Schwache Auslandsmärkte und hohe Kosten lassen Polens Pkw‑Produktion einbrechen. Nutzfahrzeuge und Zulieferer behaupten sich, spüren das schwierige Marktumfeld jedoch ebenfalls.
Die Pkw-Produktion in Polen steckt in der Krise. 2025 rollten weniger als halb so viele Fahrzeuge vom Band wie im Vorjahr. Insgesamt verließen rund 102.400 Autos die Werkshallen. Das entspricht einem Rückgang um 52,6 Prozent gegenüber 2024.
Hersteller drosseln Produktion
Hauptgrund für den Einbruch sind Absatzprobleme beim internationalen Automobilhersteller Stellantis. Der Konzern meldete im 1. Halbjahr 2025 einen vorläufigen Verlust von 2,3 Milliarden Euro. Mit Marken wie Fiat, Jeep und Opel ist Stellantis der größte Pkw-Produzent in Polen.
Die rückläufige Nachfrage auf internationalen Absatzmärkten führt zu deutlich weniger Auslastung in den polnischen Werken. Bereits im Oktober 2025 stoppte Stellantis zeitweise die Produktion im südpolnischen Tychy. Anfang 2026 folgte der nächste Schritt. Das Unternehmen reduziert auf Zweischichtbetrieb. Laut Gewerkschaften verlieren dadurch 740 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz.
Stellantis macht mehrere Faktoren für die sinkenden Bestellungen verantwortlich. Hierzu gehören der zunehmende Wettbewerbsdruck aus China, neue Zölle in den USA, steigende Kosten für Material und Personal sowie strenge EU-Vorgaben bei den Emissionsnormen.
Hinzu kommt ein ungünstiger Modellmix. Stellantis fertigt in Polen und an anderen Standorten zahlreiche Kleinwagen. Gleichzeitig tendiert die Nachfrage in Europa zunehmend zu größeren Fahrzeugen, wie SUVs.
Neue Partnerschaften bringen vorerst nicht den Befreiungsschlag. Stellantis wollte gemeinsam mit dem chinesischen Hersteller Leapmotor eine Produktion für Elektrofahrzeuge in Tychy aufbauen. Nachdem Polens Regierung 2024 auf EU-Ebene für neue Zölle auf chinesische Importautos gestimmt hatte, zog Leapmotor sein Vorhaben zurück.
Nutzfahrzeuge werden immer wichtiger
Andere Fahrzeugsegmente behaupten sich in Polen deutlich besser. Bei Lieferwagen und Lkw gingen die Produktionszahlen 2025 laut Fahrzeugverband PZPM (Polski Związek Przemysłu Motoryzacyjnego) zwar um 9,6 Prozent zurück, allerdings vor dem Hintergrund außergewöhnlich hoher Werte im Jahr 2024. Mit insgesamt 300.129 fertiggestellten Fahrzeugen bewegt sich das Niveau im Bereich früherer Jahre.
Eine ähnliche Entwicklung gibt es in der Busproduktion. Der Rückgang um 12,2 Prozent resultiert auch hier aus einem starken Vorjahr. Gemessen an den Stückzahlen ist die Produktion von Lkw, Lieferwagen und Bussen inzwischen wichtiger als das Pkw-Segment.
Vor allem die Lkw-Sparte könnte schon bald neuen Schwung erhalten. Der Münchener Hersteller MAN Truck & Bus plant, sein Werk im südpolnischen Niepołomice bis 2030 für rund 450 Millionen Euro auszubauen. Die endgültige Investitionszusage steht noch aus. Voraussetzung sei nämlich, so Vorstandschef Alexander Vlaskamp in einer Pressemitteilung, dass "der polnische Staat die entsprechenden Rahmenbedingungen schafft“. Welche Bedingungen gemeint sind, bleibt offen.
Wie viele andere Unternehmen der Kfz‑Industrie hofft MAN auf neue Aufträge aus dem Verteidigungssektor. Polens heimischer Lkw‑Hersteller Jelcz hat laut Medienberichten Schwierigkeiten, Bestellungen der Armee rechtzeitig zu bedienen.
Neben MAN setzen auch andere deutsche Hersteller auf Polen als Standort für Nutzfahrzeuge. Volkswagen investiert rund 350 Millionen Euro in sein Werk bei Poznań, um dort ab 2027 den batterieelektrischen Transporter Crafter zu produzieren. Mercedes wiederum feierte Ende 2025 Richtfest für eine neue Produktionshalle bei Wrocław. Hier baut der Stuttgarter Konzern in Zukunft Kastenwagen des Typs Sprinter.
Wichtige Investitionsprojekte in der Kfz-Industrie in Polen(in Millionen Euro)
Teileproduzenten spüren Zölle
Eine weitere Stütze der Automobilindustrie Polens ist die Teileproduktion. Sie erwirtschaftet mehr als die Hälfte aller Branchenumsätze. Dieser Umstand wirkt konjunkturellen Schwankungen am Kraftfahrzeugmarkt entgegen, da Komponenten nicht nur an die Fahrzeughersteller, sondern auch an Werkstätten gehen.
Obwohl zu Jahresbeginn 2026 noch keine vollständigen Zahlen für 2025 vorlagen, zeigen Umfragen des Verbands der polnischen Teileproduzenten SDCM (Stowarzyszenie Dystrybutorów i Producentów Części Motoryzacyjnych), dass 60,8 Prozent der Unternehmen im 1. Halbjahr 2025 steigende Umsätze erzielten. Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat bestätigen diesen Trend: Die Exporte von Fahrzeugteilen aus Polen legten in den ersten drei Quartalen 2025 leicht zu, um 1,1 Prozent. Gleichzeitig berichten eine Mehrheit der Firmen in der SDCM-Umfrage, dass aufgrund höherer Kosten die Margen spürbar unter Druck geraten.
Die weltweiten Umbrüche in der Automobilindustrie gehen daher nicht spurlos an Polen vorüber. Der irische Zulieferer und Sitzhersteller Adient kündigte an, ein Werk im südpolnischen Skarbimierz bis 2029 zu schließen. Über 450 Mitarbeiter verlieren ihre Stelle. Auch der deutsche Zulieferer ZF baut an seinem Standort Częstochowa über 200 Stellen ab. Zur Begründung verweist das Unternehmen in einer Stellungnahme auf "Überkapazitäten und geopolitische Spannungen, einschließlich überhöhter Zölle, die einen erheblichen Einfluss auf die Weltmärkte haben“.
Einfuhr ausgewählter Kfz-Teile nach Polen(in Millionen Euro, Veränderung in Prozent)| | 2024 | Veränderung 2024/2023 | aus Deutschland |
|---|
SITC 778.3 Kfz-Elektrik | 1.411 | +10,3 | 334,7 |
SITC 784 Karosserien, Stoßstangen etc. | 11.273,6 | +1,1 | 4.997,3 |
SITC 773.13 Zündkabelsätze | 655,4 | +1,7 | 88,6 |
SITC 713.2 Motoren | 1.219,3 | -17,7 | 857,2 |
Summe | 14.559,3 | | 6.277,8 |
Quelle: Statistics Poland (GUS) 2025
Batteriehersteller rüsten um
Gleichzeitig gerät ein bisheriges Vorzeigeprodukt der polnischen Automobilindustrie unter Druck. Die Rede ist von Batterien für Elektrofahrzeuge. Nach der Ansiedlung des südkoreanischen Herstellers LG stieg Polen zu einem der größten Batterieproduzenten Europas auf. Doch mittlerweile haben Konkurrenten neue Werke in Spanien, Deutschland und Ungarn eröffnet. Nach einem bereits schwachen Jahr 2024 gingen die Batterieexporte Polens in den ersten drei Quartalen 2025 erneut um 26,5 Prozent zurück. LG stellt seine Produktion daher zunehmend auf stationäre Energiespeicher um.
Trotzdem gibt es auch im Batteriesegment positive Signale. Das Volkswagen-Joint-Venture PowerCo baut im südpolnischen Nysa eine Fabrik für Batterie-Teile. Das Investitionsvolumen liegt bei rund 1,7 Milliarden Euro. Bereits im Laufe des Jahres 2026 soll der Rohbau stehen. Das Projekt könnte den Batterie- und Automobilstandort Polen weiter stärken.
Von Christopher Fuß
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Warschau