Wirtschaftsausblick | Polen
Polens Wachstumstreiber heißen Rüstung und Infrastruktur
Polens Wirtschaft wächst rasant, ebenso die Neuverschuldung. Die Rüstungsindustrie steht im Zentrum neuer Investitionen. Gleichzeitig mehren sich Krisenzeichen in einigen Branchen.
26.11.2025
Von Christopher Fuß | Warschau
Top-Thema: Weitere Milliarden für die Rüstungsindustrie
Polen erhält im Rahmen des neuen EU-Programms SAFE (Security Action for Europe) bis zu 43,7 Milliarden Euro an zinsgünstigen Krediten. Das Land ist der größte Nutznießer des Instruments, das insgesamt 150 Milliarden Euro umfasst. SAFE finanziert den Kauf von Rüstungsgütern und Investitionen in die Verteidigungsindustrie. Die Zinsen fallen niedriger aus als bei herkömmlichen Staatsanleihen. Bis Ende November 2025 kann Polen Vorschläge für SAFE-finanzierte Projekte bei der Europäischen Kommission einreichen.
Deutsche Unternehmen beteiligen sich bereits an Rüstungsprojekten. Rheinmetall strebt ein Joint Venture mit dem staatlichen Rüstungskonzern PGZ (Polska Grupa Zbrojeniowa) an. Beide Unternehmen wollen in Polen Unterstützungsfahrzeuge produzieren. Darüber hinaus liefert der polnische Hersteller AMZ-Kutno 250 Krankenwagen auf Fahrgestellen von Mercedes-Benz an die polnische Armee.
Bis Ende 2025 will das polnische Verteidigungsministerium bekannt geben, welcher Hersteller neue U-Boote an die Marine liefern wird. Zu den Bewerbern gehört Thyssenkrupp Marine Systems.
Öffentliche Haushalte geraten unter Druck
Auch wegen der Rüstungsprojekte wird Polen 2026 laut Herbstprognose der Europäischen Kommission das höchste Haushaltsdefizit in der EU verzeichnen. Das Minus beläuft sich voraussichtlich auf 6,3 Prozent.
Als weitere Gründe für die Neuverschuldung identifiziert die Kommission steigende Sozialausgaben, Gehaltserhöhungen im öffentlichen Dienst und wachsende Ausgaben im Gesundheitswesen.
Polens Regierung will das Haushaltsdefizit mit Steuererhöhungen bekämpfen. Hierzu gehören eine erhöhte Körperschaftsteuer für Banken sowie höhere Steuern auf Alkohol. Staatspräsident Karol Nawrocki aus dem Lager der Oppositionspartei PiS hat bei einigen Steuererhöhungen ein Veto angekündigt. Bereits im Spätsommer 2025 stoppte der Präsident Reformpläne der Regierung, die den Ausbau der erneuerbaren Energien erleichtert hätten.
Wirtschaftsentwicklung: Wachstum dank öffentlicher Investitionen
Trotz der politisch schwierigen Lage dauert das Wirtschaftswachstum an. Laut Europäischer Kommission klettert das Bruttoinlandsprodukt 2025 um 3,2 Prozent und 2026 um weitere 3,5 Prozent. Kein Land in Ostmitteleuropa wächst so schnell wie Polen.
Ein Treiber dieser Entwicklung sind EU-Fördergelder. Die EU-Kommission rechnet mit hohen Abrufzahlen von Geldern aus dem Wiederaufbaufonds im Jahr 2026, da dann die Antragsfrist des Fonds endet.
Öffentliche Investitionen gehören zu den Wachstumsmotoren in Polen. Das Land baut den Großflughafen CPK zusammen mit einem Netz an Gleisen für Hochgeschwindigkeitszüge. Deutsche Unternehmen hoffen auf Aufträge. Hochtief bewirbt sich um den Bau des Flughafenterminals. Das Nürnberger Unternehmen Vanderlande Logistics liefert die Gepäckförderanlage.
Auch der Energiesektor befindet sich im Wandel. Der staatliche Gasnetzbetreiber Gaz System will 2026 eine Bedarfsabfrage für ein zweites schwimmendes Terminal für Flüssigerdgas starten. Gleichzeitig werden neue Offshore-Windanlagen ab 2026 den ersten Strom ins Netz einspeisen. Der Schwerpunkt der Energiewirtschaft in Polen verlagert sich mittelfristig aus den Kohleregionen im Süden hin zu den Küstenregionen im Norden.
Konsumausgaben helfen dem Wirtschaftswachstum
Lohnsteigerungen verlieren gegenüber 2024 zwar an Dynamik, sie bleiben aber hoch genug, um den Privatkonsum zu stärken. Der Einzelhandel meldet für den Zeitraum Januar bis September 2025 ein solides Verkaufsplus von 3,9 Prozent.
Positiven Einfluss auf die Kauflaune hat die moderate Inflationsrate. Sie lag im Oktober 2025 bei 2,8 Prozent und damit innerhalb der Zielmarke der polnischen Nationalbank NBP (Narodowy Bank Polski). Die EU-Kommission erwartet, dass die Teuerungsrate in den kommenden Monaten nicht dramatisch steigen wird.
Als Reaktion hat die NBP den Leitzins zwischen Januar und November 2025 um 1,5 Prozentpunkte gesenkt, auf 4,25 Prozent. Ein niedriger Leitzins senkt die Finanzierungskosten für Investitionen.
Einige Industrien in den roten Zahlen
Während die Wirtschaft insgesamt brummt, kämpfen einige Industriezweige mit der Absatzkrise auf westeuropäischen Märkten. Zulieferer bauen in Polen Stellen ab, darunter das deutsche Unternehmen ZF. Hersteller von Haushaltselektronik wie LG Electronics kündigen Entlassungen an. Einer der größten Möbelhersteller Polens, Black Red White, entlässt wegen sinkender Verkaufszahlen bis zu 800 Beschäftigte.
Die Entlassungen spiegeln sich in der Statistik wider. Die Arbeitslosenquote bleibt laut Eurostat im September 2025 mit 3,2 Prozent zwar eine der niedrigsten in der EU. Im Vergleich zum Vorjahresmonat ist sie jedoch um 0,4 Prozentpunkte gestiegen.
Deutsche Perspektive: Unternehmen profitieren von einem starken Polen
Vor diesem Hintergrund behauptet sich der deutsch-polnische Außenhandel als Stabilitätsanker. Die Exporte Deutschlands nach Polen lagen zwischen dem 1. und 3. Quartal 2025 mit 74,3 Milliarden Euro um 6 Prozent über dem Vorjahreswert.
Zu den Profiteuren gehört die Automobilindustrie. Sowohl die Marke Volkswagen als auch BMW freuten sich zwischen Januar und September 2025 über ein Plus bei den Neuanmeldungen in Polen von mehr als 10 Prozent. Allerdings nimmt die Konkurrenz aus China zu, insbesondere bei batterieelektrischen Fahrzeugen. Hersteller BYD ist mittlerweile die zweitbeliebteste Elektro-Marke in Polen hinter Tesla und vor BMW.
Gleichzeitig bleibt Deutschland der mit Abstand wichtigste Exportmarkt für Polen. Die Ausfuhren in die Bundesrepublik stiegen in den ersten drei Quartalen 2025 um 5 Prozent. Polnische Unternehmen melden außerdem eine Reihe von Firmenübernahmen in Deutschland. So kaufte die Trend Gruppe aus Radom die Gala Gruppe aus Ansbach. Ein neuer staatlicher Fonds Polens unterstützt Unternehmen bei solchen Akquisitionen.
Weitere Informationen (zum Beispiel Rechtsinformationen oder Branchenberichte) finden Sie auf unserer Länderseite Polen.