Branche kompakt | Frankreich | Chemische Industrie
Nachhaltigkeit in der Chemieindustrie
Unternehmen halten trotz der schwierigen Lage an bereits aufgelegten Dekarbonisierungsplänen fest. Wasserstoffprojekte hingegen geraten ins Stocken.
11.11.2025
Von Frauke Schmitz-Bauerdick | Paris
Die Chemieindustrie erzeugt gut ein Viertel der Klimagase der gesamten französischen Industrie. Damit steht die Branche im Fokus von Initiativen zur Dekarbonisierung. Die Stratégie Nationale Bas-Carbone aus dem Jahr 2021 sowie die Branchenroadmap Dekarbonisierung sehen bis 2030 eine Rückführung der Treibhausgasemissionen um mindestens 26 Prozent gegenüber 2015 vor.
Die garantierten Einsparungen sollen 5,7 Megatonnen Kohlendioxid(CO₂)-Äquivalent erreichen. Im Rahmen der freiwilligen Selbstverpflichtung stellt die Branche eine zusätzliche Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen in Aussicht. Die Gesamtreduktion könnte sich so statt 26 auf bis zu 49 Prozent im Zeitraum bis 2030 belaufen.
Und tatsächlich waren die Emissionen der Branche bereits 2024 um rund 28 Prozent oder 6,2 Megatonnen niedriger als im Bezugsjahr 2015. Allerdings beruhte dieser Rückgang laut Angaben des Industrieverbandes France Chimie zu zwei Dritteln auf Werksschließungen oder dem Drosseln von Produktionen. Aktuelle Unternehmensbeispiele sind ExxonMobil, das 2024 seine Steamcracker-Anlage in Port-Jérôme-sur-Seine abgeschaltet hat und sich aus dem französischen Markt zurückzieht. Auch gab LAT Nitrogen Anfang 2025 seine Ammoniak-Produktion in Grandpuits auf. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen. France Chimie befürchtet, dass in den kommenden drei Jahren 47 Chemieunternehmen ihre Tore schließen werden.
An der Dekarbonisierung der Branche aber wird kein Weg vorbeigehen. Eine bessere CO2-Bilanz dürfte mit Blick auf den CO2-Grenzausgleichmechanismus der EU und steigende Emissionspreise in Zukunft ein Element sein, die Wettbewerbsposition zu verbessern. Und angesichts eines sich verändernden Klimas gewinnt die Anpassung von Produktionsstätten an extreme Wetterphänomene wie Starkregen oder ausgedehnte Hitze- und Dürreperioden an Bedeutung.
Der Staat hilft bei der Dekarbonisierung
Frankreichs Regierung hat für die Dekarbonisierung des produzierenden Gewerbes Unterstützungsleistungen von insgesamt 10,6 Milliarden Euro zugesagt. Speziell für die Dekarbonisierung der 50 größten industriellen Treibhausgasemittenten sind 5 Milliarden Euro reserviert. Die EU-Kommission hat dieses Transformationsförderprogramm im Februar 2025 genehmigt.
Die Bemühungen zur Dekarbonisierung der Chemieindustrie stehen die 16 größten Treibhausgasemittenten der Branche. Ende November 2023 vereinbarte die Regierung mit Unternehmen wie TotalEnergies und LAT Nitrogen eine jeweils individuelle Dekarbonisierungsstrategie. Die entsprechenden Verträge (Contrats de Transition Écologique de l'Industrie) setzen auf eine Steigerung der Energieeffizienz, die Elektrifizierung der Produktion unter verstärktem Einsatz dekarbonisierten Wasserstoffs sowie die Abscheidung und Speicherung von CO2.
| Gruppe | Standort | Produktion | CO2-Ausstoß 2015 | Reduzierungsziel |
|---|---|---|---|---|
| Naphtachimie | Lavéra | Olefine | 1.468.000 | 15 - 24 |
| Borealis | Grandpuits | Ammoniak und Düngemittel | 726.197 | 42 - 56 |
| Borealis | Grand-Quevilly | Ammoniak und Düngemittel | 579.758 | 65 - 82 |
| Versalis | Mardyck | Olefine | 643.720 | 19 - 36 |
| Humens | Laneuville-devant-Nancy | Karbonate | 609.217 | 60 |
| Alsachimie | Chalampé | Organische Chemie | 548.930 | 37 |
| LyondellBasell | Berre | Basischemie | 1.217.000 | 35 |
| TotalEnergies | Gonfreville, Fezin, Donges | Olefine | 6.000.000 | 50 |
| Yara | Le Havre | Ammoniak und Düngemittel | 750.000 | 39 - 73 |
| Petroineos | Lavéra | Olefine | 1.561267 | 24 - 31 |
Kleine und mittlere Unternehmen können Hilfen aus Förderprogrammen der staatlichen Umweltagentur Ademe abrufen. Diese hält für Investitionen in Dekarbonisierung, Energieeffizienz und Wasserstoff im Rahmen der Programme Decarb IND und DECARB IND+ bis zu 200 Millionen Euro bereit. Der Fonds Chaleur unterstützt Effizienzsteigerungen bei Wärme-/Kälteerzeugung und Energierückgewinnung. Angesichts der Sparzwänge auf Regierungsseite ist aber offen, ob die laufenden Förderprogramme in ihrer Gesamtheit weiterlaufen können.
Wasserstoffprojekte geraten ins Stocken
Große Wasserstoffprojekte werden langsamer umgesetzt als geplant. Es fehlt eine umfassende Wasserstoffinfrastruktur. Viele Technologien wie die Elektrifizierung von Prozessen, die Herstellung von grünem Wasserstoff oder das Abscheiden und Speichern von CO2 sind noch nicht marktreif. Zudem halten sich die Banken nach Unternehmensinformationen mit Finanzierungszusagen für Dekarbonisierungsprojekte zurück. Die Preise für dekarbonisierten Wasserstoff gelten bislang noch als zu hoch, um Vorhaben in die Rentabilitätszone zu bringen.
Der Energiekonzern TotalEnergies treibt seine Wasserstoffprojekte aber weiter voran. So sichert eine bereits im September 2023 getroffene Vereinbarung zwischen TotalEnergies und Air Liquide, dass die Raffinerie- und Petrochemieplattform von TotalEnergies in der Normandie langfristig mit grünem und kohlenstoffarmem Wasserstoff versorgt wird. Im Juni 2024 schloss TotalEnergies mit dem US-Unternehmen Air Products eine weitere Liefervereinbarung über den Bezug von 70.000 Tonnen Wasserstoff jährlich ab. Der Energieriese will die Prozesse in seinen sechs europäischen Raffinerien dekarbonisieren, um ab 2030 pro Jahr 5 Millionen Tonnen CO₂ einzusparen. Zudem kündigte TotalEnergies Ende 2024 an, dekarbonisierten Wasserstoff in Kooperation mit Air Liquide auf der Industrieplattform La Mède im Süden Frankreichs herzustellen. Die dafür veranschlagte Investition beläuft sich auf 150 Millionen Euro.
Auch deutsche Unternehmen engagieren sich im Bereich Wasserstoff. So haben Siemens Frankreich und FertigHy im Januar 2025 vereinbart, gemeinsam eine Anlage zur Herstellung von Düngemitteln aus kohlenstoffarmem Wasserstoff in Nordfrankreich zu errichten.
Großkonzerne investieren in die grüne Transformation
Neben den bereits angeschobenen Projekten halten sich Unternehmen angesichts hoher Finanzierungskosten und der schwachen Branchenkonjunktur mit Neuinvestitionen jedoch häufig zurück. Gerade große Chemieunternehmen entwickeln aber Speziallösungen, um die Transformation in Richtung klimafreundliche Produktion voranzutreiben.
Arkema, einer der Chemieriesen des Landes, hat im Juli 2022 angekündigt, bis 2030 rund 400 Millionen Euro in Klimatechnologie zu investieren. Der belgische Chemiekonzern Solvay plant, seine Natriumcarbonatproduktion in Dombasle-sur-Meurthe in Kooperation mit der französischen Veolia auf Ersatzbrennstoffe umzustellen.
Aber auch kleinere Unternehmen müssen nachziehen. So geht der Marktanalyst Xerfi davon aus, dass Branchenunternehmen keine andere Wahl haben, als ihre Transformation in Richtung Dekarbonisierung voranzutreiben. Nur so könnten sie wettbewerbsfähig bleiben.