Wirtschaftsausblick | Serbien

Interne und externe Faktoren bremsen Serbiens Wirtschaftswachstum

Neuwahlen sollen die innenpolitische Krise lösen. Der Nahostkrieg dämpft die wirtschaftliche Entwicklung. Staatliche und ausländische Investitionen stützen die Konjunktur.

Von Hans-Jürgen Wittmann | Belgrad

Top-Thema: Neuwahlen sollen Ausweg aus politischer Sackgasse weisen

Ende Juni kündigte Aleksandar Vučić an, sein Amt als Staatspräsident in wenigen Wochen niederlegen zu wollen. Politikanalysten erwarten bei Neuwahlen, dass Vučić als Kandidat seiner Partei SNS für den Posten des Ministerpräsidenten antritt. Dieser gilt laut Verfassung als eigentliches Machtzentrum. Die angekündigten Neuwahlen könnten zur Entschärfung der seit November 2024 andauernden innenpolitischen Krise beitragen. Nach dem Einsturz eines frisch renovierten Bahnhofsvordachs in Novi Sad mit 16 Toten beklagen Demonstrierende Korruption, Vertuschung und ein zunehmend repressives Regierungssystem.

Rechtsstaatliche Defizite verzögern EU-Annäherung

Aufgrund der anhaltenden Schwächung demokratischer Institutionen, Rückschritten im Justizwesen sowie der fehlenden Angleichung an die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) tritt Serbiens EU-Perspektive auf der Stelle. Die EU hält wegen ausbleibender Reformen weitere Mittel aus dem Wachstumsplan zurück. Dennoch baut Brüssel Belgrad eine Brücke: Auf dem Westbalkan-Gipfel in Tivat im Juni bot die EU – nach erfolgten Reformen – die schrittweise Integration in den Binnenmarkt an.

Folgen des Nahostkriegs verlangsamen Wachstum

Den Anstieg der Energiepreise infolge des Irankriegs federte die Regierung mit der zeitweisen Senkung der Kraftstoffsteuern ab. Schwerer wiegt die Nachfrageflaute nach Zulieferteilen aus MetallKunststoff oder Elektronik aus wichtigen Abnehmerbranchen in Mitteleuropa. Serbien ist eng in die Lieferketten europäischer Firmen integriert, darunter in der kriselnden Kfz-Industrie.

US-Sanktionen hängen wie Damoklesschwert über NIS

Die Kontrollbehörde des US-Finanzministeriums OFAC verlängerte die Ausnahme von Sanktionen gegen den Ölkonzern NIS bis 31. Juli 2026. Bis dahin muss die Übernahme der NIS-Aktiva von Gazpromneft durch den ungarischen Ölkonzern MOL unter Dach und Fach sein. Doch Russland stellt sich weiter quer. Eine Stilllegung der NIS-Raffinerie in Pančevo hätte einen spürbaren Rückgang der Industrieproduktion zur Folge.

Wirtschaftsentwicklung: geringstes Wachstum am Westbalkan

Wegen der innenpolitischen Krise, den Folgen des Irankriegs und der weltweiten Unsicherheit durch die US-Zollpolitik bleibt Serbiens Wirtschaft 2026 unter ihren Möglichkeiten. Von der schwächelnden EU-Wirtschaft kommen kaum externe Wachstumsimpulse. Im Inland liegt der Fokus auf der Fertigstellung der Infrastruktur für die Weltausstellung Expo. Vor diesem Hintergrund senkt das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) seine Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,5 Prozentpunkte auf 2 Prozent. Dies ist der niedrigste Wert aller Westbalkanstaaten.

Milliardeninvestitionen in Infrastruktur, Energie und Industrie

Staatliche Mittel fließen neben der Expo in das Wirtschafts- und Investitionsprogramm „Serbien 2035“, das Präsident Vučić im Rahmen einer Vorwahlkampfkampagne vorstellte. Kern des Programms ist der Ausbau und die Modernisierung der kommunalen Wasserver- und Abwasserentsorgung. Hinzu kommt die Einführung von künstlicher Intelligenz in Industrie, Gesundheitswesen und Verwaltung sowie der Bau von Rechenzentren.

Serbien investiert bis 2035 rund 14 Milliarden Euro in den Energiesektor. Dazu gehört die Modernisierung des Wasserkraftwerks Đerdap 3, an dem US-Unternehmen Interesse bekunden. Daneben fließen Gelder in den Ausbau von Autobahnen. Abschnitte der Schnellstraße Vožd Karađorđe baut der chinesische Konzern Shandong High Speed für 1,3 Milliarden Euro. Der US-Konzern Bechtel wiederum errichtet einen 112 Kilometer langen Abschnitt der Autobahn Mährischer Korridor für 2,2 Milliarden Euro.

Serbien ist seit Mai 2026 Mitglied im einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraum SEPA, was schnellere und günstigere Transaktionen mit EU-Staaten ermöglicht. Das jährliche Einsparpotenzial liegt bei 400 Millionen Euro. Die tschechische Škoda Gruppe will mit der Milanovic Industries (MIND) Group Schienenfahrzeuge produzieren. Der US-Konzern Caterpillar investiert in das serbische Unternehmen ElevenEs und errichtet in Subotica eine Batterie-Produktion. Die größten ausländischen Direktinvestitionen (FDI) kommen aus China. Ende Mai 2026 kündigten chinesische Kfz-Zulieferer wie Linglong, Minth, Xingyu Automotive oder Shac Investitionen von insgesamt 940 Millionen Euro an. Im Jahr 2025 sanken die FDI um ein Drittel auf rund 3,5 Milliarden Euro.

Konsum: Hohe Inflation dämpft Kaufkraft

Serbiens Verbraucher leiden unter einer schwindenden Kaufkraft. Die Teuerung führen Energie- und Lebensmittelpreise an. Die Inflation steigt auf 4,5 Prozent im Jahr 2026 schätzt das wiiw. Die Konsumausgaben sinken infolge um 0,5 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent gegenüber der Prognose vom Herbst. Die Kaufkraft hingegen stützten die Anhebung von Mindestlohn und Gehältern. Vor den Wahlen kündigte die Regierung soziale Maßnahmen von rund 600 Millionen Euro an; darunter Einmalzahlungen für Rentner.

Außenhandel bleibt auf Wachstumskurs

Die EU ist Serbiens wichtigster Handelspartner. Das Land profitiert als Produktionszentrum in geographischer Nähe zu Mitteleuropa von der zollfreien Einfuhr zahlreicher Produkte in die Union. Beim Warenaustausch mit Deutschland erwirtschaftete Serbien 2025 erstmals einen Handelsüberschuss von rund 600 Millionen Euro. China festigt dank eines Freihandelsabkommens seine Position als Handelspartner Nummer zwei.

Deutsche Perspektive: Deutsche Baumarktkette kommt nach Serbien

Deutsche Firmen betrachten Serbien als interessanten Wirtschaftsstandort für Nearshoring und Beschaffung. Die rund 900 Firmen mit deutschem Kapital beschäftigen etwa 80.000 Mitarbeitende. Hornbach plant die Eröffnung von Baumärkten in Belgrad, Novi Sad, Niš und Subotica.

Auf der Länderseite Serbien finden Sie weitere Informationen, zum Beispiel über wichtige Branchen, rechtliche Rahmenbedingungen und Zollbestimmungen.