.

Von Frank Malerius | Bangkok

Die Auswirkungen der faktischen Schließung der Straße von Hormus trifft die Länder Asiens besonders stark, weil bis zu 90 Prozent der Öl- und Gasimporte vom Golf stammen. Zudem ist Asien-Pazifik über weitere Lieferketten eng mit dem Nahen Osten verbunden, etwa bei Grundstoffen für Dünger und die Kunststoffproduktion oder bei Gasen für die wichtige Halbleiterindustrie.

Dass die Wirtschaft in Asien-Pazifik läuft, ist wichtig für den Rest der Welt. Denn dort sind unverzichtbare Produktions- und Zuliefernetzwerke angesiedelt: kaum ein Elektronikgerät ohne Chips und Halbleiter aus Taiwan, China oder Südkorea, kein Handy ohne die gigantischen Produktionsstraßen in Indien, China oder Vietnam, kein Bekleidungseinzelhandel ohne Millionen Näherinnen in Bangladesch, Indonesien, Kambodscha oder Myanmar.

Lieferungen wichtiger Rohstoffe nach Asien-Pazifik sind stark eingeschränkt 

Öl- und Gastanker sowie andere Frachtschiffe meiden aufgrund von iranischen Drohungen oder gekündigter Transportversicherungen den Weg durch das Nadelöhr am Persischen Golf. Zusätzlich beeinträchtigt die Gefahr durch Huthi-Milizen den Containerverkehr im Roten Meer. Auch Flugverbindungen, ob für Reisende oder Luftfracht, sind eingeschränkt und teuer. "Die Kosten für Luftfracht sind in den letzten beiden Wochen auf der Europa-Asien-Route um bis zu 60 Prozent gestiegen. Das betrifft die Route in beide Richtungen“, sagt Udo Leiber, Managing Director von LEUCO Asia.

Die Welt bezieht etwa 20 Prozent ihrer Rohöllieferungen von den Anrainern der Straße von Hormus. In China ist es mehr als ein Drittel, in Indien die Hälfte, in den ASEAN-Ländern fast zwei Drittel. Japan bezog 2024 nahezu sein gesamtes Rohöl von dort.

China ist am besten auf die Krise vorbereitet

Je nach Abhängigkeit ist die Lage für die Länder unterschiedlich kritisch. China ist zwar weltgrößter Rohölimporteur und nimmt Schätzungen zufolge rund 80 Prozent der iranischen Ölexporte ab. Durch direkte Pipelines aus Russland und große Reserven ist das Land jedoch nur begrenzt auf Tankerlieferungen angewiesen und verfügt über eine vergleichsweise robuste fiskalische Position. Eine substanzielle Substituierung von Importöl und -gas ist zwar nicht absehbar. Dennoch profitiert China mit den weltweit größten Wind- und Solarkapazitäten vom Boom Grüner Energien und zählt zu den Vorreitern beim Comeback der Atomkraft.

In Süd- und Südostasien machten sich die steigenden Preise und ausbleibende Lieferungen hingegen in vielen Bereichen der Wirtschaft und im Alltag schnell bemerkbar. In vielen Ländern bildeten sich Schlangen an den Tankstellen. Zudem wird in ärmeren Ländern zumeist mit Flüssiggas (Liquid Petroleum Gas, LPG) gekocht. In Indien mussten daher schon Restaurants schließen; auch die Stahlproduktion und andere Industrien leiden unter dem Gasmangel. Der Subkontinent bezieht fast sein gesamtes LPG aus der Golfregion.

Für die hochentwickelten Volkswirtschaften Ostasiens wird dagegen vor allem der Gasmangel für die Stromerzeugung spürbar. Taiwan importiert beispielsweise über 95 Prozent seiner Kohlenwasserstoffe für die Energieerzeugung und verfügt nur über geringe Reserven. Größter Ölimporteur vom Golf ist Japan.

Regierungen in Asien erlassen Notfallmaßnahmen gegen steigende Preise

Die Regierungen der Region haben unmittelbar nach Kriegsausbruch Notfallmaßnahmen erlassen. Sie gaben Ölreserven frei und stabilisierten die vielerorts bereits subventionierten Preise für Benzin, Strom und Kochgas mit zusätzlichen staatlichen Zuschüssen. Insbesondere in den Schwellenländern der Asien-Pazifik-Region hat bezahlbare Energie eine fundamentale Bedeutung: Sie ist Teil der politischen Legitimation. 

Haushalte und Unternehmen werden die steigenden Preise für zahlreiche Waren aufgrund höherer Energie- und Transportkosten dennoch kurzfristig spüren. Gleichzeitig belasten höhere Kosten und Subventionszahlungen die Staatshaushalte. Die zu erwartende Zurückhaltung beim Konsum sowie bei privaten und öffentlichen Investitionen dürfte sich auch auf die Geschäfte der deutschen Wirtschaft in Asien auswirken. 

Energie sparen und Stromquellen diversifizieren 

Neben den Bemühungen um Preisstabilität ergreifen die Länder Energiesparmaßnahmen: In den Philippinen verordnete die Regierung Behörden die Vier-Tage-Woche. In Thailand empfehlen staatliche Stellen, Klimaanlagen in Büros herunterzuregeln. Beschäftigte sollen kurzärmlige Kleidung tragen und Treppen statt Aufzüge nutzen. In Myanmar gilt für die individuelle Mobilität seit Beginn des Kriegs die Regel, dass private Autos nur noch an jedem zweiten Tag fahren dürfen.

Parallel gewinnen alternative Stromquellen an Bedeutung. Zahlreiche Staaten in Asien drosseln den Betrieb ihrer Gaskraftwerke und nutzen verstärkt Kohlekraft. Davon profitieren Kohleexporteure wie Indonesien oder Australien. Viele Länder werden nun auch stärker in die Erschließung eigener Ölquellen investieren. Insbesondere die Schwellenländer der ASEAN werden sich auch noch hartnäckiger als bisher um einen Einstig in die Kernkraft bemühen. In Taiwan wird die Rückkehr zur Atomkraft ebenfalls intensiv diskutiert – nachdem der Inselstaat erst 2025 den letzten Atommeiler abgeschaltet hatte. 

Stärkere Förderung für Erneuerbare und E-Mobilität

Die Energiekrise bietet auch Anreize, erneuerbare Energien weiter zu fördern. Allerdings können diese in vielen wachstumsstarken Schwellenländern schon heute kaum mit dem allgemein steigenden Energiebedarf mithalten. Grüner Strom wird zwar überall ausgebaut. Doch dessen Anteil am Primärenergieverbrauch ist nach wie vor gering.

Auch die E-Mobilität könnte profitieren: Die aktuelle Krise dürfte Regierungen in Asien dazu bewegen, den Umstieg auf E-Autos mit höheren Subventionen zu unterstützen. Länder mit großen Kohlevorkommen – neben Australien und Indonesien auch China und Vietnam - können teures Importöl durch heimischen Kohlestrom ersetzen. Thailand, das Strom vor allem aus selbst gefördertem oder aus dem benachbarten Myanmar importiertem Gas erzeugt, diversifiziert mit der wachsenden E‑Mobilität schon jetzt die Energiegrundlage seines Verkehrssektors. Ziel ist dabei weniger der Umweltschutz als eine verbesserte volkswirtschaftliche Krisenresistenz. 

Der Industrie fehlen auch andere essentielle Roh- und Grundstoffe

Die industriellen Lieferketten der dynamischen Produktionszentren Asien-Pazifiks sind nicht nur stark von Öl und Gas aus Nahost abhängig, sondern auch von deren Nebenprodukten. So benötigt die Chip- und Halbleiterproduktion mit ihren Schwerpunkten in Taiwan, China und Südkorea, von der weltweit ganze Lieferketten abhängen, Helium. Dieses Gas wird vor allem in Katar produziert.

Auch die Landwirtschaft in Asien, die Milliarden Menschen versorgt und erhebliche Exporterlöse erzielt, ist auf Kunstdünger angewiesen. Bestandteile wie Ammoniak und Schwefel werden größtenteils über die Straße von Hormus geliefert. Die Preise für Düngemittel steigen bereits. Darüber hinaus fehlen chemische Grundstoffe wie Naphta, die beispielsweise für die Kunststoffproduktion benötigt werden. In Thailand wurden bereits erste petrochemische Betriebe abgeschaltet.

China als Gewinner des Nahostkonfliktes?

Die Blockade der Straße von Hormus zwingt die Länder der Asien-Pazifik-Region, ihre Zulieferstrukturen kurzfristig zu verbreitern. Auch längerfristig dürften die Erfahrungen der aktuellen Krise zu mehr Diversifizierung bei den Bezugsländern führen, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Bei Öl und Gas und deren Nebenprodukten könnten vor allem Russland und afrikanische Anbieter profitieren. Politisch positionieren sich die meisten Länder in Asien-Pazifik neutral. 

"Die ohnehin enorm starke Konkurrenz aus China dürfte sich für den deutschen Mittelstand in der Region zusätzlich verschärfen."

Transportwege werden so länger und weltweit gefragte Alternativanbieter bei Preisverhandlungen mächtiger. Dadurch könnten Energieimporte und die Versorgung mit industriellen Rohstoffen in Ost-, Süd- und Südostasien dauerhaft teurer werden. "Als Gewinner könnte sich wieder China herauskristallisieren", sagt Udo Leiber von LEUCO Asia. "Aufgrund der relativ hohen Energieautonomie und der räumlichen Nähe zu Absatz- und Beschaffungsmärkten in Asien sind Firmen aus dem Reich der Mitte vergleichsweise weniger von den Preissteigerungen betroffen. Die ohnehin enorm starke Konkurrenz aus China dürfte sich für den deutschen Mittelstand in der Region zusätzlich verschärfen."

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