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Fachkräfte

Der Braindrain der vergangenen Jahre geht zurück. Gleichzeitig verringert sich das Arbeitskräftepotenzial, da mehr Ältere in Rente gehen, als Jüngere ins Berufsleben eintreten.

Torsten Pauly

Von Torsten Pauly | Berlin

Der Arbeitsmarkt ist 2026 deutlich angespannter als noch vor einigen Jahren. Die Arbeitslosenquote sank zwischen 2016 und 2025 von 8,6 auf 3,5 Prozent und lag damit laut Eurostat auf dem viertniedrigsten Niveau in der EU. Haupttreiber ist die gute Konjunktur: Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) Bulgariens wuchs von 2019 bis 2025 kumuliert um 18,4 Prozent – der fünftstärkste Zuwachs in der EU.

Dieser Trend setzt sich 2026 fort. Die Europäische Kommission prognostiziert ein reales BIP-Wachstum von 2,5 Prozent im Gesamtjahr, womit Bulgarien erneut zu den fünf wachstumsstärksten EU-Ländern zählt. Die Arbeitslosenquote dürfte leicht auf 3,7 Prozent steigen, bleibt aber weiterhin die viertniedrigste in der EU.

Fachkräftemangel nimmt zu

Unternehmen berichten zunehmend über Fachkräftemangel. Laut einer Konjunkturumfrage der AHK Bulgarien nannten im Frühjahr 2026 rund 54 Prozent der befragten Mitglieder dieses Problem.

Nach Einschätzung des Präsidenten des bulgarischen Beschäftigungsverbandes, Nikolai Nikolov, fehlen derzeit bis zu 250.000 Arbeitskräfte. Dem Verband gehören Personalvermittler und HR-Agenturen an. Die Nachfrage variiert je nach Branche: Den stärksten Stellenaufbau planen die Informations- und Kommunikationstechnologie, gefolgt vom verarbeitenden Gewerbe, Handel sowie dem Finanz-, Versicherungs- und Immobiliensektor. In einzelnen Branchen – etwa im Bergbau und in der Landwirtschaft – wird hingegen Beschäftigung abgebaut. Trotz des Mangels bleibt die Rekrutierung grundsätzlich möglich.

"Die Arbeitslosenquote sinkt weiter. Dennoch ist es insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen sowie für Gründer möglich, qualifiziertes Personal zu finden – auch mit Fremdsprachenkenntnissen. Schwieriger ist es, mehrere Hundert Stellen gleichzeitig zu besetzen",

sagt Nikolai Nikolov, Präsident des bulgarischen Beschäftigungsverbandes.

Regionale Unterschiede bleiben bestehen

Die Verfügbarkeit von Arbeitsuchenden unterscheidet sich regional deutlich. Während im Großraum Sofia 2025 lediglich 1,2 Prozent der Bevölkerung als arbeitsuchend registriert waren, lag die Quote in strukturschwachen Donauregionen deutlich höher: in Widin und Silistra bei jeweils 11 Prozent, in Montana bei 11,4 Prozent.

Das sind die wichtigsten KennziffernAllgemeine Arbeitsmarktdaten 2025

Bevölkerung (in Mio.) 1)

6,4

Erwerbspersonen (Bevölkerung älter als 15 und jünger als 65 Jahre, in Mio.)

3,8

Erwerbstätige (in Mio.)

2,9

Arbeitslosenquote, offizielle (in %, nach ILO-Definition)

3,5

Analphabetenquote (in %)

1,6

Universitätsabschluss (in %) 2)

25,5

1 Volkszählung 2021; 2 Anteil der Universitätsabsolventen an der Gesamtzahl der Ausgebildeten 2021.Quelle: Nationales Statistikinstitut 2026

Demografie dämpft Arbeitskräfteangebot

Zwei strukturelle Trends prägen die Verfügbarkeit von Fachkräften. Zum einen schrumpft infolge der Alterung der Gesellschaft das Erwerbspersonenpotenzial: Eurostat prognostiziert für die Altersgruppe der 20- bis 64-Jährigen zwischen 2025 und 2034 einen Rückgang um 8,5 Prozent.

Zum anderen führen die gute Konjunktur und die kräftigen Lohnanstiege der vergangenen Jahre dazu, dass die früher starke Abwanderung insbesondere Höherqualifizierter in westliche Märkte nachlässt. "Menschen mit hohem Ausbildungsniveau finden zunehmend attraktive Jobangebote in Bulgarien", sagt Nikolai Trambev vom Personalvermittler Adecco. "Auch geringer Qualifizierte erzielen in den Wirtschaftszentren inzwischen ausreichende Auskommen. In ländlichen Regionen bleiben die Löhne jedoch niedriger, sodass sie zumindest zeitweise Arbeit in anderen EU-Ländern aufnehmen."

Rückkehrpotenzial bietet Chancen auch für deutsche Unternehmen

Die Abwanderung in andere EU-Länder ist seit der Coronapandemie deutlich zurückgegangen. Zwischen 2014 und Anfang 2020 verließen jährlich rund 21.600 Menschen Bulgarien in Richtung EU, von 2021 bis 2024 waren es nur noch etwa 10.300 pro Jahr. Viele im Ausland lebende Fachkräfte zeigen sich bei attraktiven Angeboten rückkehrbereit.

Davon können auch deutsche Unternehmen profitieren. Zwischen 2014 und 2024 entfielen rund 34 Prozent der EU-Auswanderung aus Bulgarien auf Deutschland, gefolgt von Italien (12 Prozent) und Frankreich (8 Prozent).

Deutschkenntnisse sind verbreitet

Deutschkenntnisse sind in Bulgarien weit verbreitet. Laut Deutscher Botschaft Sofia bieten landesweit 37 Schulen das Deutsche Sprachdiplom an. In der Hauptstadt Sofia existiert zudem eine Deutsche Schule mit aus Deutschland entsandten Lehrkräften, die zum Deutschen Internationalen Abitur führt. Mehrere Universitäten bieten deutschsprachige Studiengänge an, darunter die Technische Universität Sofia, die Universität für Architektur, Bauingenieurwesen und Geodäsie (Sofia) sowie die Universität für Chemische Technologie und Metallurgie (Sofia).

Ergänzend bestehen bulgarisch-deutsche Berufsbildungszentren in Pasardschik, Plewen, Smoljan, Stara Sagora und Zarewo. Diese richten sich an Jugendliche ab 16 Jahren sowie – je nach Spezialisierung – an arbeitslose und beschäftigte Erwachsene. Die Einrichtungen sind jeweils von der Nationalen Agentur für berufliche Aus- und Weiterbildung anerkannt.

Personalmangel treibt Automatisierung voran

Angesichts des Fachkräftemangels und steigender Löhne investieren Unternehmen verstärkt in Automatisierung und Digitalisierung. Dabei zeigt sich ein deutliches Gefälle bei digitalen Kompetenzen: Jüngere Bevölkerungsgruppen verfügen über Fähigkeiten auf einem mit anderen EU-Ländern vergleichbaren Niveau, während ältere häufig nur Grundkenntnisse besitzen. Insgesamt lag Bulgarien beim Niveau digitaler Kompetenzen 2025 laut Eurostat weiterhin deutlich unter dem Durchschnitt der EU.

Bulgarien wirbt gezielt um ausländische Beschäftigte

Um dem Personalmangel gezielt entgegenzuwirken, öffnet sich Bulgarien verstärkt für ausländische Arbeitskräfte. Ende 2025 führte das Land ein Digital-Nomad-Visum ein, das es Nicht-EU-Bürgern ermöglicht, sich in Bulgarien niederzulassen und im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie ortsunabhängig zu arbeiten. Für Startup-Gründer existiert zudem ein spezielles Visum.

Auch in arbeitsintensiven Branchen wie Bau, Gastgewerbe und Logistik besteht Bedarf an geringer qualifizierten Beschäftigten. Daher vergibt der Staat Arbeitsvisa an Nicht-EU-Bürger, vor allem vom indischen Subkontinent und aus Zentralasien.

Bulgarien im weltweiten Vergleich

Folgende Karte ermöglicht den Vergleich zwischen zahlreichen Ländern weltweit. Bitte beachten Sie, dass die Werte in der Karte aus international standardisierten Quellen stammen und somit ggf. von Angaben aus nationalen Quellen im Text abweichen können.

 

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