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Wirtschaftsausblick | Schweden

Schweden verbleibt vorerst in der Rezession

Das skandinavische Land schließt das turbulente Jahr 2023 mit einem unsicheren Ausblick ab. Die Regierung gibt jedoch Grund zur Hoffnung mit unterstützenden Maßnahmen. 

Von Judith Illerhaus | Stockholm

Top-Thema: Die Inflation hat Schweden fest im Griff

Schwedens wirtschaftliche Entwicklung bleibt nach wie vor von der hohen Inflation bestimmt. Trotz eines leichten Rückgangs liegt die Rate noch bei 6,5 Prozent. In Kombination mit hohen Zinssätzen und einer schwachen internationalen Nachfrage sieht sich Schweden mit einer schwierigen konjunkturellen Lage konfrontiert. Zwar hat das Finanzministerium im zuletzt veröffentlichten Haushaltsplan für das Jahr 2024 ein Reformpaket von knapp 3,5 Milliarden Euro vorgesehen – noch ist von einer Erholung am Markt aber nicht viel zu spüren. 

Die Inflation belastet die Haushalte und Unternehmen. Der private Konsum sank im September 2023 um 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat und auch die bisher rekordverdächtig hohe Beschäftigungsquote gerät ins Wanken. Zuletzt stieg die Arbeitslosenquote auf 7,8 Prozent. Die Einzelhandelsumsätze sind infolge des Kaufkraftverlusts ebenfalls zurückgegangen und werden zusätzlich von der hohen Verschuldungsquote der schwedischen Bevölkerung befeuert.

Noch im Sommer rechnete das schwedische Finanzministerium mit einer Erholung der Wirtschaft im Jahr 2025, das nationale Konjunkturinstitut verweist derzeit auf 2026. Als Konsequenz dieser Prognosen ergibt sich eine straffe Geldpolitik für die nächsten Jahre.

In Kombination mit der schwächelnden Krone und hohen Energiekosten haben vor allem die energie- und rohstoffintensiven Branchen mit der derzeitigen Situation zu kämpfen: Die Chemiebranche beklagte zuletzt insbesondere den Preisverfall auf dem Exportmarkt und ausbleibende Aufträge. 

Wirtschaftsentwicklung: Es kriselt an vielen Stellen

Für 2023 rechnet die EU-Kommission mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf minus 0,5 Prozent. Auch für 2024 wird ein Negativwachstum von minus 0,2 Prozent erwartet. Die Auswirkungen der Inflation sind flächendeckend zu spüren: sinkende Reallöhne, steigende Arbeitslosigkeit und geringere Arbeitsstunden.

Der ohnehin gebeutelte Bausektor hat weiterhin mit den hohen Energie- und verschärften Finanzierungsbedingungen zu kämpfen. Das zeigt die Zahl der Neubauten: Laut Statistischem Zentralamt SCB wurden in den ersten drei Quartalen 2023 rund 55 Prozent weniger Wohnungen gebaut als im Vorjahreszeitraum. Eine eingeschränkte Kreditaufnahmekapazität von Haushalten und Unternehmen, weiterhin steigende Baukosten und nach unten korrigierte Immobilienbewertungen werden für einen weiteren Rückgang des Wohnungsbaus sorgen.

Im September hat die Regierung den Haushaltsplan für das kommende Jahr 2024 veröffentlicht. Unter anderem wird darin auf die Aktualisierung der nationalen Industriestrategie verwiesen. Die Situation sei jedoch komplex und während die wirtschaftliche Stabilität gewährleistet werden müsse, dürfe die angespannte Sicherheitslage nicht außer Acht gelassen werden, so Finanzministerin Svantesson in einer Pressemitteilung des Ministeriums. Der Fokus liege nun auf der Senkung der Inflation bei gleichzeitiger Stärkung des Justizsystems und des Verteidigungsetats. 

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Historisches Tief deutscher Direktinvestitionen

Noch nie wurde so viel deutsches Geld aus Schweden abgezogen wie im Jahr 2022. Rund 11 Milliarden Euro betrugen die Rückflüsse, und das in einem Jahr der höchsten je verzeichneten Nettoabflüsse Deutschlands. Ebenfalls bemerkenswert ist die zeitgleiche Verdopplung der Zuflüsse insgesamt nach Schweden. Während sich Deutschland also in den letzten Jahren mit einem Anteil von 9 Prozent bis 10 Prozent regelmäßig als eines der fünf wichtigsten Investitionsländer in Schweden behaupten konnte, dürfte die Bilanz nun anders ausfallen.

Größere Investitionen von staatlicher Seite sind aufgrund der aktuellen Situation und des kürzlich veröffentlichten Budgets für das kommende Jahr nicht zu erwarten. Dennoch gibt es einige nennenswerte Projekte, vor allem im Energiebereich. Beispielsweise plant das Windenergieunternehmen Skyborn Renewables den Bau mehrerer Offshore-Windparks vor der schwedischen Küste. Auch der Energiedienstleister E.ON investiert 2023 umgerechnet mehr als 200 Millionen Euro in den Ausbau der Kapazitäten des schwedischen Stromnetzes. Die klassische Baubranche, vertreten in diesem Fall von Heidelberg Materials, baut ebenfalls aus. Die bestehende Zementanlage soll erweitert und eine CCS-Anlage in Betrieb genommen werden.

Der schwedische Außenhandel beendet das 3. Quartal mit einem Plus in der Handelsbilanz: Insgesamt wurden im Jahr 2023 bisher Waren im Wert von 136,8 Milliarden Euro exportiert und 134,4 Milliarden Euro importiert. Daraus ergibt sich ein vorläufiger Überschuss von 2,4 Milliarden Euro. 

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Deutsche Perspektive: Wichtigster Handelspartner Schwedens

In den ersten acht Monaten gingen 10,8 Prozent der gesamten Exporte nach Deutschland, während 16,6 Prozent der Importe aus Deutschland stammten. Damit ist Deutschland in diesem Jahr unangefochten wichtigster Handelspartner für Schweden. Grund hierfür dürfte der große Anteil von Maschinen und Transportausrüstung sein. Sowohl bei den Exporten als auch bei den Importen liegt er bei 44 Prozent. Der Handel mit den direkten Nachbarn Finnland, Norwegen und Dänemark bleibt für Schweden ebenfalls wichtig – alle drei Länder sind unter den zehn wichtigsten Handelspartnern.

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Die schwierige konjunkturelle Lage beider Länder stellt auch die deutsch-schwedischen Wirtschaftsbeziehungen auf die Probe. Sie sind wirtschaftlich ähnlich aufgestellt, sehen sich also mit gleichartigen Herausforderungen konfrontiert. Dennoch bestätigen große Kooperationsprojekte wie beispielsweise vom Anlagebauunternehmen ThyssenKrupp Nucera und dem Stahlbauer H2 Green Steel das Interesse beider Länder an einer engen Zusammenarbeit.

Das Geschäftsinteresse an bilateraler Kooperation ist unvermindert hoch. Wir besetzen Zukunftsthemen und konkretisieren diese in einer Vielzahl von Projekten, die bei aller berechtigter konjunktureller Sorge für 2024 auch positive Erwartungen wecken.

Dr. Ralph Tischer Geschäftsführer, Deutsche Industrie- und Handelskammer (AHK), Stockholm

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