Wirtschaftsausblick | Rumänien
Unsicherer Reformkurs bremst Rumäniens Wachstum
Eine politische Instabilität verzögert Reformen und Sparmaßnahmen. Das Investorenvertrauen bleibt fragil. Mittelfristige Perspektiven bieten EU-finanzierte Projekte.
26.05.2026
Von Dominik Vorhölter | Bukarest
Top Thema: Das Vertrauen in Rumäniens Wirtschaftspolitik sinkt
Unternehmer und Anleger in Staatsanleihen sind verunsichert. Ihr Vertrauen in den Markt Rumänien schwindet. Streit über Sparmaßnahmen hat die Regierung von Ministerpräsident Ilie Bolojan gestürzt. Ob eine neue Regierung den bisherigen Reform- und Sparkurs behalten wird, ist offen. Nicht rückzahlbare EU-Zuschüsse stärken das mittelfristige Wachstum, wenn die neue Regierung den bisherigen Reformkurs fortsetzt. Eine Blockade der Reformen würde auch die Kreditwürdigkeit des Landes schwächen.
Eine schlechte Bewertung der Zahlungsfähigkeit Rumäniens könnte sich zu einer Haushaltskrise entwickeln. Denn negative Ratings treiben die Kosten für die Refinanzierung des Haushalts. Rumänien ist stark abhängig von den internationalen Finanzmärkten. Die rumänische Notenbank beziffert die Schuldendienstquote, also die Ausgaben für Zins- und Tilgungszahlungen, auf 18,5 Prozent. Dieser Wert gilt laut Weltbank als kritisch, da etwa jeder fünfte staatlich eingenommene Euro an die Gläubiger geht. Rumäniens fiskalischer Spielraum ist begrenzt und das Risiko einer Abwertung der Nationalwährung Leu steigt. Dies macht Rumäniens Wirtschaft besonders verwundbar, gerade in Zeiten geopolitischer und weltwirtschaftlicher Krisen.
Geschäftsleute hoffen auf Fortsetzung der Haushaltsdisziplin und weitere EU-Fördermittel
Die neue Regierung muss den Konsolidierungskurs halten. Nur dann fließen EU-Mittel. Für 2026 stehen 10,7 Milliarden Euro bereit, rund 2 Prozent des BIP. Ein Großteil davon sind Zuschüsse von 7,1 Milliarden Euro. Sie entlasten den Haushalt, weil Rumänien sie nicht zurückzahlen muss. Weitere 3,6 Milliarden Euro sind Kredite zu günstigeren Konditionen als am Finanzmarkt. Das BIP-Wachstum hängt nun ab von zwei Faktoren: der Haushaltsdisziplin und Investitionen aus EU-Mitteln. Letztere fließen in den Ausbau der Autobahnen, der Strom- und Eisenbahnnetze sowie in die Digitalisierung.
Wirtschaftswachstum: Investitionen stützen leichtes Wachstum
Investitionen gewinnen damit an Bedeutung: Impulse für ein mittelfristiges Wachstum kommen aus dem Infrastrukturausbau, der Verteidigungswirtschaft, der Lebensmittelindustrie und der Energiewirtschaft. Der private Verbrauch, strukturell der größte Treiber der rumänischen Konjunktur, wird 2026 kaum zum Wachstum beitragen, sich aber mittelfristig erholen. Die hohe Inflation und zuletzt stagnierende Reallöhne bremsen die Nachfrage aus. Zusätzlich belasten hohe Zinskosten. Kapitalabflüsse ins Ausland sorgen für ein doppeltes Defizit durch eine negative Außenhandelsbilanz und das hohe Staatsdefizit.
Entsprechend prognostiziert das Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) für 2026 nur ein minimales reales BIP-Wachstum von 0,5 Prozent und für 2027 eine Erholung von 1,7 Prozent.
Reallöhne werden sich mittelfristig erholen
Die Inflation wird sich mittelfristig abschwächen. Das wiiw erwartet für 2026 eine jährliche Teuerung von 6,8 Prozent und für 2027 von 4,5 Prozent. Die Reallöhne werden 2026 voraussichtlich stagnieren und sich 2027 um 1,8 Prozent erholen, erwartet das wiiw. Unternehmen, die vom Fachkräftemangel betroffen sind, werden die Kaufkraftverluste ihrer Mitarbeiter zwar ausgleichen. Auf bisher üppigen Lohnerhöhungen zwischen 10 und 12 Prozent werden sie dabei aber verzichten.
Die Konsumlaune bleibt insgesamt gedämpft. Haushalte werden preisbewusster. Sie schaffen sich eher einen Gebrauchtwagen anstatt eines neuen Autos an. Erst ab Ende 2026 wird sich die Nachfrage wieder stabilisieren.
Die Arbeitslosenquote steigt 2026 auf 6,5 Prozent und wird 2027 wieder leicht zurückgehen auf 6,3 Prozent, erwartet das wiiw. Beschäftigte im öffentlichen Dienst werden den Spardruck der Regierung spüren, der mit Entlassungen verbunden sein wird. Der öffentliche Dienst beschäftigt rund 1,3 Millionen Menschen, rund ein Viertel aller Erwerbstätigen. Kurzfristig ergeben sich für Unternehmen daraus Chancen, qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen.
Rumäniens Exporteure profitieren von neuen Lieferketten
Unternehmen in Deutschland und der EU diversifizieren Lieferketten mit energieintensiven Waren wie Düngemitteln, Kunststoffen oder Lebensmitteln. Hiervon profitieren exportorientierte Unternehmen. Fast 70 Prozent der Ausfuhren Rumäniens gehen in die EU und ein Fünftel nach Deutschland. Das wiiw rechnet insgesamt mit einem Plus der Exporte im Jahr 2026 um 2 Prozent und im Jahr 2027 um 3 Prozent.
Bei den Einfuhren rechnet das wiiw für 2026 insgesamt mit einem Wachstum von 3 Prozent und für 2027 mit 3,5 Prozent. Die Konsumgüterimporte werden voraussichtlich sinken, wegen der schwächeren Binnennachfrage. Konsumgüter haben laut nationalem Statistikinstitut einen Anteil von einem Drittel am Gesamtimport.
Deutsche Perspektive: Nachfrage und politische Stabilität zählen
Deutsche Unternehmen blicken besorgt in die Zukunft. Sie fürchten steigende Energiekosten, eine kurzfristig sinkende Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, mittelfristig steigende Arbeitskosten und fehlende Fachkräfte. Besonders hoch ist die Nachfrage nach gut ausgebildeten Mitarbeitern und Hochschulabsolventen.
Die Konjunkturumfrage der AHK Rumänien vom Frühjahr 2026 bewertet die mittelfristigen Aussichten insgesamt als befriedigend. Die deutschen Unternehmen vor Ort hoffen, dass die Regierung die Reformpläne weiterverfolgen und EU-geförderte Projekte umsetzen wird. Diese Projekte bieten deutschen Unternehmen eine strategische Chance, sich als Partner zu positionieren.
Deutsche Unternehmen sind in Rumänien die größten Investoren. Die meisten von ihnen sind in der Automobilbranche und der Elektroindustrie tätig. Rumänien gewinnt als Standort für Forschung und Entwicklung und zunehmend als Beschaffungsmarkt an Bedeutung.