Wirtschaftsumfeld | Marokko | Chinesisches Engagement

Chinas Wirtschaft vergrößert ihren Fußabdruck in Marokko

Die deutsche Wirtschaft steht in Marokko aufgrund zunehmender chinesischer Präsenz unter Wettbewerbsdruck. Sie profitiert aber auch von den Investitionen in die Infrastruktur.

Von Ullrich Umann | Casablanca

China ist zum drittgrößten Handelspartner Marokkos und zum wichtigsten Partner in Asien aufgestiegen: Im Jahr 2017 trat Marokko der chinesischen Belt and Road Initiative (BRI) bei, was die bilaterale Kooperation auf wirtschaftlicher Ebene vertiefte. Der Handel zwischen beiden Ländern verzeichnete ein rasantes Wachstum und verdoppelte sich zwischen 2017 und 2024 von 4,4  Milliarden auf rund 9,0 Milliarden US-Dollar (US$) im Jahr 2024.

Diese Entwicklung markiert einen fundamentalen Paradigmenwechsel in der chinesischen Afrikastrategie: Marokko wird von Peking nicht mehr primär als reiner Rohstofflieferant betrachtet, sondern als industrielle Werkbank und als strategischer geoökonomischer Knotenpunkt zwischen Afrika, Europa und dem Nahen Osten.

Einerseits baut die wachsende chinesische Präsenz einen massiven Wettbewerbsdruck für deutsche Unternehmen auf. Bei lukrativen Infrastrukturprojekten, etwa beim Bau von Schienentrassen oder Hafenanlagen, verdrängen chinesische Konzerne mit wettbewerbsfähigen Preisen und Zusagen zur zügigen Projektumsetzung europäische Anbieter.

Deutsche Firmen sehen sich höherem Wettbewerbsdruck ausgesetzt

Ein noch direkterer Druck ergibt sich für die deutsche Automobilindustrie. Sie hat sich der wachenden Konkurrenz chinesischer Unternehmen zu erwehren, die in Marokko Batterien und andere Kfz-Zulieferteile produziert und diese zollfrei in die EU exportiert. Andererseits profitieren Unternehmen aus Deutschland indirekt von den chinesischen Investitionen in die marokkanische Hafeninfrastruktur Ausbau von Tanger Med und Neubau von Nador West Med   sowie in die Erweiterung des Schienen- und Straßennetzes. Dank Chinas Engagement entwickelt sich das Königreich in Richtung eines Premium-Hubs für die Logistik, der auch für deutsche Exporte als Tor in Richtung Subsahara-Afrika und Westafrika dienen kann. Ebenso eröffnet die Ausweitung der Afrikanischen Kontinentalen Freihandelszone (AfCFTA) deutschen Exporteure neue Chancen.

Darüber hinaus erfordert die Industrialisierung Marokkos hochspezialisierte Güter. Der wachsende Bedarf der dort ansässigen – auch chinesischen – Produktionsstätten eröffnet neue Absatzmärkte für spezialisierte deutsche Maschinen- und Anlagenbauer sowie Dienstleister. Gefragt sind fortschrittliche Fertigungstechnologien, Qualitätskontrollsysteme, Automatisierungstechnik und industrielle Software.

Neben dem wachsenden Wettbewerbsdruck für die deutsche Kfz-Zulieferindustrie durch das Engagement chinesischer Branchenfirmen in Marokko entsteht aber auch für deutsche Hersteller von Originalausrüstungen die Möglichkeit, Akkumulatoren und andere Bauteile aus Marokko zu beziehen. Dadurch reduziert sich die Abhängigkeit von Importen aus entfernter liegenden Weltregionen, was Lieferketten resilienter stenter machen kann, zumal der Volkswagen-Konzern über eine Tochterfirma mit 24 Prozent der Anteile größter Einzelaktionär von Gotion High-Tech ist.

Im Kontext der Energiewende in Marokko ergeben sich für Deutschland strategische Importchancen. Das Land investiert unter Beteiligung chinesischer Firmen in die Produktion von grünem Wasserstoff, Ammoniak und synthetischen Kraftstoffen. Zudem unterstützt Deutschlands Förderbank, die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), diese Sektoren mit zinsgünstigen Krediten.

Deutschland wies 2024 mit Marokko ein bilaterales Handelsvolumen von 6,95 Milliarden US$ auf. Innerhalb der EU war Deutschland damit der drittgrößte Handelspartner des Königreichs nach Spanien und Frankreich.

Chinesische Wirtschaftsexpansion erreicht neue Dimension

Der chinesische Einfluss in Marokko erstreckt sich mittlerweile über eine Vielzahl strategischer Schlüsselsektoren hinweg, wobei eine industrielle Integration deutlich im Vordergrund steht. Besonders dynamisch entwickelt sich die Elektromobilität, durch die Marokko gezielt zu einem afrikanischen Zentrum für die Produktion von Batteriezellen für Elektroautos ausgebaut wird.

Auch investieren chinesische Konzerne massiv, um von Marokkos Phosphatvorkommen zu profitieren, die für die Herstellung von kosteneffizienten Lithium-Eisenphosphat-Akkumulatoren essenziell sind. Der Maghreb-Staat verfügt bei Phosphaten über etwa 70 Prozent der weltweiten Reserven. Ein Beispiel ist der chinesische Batteriespezialist Gotion High-Tech, der ein Werk für Elektrobatterien für insgesamt bis zu 6,5 Milliarden US$ in Kénitra im Nordwesten Marokkos errichtet. Weitere Milliardeninvestitionen aus China stammen von den Unternehmen BTR New Material Group, CNGR Advanced Material und Sentury Tire. Ihre Pläne sehen neue Anlagen für die Produktion von Kathoden, Anoden und Kfz-Reifen vor.

Als strategische Motivation hinter diesen Engagements gilt das Nearshoring: Chinesische Hersteller nutzen Marokkos weitreichende Freihandelsabkommen mit der EU und den USA, um etwa Zollvorteile einzustreichen.

Seidenstraße führt direkt nach Nordafrika

Im Rahmen von BRI beteiligt sich China zudem am Ausbau von Häfen und Wirtschaftszonen sowie des Eisenbahnnetzes in Marokko. Das Vorzeigeprojekt ist die als Industrie- und Technologiezentrum konzipierte Mohammed VI Tangier Tech City, die die China Communications Construction Company und China Road and Bridge Corporation vorantreiben. Die Industriestadt soll mittelfristig bis zu 200 Unternehmen beherbergen, darunter mindestens 100 chinesische.

Auch beim Ausbau des Schienennetzes beteiligen sich chinesische Staatskonzerne. Dies betrifft die voranschreitende Erweiterung der Hochgeschwindigkeitsstrecke Al Boraq, wo beispielsweise die Unternehmen China Railway No. 4 Engineering Group und China Railway Construction die Tiefbau- und Gleisverlegungsarbeiten an der Neubaustrecke Kénitra und Marrakesch verantworten. Darüber hinaus wird das Königreich voraussichtlich Ende 2026 den neuen Tiefwasserhafen Nador West Med in Betrieb nehmen, der mit indirekter chinesischer Zuliefererbeteiligung die Logistik im Mittelmeerraum weiter vorantreiben soll.