Recht kompakt | Brasilien | Indirekte Steuern
Brasilien: Steuerrecht - Indirekte Steuern
Seit Januar 2026 befindet sich die Steuerreform in der Umsetzungsphase. Sie wird erhebliche Auswirkungen auf die Konsumbesteuerung haben. (Stand: 28.05.2026)
Von Dr. Julio Pereira | Berlin
Hinweis: Die folgenden Angaben stellen eine Erstinformation zu rechtlichen Rahmenbedingungen dar. Germany Trade & Invest bietet keine Steuerberatung an.
Die indirekten Steuern besitzen traditionell die größte praktische Bedeutung im brasilianischen Steuersystem. Sie gelten zugleich als Hauptursache für die hohe Komplexität des brasilianischen Steuerrechts.
Bisheriges System indirekter Steuern
Vor der Steuerreform beruhte die indirekte Besteuerung insbesondere auf fünf Steuern:
- ICMS (Waren- und Dienstleistungsumlaufsteuer der Bundesstaaten),
- ISS (kommunale Dienstleistungssteuer),
- IPI (Industrieproduktsteuer),
- PIS und COFINS (bundesrechtliche Sozialabgaben auf Umsätze).
Die gleichzeitige Existenz verschiedener Steuerarten mit unterschiedlichen Bemessungsgrundlagen, Steuersätzen und Zuständigkeiten führte zu erheblicher Rechtsunsicherheit und hoher administrativer Belastung. Die ICMS gehört zu den komplexesten Steuern Brasiliens. Sie wird von den Bundesstaaten geregelt und betrifft insbesondere Warenverkehr, Kommunikationsdienstleistungen, Energie sowie Transportleistungen. Die Steuersätze variieren je nach Bundesstaat und Art der Transaktion erheblich.
Die ISS wird von den Gemeinden erhoben und betrifft Dienstleistungen gemäß Ergänzungsgesetz Nr. 116/2003.
Steuerreform
Mit der Verfassungsänderung Nr. 132/2023 wurde die umfassendste Steuerreform Brasiliens seit den 1960er Jahren verabschiedet. Ziel der Reform ist die Vereinfachung der indirekten Besteuerung durch Einführung eines dualen Mehrwertsteuersystems (IVA Dual).
Die Reform wurde durch das Ergänzungsgesetz Nr. 214/2025 und das Ergänzungsgesetz Nr. 227/2026 konkretisiert. Dieses Gesetz regelt insbesondere die neuen Steuern IBS (Imposto sobre Bens e Serviços) und CBS (Contribuição sobre Bens e Serviços). Die CBS ersetzt auf Bundesebene schrittweise PIS und COFINS. Der IBS ersetzt langfristig ICMS und ISS auf Ebene der Bundesstaaten und Gemeinden. Ergänzend wurde der Imposto Seletivo (IS) eingeführt, der bestimmte gesundheits- oder umweltschädliche Produkte und Dienstleistungen belastet.
Das neue System orientiert sich am internationalen Mehrwertsteuermodell mit umfassender Nichtkumulativität und Besteuerung am Bestimmungsort. Die Übergangsphase des neuen Systems läuft von 2026 bis 2033. Während dieser Zeit bestehen altes und neues Steuersystem parallel fort.
Mehrwertsteuer (IBS und CBS)
Eine der wichtigsten Folgen der Steuerreform ist die Einführung der Mehrwertsteuer in Brasilien. Die Mehrwertsteuer wird zwei Erhebungsarten haben:
- Auf Bundesebene wird die IVA als Beitrag auf Waren und Dienstleistungen bezeichnet (Contribuicao sobre Bens e Serviços - CBS). Der Beitrag wird PIS, COFINS und IPI ersetzen.
- Auf Länder- und Gemeindeebene (und im Bundesdistrikt) wird die IVA als Steuer auf Waren und Dienstleistungen (Imposto sobre Bens e Serviços - IBS) bezeichnet, die ICMS und ISS ersetzen wird.
Digitalisierung und Steuercompliance
Brasilien verfügt bereits heute über eines der weltweit am stärksten digitalisierten Steuerkontrollsysteme. Elektronische Rechnungen (Nota Fiscal Eletrônica – NF-e), digitale Meldesysteme und elektronische Steuerprüfungen besitzen erhebliche praktische Bedeutung.
Seit 2025 wird die Digitalisierung der Steuerverwaltung im Zuge der Steuerreform weiter ausgebaut. Ziel ist ein stärker standardisiertes, automatisiertes und nationales digitales Steuersystem.