Wirtschaftsausblick | Belgien
Globale Märkte stellen Belgiens Wettbewerbsfähigkeit auf Prüfstand
Globale Unsicherheiten bremsen das Wachstum der belgischen Wirtschaft. Um gegenzusteuern, setzt die Regierung auf Arbeitsmarktreformen.
12.01.2026
Von Michael Sauermost | Bonn
Top-Thema: Arbeitsmarktreformen sollen Belgiens Industrie wettbewerbsfähiger machen
Ein umfangreiches Paket arbeitsrechtlicher Maßnahmen soll ab 2026 den belgischen Arbeitsmarkt moderner, flexibler und konkurrenzfähiger gestalten. Auch die finanzielle Stabilität des Sozialsystems steht im Fokus. Kernpunkte sind eine Ausweitung der Arbeitszeitflexibilität, die Wiedereinführung von Probezeiten, geringere Abfindungen sowie Maßnahmen zum Senken der Arbeitskosten.
Ein besonders kontroverser Bestandteil ist die Begrenzung des Arbeitslosengeldes auf maximal zwei Jahre, wodurch viele Betroffene künftig auf kommunale Sozialhilfe angewiesen sein könnten. Für Unternehmen, auch internationale, könnten die Reformen mehr Flexibilität und geringere Beschäftigungsrisiken bringen, während Arbeitnehmerorganisationen die Reduzierung von Schutzrechten kritisieren.
Auch an den Lohnkosten wird geschraubt. Belgien verwendet ein automatisches Lohnindexierungssystem, das Löhne und Sozialleistungen an die Inflation koppelt. Die Regierung begrenzt nun die automatische Indexierung von Löhnen oberhalb einer Schwelle von 4.000 Euro. Nur der Teil bis zu 4.000 Euro wird zukünftig indexiert. Arbeitgeber teilen sich die daraus resultierenden Kosteneinsparungen mit der Regierung, da sie die Hälfte an die Sozialversicherung abführen müssen. Diese Maßnahme gilt als sehr komplex, da Belgien kein einheitliches Indexsystem für einzelne Sektoren hat.
Unternehmen haben zukünftig unter anderem folgende Vorteile: Größere Flexibilität bei Arbeitszeiten, weniger Risiko bei Neueinstellungen, geringere bürokratische Hürden beim Einstellen von Nicht‑EU‑Fachkräften sowie niedrigere Arbeitskosten. Auf der anderen Seite bleiben die Komplexität des belgischen Arbeitsrechts, strukturelle Probleme des Arbeitsmarkts sowie regionale Unterschiede bestehen.
Wirtschaftsentwicklung: Überschaubares Wachstum setzt sich fort
Die Europäische Kommission hat ihre Prognose für Belgien im Herbst 2025 gegenüber der aus dem Frühjahr nur geringfügig nach oben korrigiert. Demnach soll das belgische Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2025 real um 1 Prozent und 2026 um 1,1 Prozent steigen. Für 2027 hält die Kommission eine Wachstumsrate von 1,3 Prozent für realistisch.
Weiterhin wirken laut den EU-Experten Unsicherheiten auf den internationalen Märkten sowie damit einhergehend mäßige Aussichten für das Exportgeschäft als Hemmschuh. Als offene Volkswirtschaft leidet Belgien unter den Auswirkungen des Handelskriegs. Die USA sind ein wichtiger Handelspartner. Mehr als die Hälfte der Warenexporte in die USA sind Arzneimittel, gefolgt von Maschinen, anderen Chemikalien und Fahrzeugen.
Die neuesten BIP-Prognosen der Belgischen Nationalbank (NBB) vom Dezember 2025 sehen nicht optimistischer aus. Die Zentralbankanalysten prognostizieren 1 Prozent Realwachstum für 2025, für die beiden Folgejahre jeweils 1,1 Prozent. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hegt ähnliche Erwartungen, rechnet allerdings für 2027 mit einem Plus von 1,2 Prozent.
Die inländische Nachfrage ist voraussichtlich 2025 zurückgegangen, könnte sich laut Zentralbank aber 2026 und 2027 wieder etwas stabilisieren. Gedämpftes Beschäftigungswachstum, Kürzungen der Arbeitslosenunterstützung und eine steigende Inflation im Jahr 2028 werden jedoch voraussichtlich den privaten Konsum in den nächsten zwei Jahren belasten.
Inflation sinkt, Investitionen wenden Talfahrt ab
Die Inflationsrate lag 2025 im Durchschnitt bei 3 Prozent und sollte sich bis 2027 allmählich abschwächen, erwartet die NBB. Für 2028 wird indes ein zwischenzeitlicher Anstieg erwartet, wenn das neue europäische Emissionshandelssystem ETS2 in Kraft tritt. Es schreibt den Lieferanten fossiler Brennstoffe vor, Emissionszertifikate zu erwerben. Diese zusätzlichen Kosten werden voraussichtlich an die Endverbraucher weitergegeben.
Bei den Unternehmensinvestitionen rechnet die Europäische Kommission für 2026 mit einer Steigerung von 1,2 Prozent; analog zum Bausektor. Die Investitionen in technische Ausrüstungen sollen um 1 Prozent wachsen, nach einem Minus von rund 2,6 Prozent im Vorjahr.
Staatsverschuldung bleibt problematisch
Die Europäische Kommission erwartet für 2026 ein Haushaltsdefizit Belgiens von 5,5 Prozent des BIP, das sich bis 2027 auf 5,9 Prozent ausweiten könnte. Die Gründe für das besorgniserregende Wachstum auf hohem Niveau sind steigende Kosten vor allem für das Gesundheitssystem und Renten, Zinsen sowie für Verteidigung. Der Druck auf die Regierung steigt, das Defizit bis 2029 auf die EU-Vorgabe von 3 Prozent zu reduzieren.
Deutsche Perspektive: Bilateraler Handel leidet unter allgemeiner EU-Konjunkturlage
Belgische Warenlieferungen nach Deutschland gingen im 1. Halbjahr 2025 im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des Vorjahres um 1,1 Prozent auf 23,4 Milliarden Euro zurück. Das Minus war immerhin geringer als in den Kalenderjahren zuvor (2024: -9 Prozent; 2023 -16,8 Prozent). Deutsche Exporte nach Belgien sanken im Vergleichszeitraum um 2,2 Prozent auf 29,6 Milliarden Euro.
Beim deutsch-belgischen Warenhandel handelt es sich zum großen Teil um Transitlieferungen europäischer Drittländer. Ein Wirtschaftsaufschwung in Europa ist daher für seine Belebung essenziell.
Der Rückgang deutscher Ausfuhren nach Belgien ist zum Teil auf die schwache Performance in der Automobilindustrie zurückzuführen, stärker noch auf die allgemein schleppende europäische Nachfrage. Sinkende Importe aus Belgien gehen insbesondere auf die Chemie- und Pharmabranche zurück. Dort drücken immer noch hohe Energie- und Lohnkosten die Produktion, denn Käufer suchen günstigere Beschaffungsmärkte.
Beide Länder haben sich ehrgeizige Ziele für den Ausbau der Offshore-Windenergie gesetzt. Außerdem rückt Belgien als europäischer Importhub und Transitdrehscheibe für grünen Wasserstoff in den Fokus. Davon dürfte auch Deutschland profitieren.
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