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EU und Australien haben mehr vor als nur ein Freihandelsabkommen

Mit Australien verbindet die EU viel, neue Abkommen ermöglichen vertiefte Handelsbeziehungen aber auch Partnerschaften in Verteidigung und bei kritischen Rohstoffen.

Von Daniel Lenkeit | Sydney

So weit wie Australien ist kaum ein Land von Deutschland entfernt, trotzdem ist es ein wichtiger Partner in der Indo-Pazifik-Region. „Wir könnten kaum näher zusammen sein, wie wir die Welt sehen“, so formulierte es EU-Kommissionpräsidentin Ursula von der Leyen am 24. März 2026 in Canberra. Mit dem australische Premierminister Anthony Albanese verkündigte sie eine umfassende Partnerschaft, die neben einem Freihandelsabkommen auch Sicherheit und Verteidigung umfasst und Australien zum Forschungsprogramm Horizon Europe zulassen soll.

Wichtigster Punkt für die Wirtschaft ist der Abschluss der Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen. Der finale Text wurde am 23. März 2026 in Canberra vereinbart, als nächstes müssen in der EU der Ministerrat und das EU-Parlament zustimmen. Außerdem müssen in der EU die Parlamente der einzelnen Mitgliedstaaten den Text absegnen, damit das Abkommen endgültig in Kraft treten kann. Dieser Schritt gestaltet sich oft aufwändig und führt zu Verzögerungen. Allerdings besteht die Möglichkeit einer vorläufigen Anwendung des Handelsteils aufgrund der handelspolitischen Zuständigkeit der EU, auch ohne die Zustimmung der nationalen Parlamente.

Markt mit gemeinsamen Werten

Für Europa eröffnet das Abkommen langfristig einen verbesserten Zugang zu einem politisch stabilen, rohstoffreichen und für Investitionen offenen Markt im Indopazifik. Mit Ausnahme von Stahl soll das Abkommen praktisch alle Zölle auf Exporte zwischen Australien und den 27 Mitgliedstaaten der EU abschaffen. Die EU-Kommission erwartet sich von der Umsetzung ein Wachstum der Warenexporte nach Australien von 33 Prozent in den nächsten zehn Jahren. 

Ein politisch sensibler Punkt in den Verhandlungen war der Agrarsektor. Hier geht es um zollfreie Kontingente. Künftig soll Australien unter anderem deutlich größere Mengen Rind- und Schaffleisch in die EU exportieren dürfen als bisher. Allerdings werden die Quoten wohl unter den ursprünglichen Forderungen (50.000 Tonnen Rindfleisch, 67.000 Tonnen Schaffleisch) der australischen Agrarwirtschaft liegen. Dies unterstreicht, dass das Abkommen zwar Marktöffnungen bringt, aber kein vollständiger Durchbruch für alle Sektoren ist.

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Für Deutschland ergeben sich schrittweise Verbesserungen für Industrie- und Dienstleistungsexporteure, etwa im Maschinen- und Anlagenbau, in der Umwelt- und Energietechnik sowie bei wissensintensiven Dienstleistungen. Rund 30 Prozent der EU-Exporte nach Australien entfallen auf Deutschland, 2025 beliefen sich die deutschen Exporte auf 10,3 Milliarden Euro, rund 8 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Importe aus Australien stiegen um knapp 10 Prozent auf 4,6 Milliarden Euro. 

Einzelne Branchen können profitieren

Die EU listet als Schlüsselsektoren mit starkem Wachstumspotenzial unter anderem Milchprodukte, Kraftfahrzeuge und Chemikalien auf. Daneben könnten Investitionen in Down Under kräftig zulegen. Gleichzeitig bleiben strukturelle Faktoren bestehen, wie die große geografische Distanz, höhere Kosten und der begrenzte Binnenmarkt Australiens mit 27 Millionen Einwohnern. Das Abkommen senkt Handelshemmnisse, ersetzt jedoch keine sorgfältige Markterschließung. 

Über den Warenhandel hinaus soll das Abkommen durch eine begleitende Verteidigungs und Sicherheitspartnerschaft sowie eine engere Forschungskooperation, unter anderem durch einen assoziierten Zugang Australiens zum EUProgramm Horizon Europe, ergänzt werden. Horizon Europe ist das größte Förderprogramm für Forschung und Entwicklung weltweit, seit 2025 ist Südkorea beigetreten. Der Beitritt Japans wird in diesem Jahr erwartet.

Geopolitisches Umfeld erfordert neue Partnerschaften

Die Abkommen fallen in eine Phase zunehmender Unsicherheiten für den internationalen Handel. Protektionistische Maßnahmen, erratische Handelspolitik wichtiger Partner und geopolitische Neuordnungen beeinflussen Warenströme und Lieferketten. Die EU und Australien verfolgen beide das Ziel, ihre Handelsbeziehungen zu diversifizieren und Abhängigkeiten von einzelnen Märkten zu reduzieren.

Die EU legte zuletzt ein hohes Tempo bei ihren Freihandelsaktivitäten vor. Im Januar 2026 hatte sie mit Indien die Verhandlungen abgeschlossen und mit Indonesien im September 2025. Das Mercosur-Abkommen soll ab 1. Mai 2026 vorläufig in Kraft treten. Mit den zusätzlichen Vereinbarungen zu Verteidigung und Forschung wird die hohe Bedeutung neuer Partnerschaften in der Indo-Pazifik-Region deutlich.