Wirtschaftsausblick | Südkorea
KI-Boom treibt Südkoreas Wirtschaft 2026 an
Die rasante Nachfrage nach Halbleitern trägt die Konjunktur, angetrieben vom schwachen Won. Großes Risiko sind jedoch steigende Energie- und Rohstoffpreise infolge des Irankrieges.
03.06.2026
Von Katharina Viklenko | Seoul
Top-Thema: Irankonflikt als große Ungewissheit
Der Irankrieg wirkt sich vor allem über höhere Energiepreise und Produktionskosten, steigende Inflation, instabile Lieferketten sowie unsichere Finanzmärkte auf Südkoreas Wirtschaft aus. Das rohstoffarme Land ist in hohem Maße auf Energieimporte angewiesen: Rund 70 Prozent des Rohöls stammen aus Nahost. Neben einer Energiekrise drohen Störungen in den Lieferketten bei Naphtha, einem Vorprodukt für die Chemie- und Kunststoffindustrie. Die langfristige Sperrung der Straße von Hormus wäre für die exportorientierte Volkswirtschaft auf Dauer problematisch. Sollte der Konflikt anhalten oder sich gar verschärfen, wäre das für die Versorgung mit Spezialgasen wie Helium für die Halbleiterindustrie kritisch.
Fiskalmaßnahmen der Regierung stützen Wirtschaft
Die südkoreanische Regierung reagierte auf den Irankonflikt mit einem breiten Maßnahmenpaket. Im Fokus stehen Notfallmaßnahmen zur Sicherung der Energieversorgung, etwa Ölimporte aus alternativen Quellen und die Nutzung strategischer Reserven. Flankierend führte die Regierung unbefristete Obergrenzen für Großhandels- und Raffineriepreise für Benzin, Diesel und Kerosin ein. Zudem weitete das Land bestehende Steuersenkungen auf Kraftstoffe aus und verlängerte Diesel-Subventionen. Parallel wurden umfangreiche Fiskalprogramme aufgelegt. So soll ein Nachtragshaushalt von rund 17 Milliarden US-Dollar Haushalte und Unternehmen entlasten. Er umfasst Konsumgutscheine sowie Maßnahmen zur Stabilisierung von Lieferketten.
Wirtschaftsentwicklung: Halbleiter-Superzyklus sorgt für Lichtblicke
Südkoreas Bruttoinlandsprodukt (BIP) zog im 1. Quartal 2026 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mit real 3,6 Prozent kräftig an. Rückenwind geben der globale KI-Boom und die kräftige Halbleiternachfrage. Beides stützt den Export und die Wirtschaftsleistung. Von Januar bis März 2026 legten die Gesamtexporte um fast 38 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal zu, zusätzlich angetrieben von dem schwachen Won.
Die Zentralbank Bank of Korea (BOK) hob die BIP-Prognose für das laufende Jahr Ende Mai von real 2 Prozent auf 2,6 Prozent an. Auch das Korea Development Institute und die Deutsche Bank gehen von einem Plus von 2,5 Prozent bis 2,7 Prozent aus. Experten des Internationalen Währungsfonds, der Asia Development Bank und der OECD bleiben bei ihrem BIP-Ausblick unterhalb von 2 Prozent.
Exporte sollen rasant steigen
Schon im 1. Quartal 2026 haben sich die Ausfuhren von Halbleitern im Vergleich zum Vorjahreszeitrau mehr als verdoppelt. Die weltweit gewaltige Nachfrage nach Chips und Ausrüstung für Datenzentren dürfte Südkorea einen neuen Exportrekord bescheren. Sowohl die BOK als auch das Korean Institute for Industrial Economics and Trade (KIET) gehen davon aus, dass die Gesamtausfuhren 2026 nominal mehr als 30 Prozent im Vergleich zu 2025 zulegen. Damit würde der Exportwert im Jahr 2026 bei über 900 Milliarden US$ liegen. Das sind 200 Milliarden US$ mehr als im Vorjahr. Auf realer und preisbereinigter Basis dürfte das Wachstum laut BOK bei knapp 5 Prozent liegen.
Die positive Entwicklung der Branchen, die vom KI-Boom profitieren, soll sich laut BOK auf die Gesamtwirtschaft auswirken. Steigende Löhne, Investitionen und höhere Steuereinnahmen setzen positive Impulse. Dabei sollen Anlageinvestitionen 2026 mit 4,4 Prozent kräftig steigen. Der schwächelnde Bausektor soll bei Investitionen ein kleines Plus verzeichnen.
Schon im 1. Quartal 2026 zogen Investitionen und der durch Konsumgutscheine angeregte Privatverbrauch an. Der Einzelhandelsumsatz legte um rund 5 Prozent zu. Der von der BOK erhobene Composite Consumer Sentiment Index fiel im April 2026 angesichts des Nahostkonflikts unter die 100 Punkte-Linie. Das heißt: Die Mehrheit der Verbraucher schätzt die weitere Entwicklung der Wirtschaft pessimistisch ein.
Regierungsmaßnahmen und der Halbleiter-Superzyklus stabilisieren die Wirtschaft bislang. Eine strukturelle Gefahr steckt im einseitigen "K-förmigen Wachstum": Während Chips und IKT zu Wachstumsträgern zählen, entwickeln sich andere Branchen verhalten. Die Irankrise legt zudem Südkoreas Achillesferse offen: eine extreme Energieabhängigkeit bei einer gleichzeitig hohen Exportquote. Hält der Konflikt an, würde das das Wachstum trüben.
Deutsche Perspektive: Währungsverfall und Rohstoffpreise trüben Geschäftsstimmung
der deutschen Firmen sehen den Wertverfall des Won als größte Herausforderung für ihr Geschäft in Südkorea.
Quelle: AHK World Business Outlook, Frühjahr 2026
Südkorea ist für deutsche Exporteure nach China und Japan der drittgrößte Absatzmarkt in Asien. Die starke Abwertung des Won gegenüber dem US-Dollar und Euro hat im Jahresverlauf 2025 Importe deutlich verteuert. Dies wird auch für die Geschäftsplanung deutscher Firmen vor Ort zur Herausforderung.
Deutsche Exporte gingen 2025 um fast 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück. Im 1. Quartal 2026 gab es immerhin ein kleines Plus von unter 1 Prozent. Die größten Einbußen in den ersten drei Monaten 2026 verzeichneten deutsche Lieferungen von Kfz und -Teilen (-14,2 Prozent). Marginale Rückgänge von 1 bis 2 Prozent gab es bei chemischen Erzeugnissen, Elektrotechnik sowie bei Mess- und Regeltechnik. Leichtes Wachstum verzeichneten Ausfuhren von Maschinen und Anlagen sowie Arzneimitteln. Positiver entwickelten sich deutsche Exporte von Elektronik sowie Maschinen zur Halbleiterherstellung. Nach dem Wegfall der Importsperre für deutsches Schweinefleisch wuchsen auch die Nahrungsmittelausfuhren.
Insgesamt sehen sich deutsche Firmen in Südkorea infolge des Irankrieges mit einem angespannten Umfeld konfrontiert. Laut dem AHK World Business Outlook vom Frühjahr 2026 betrachten sie weiterhin den Wechselkurs kritisch. Als größte Geschäftsrisiken in Südkorea sehen sie nun auch steigende Inputkosten, befeuert von Störungen in den Lieferketten und hohen Energie- und Rohstoffpreisen. Dies spiegelt sich in einer insgesamt eingetrübten Stimmung: Konjunkturelle Erwartungen sind negativer und die Investitions- sowie Beschäftigungspläne bleiben zurückhaltend.
Weitere Informationen zur Entwicklung der Wirtschaft und bedeutenden Branchen bietet die GTAI-Länderseite zu Südkorea.