Wirtschaftsausblick | Syrien

Syrien arbeitet an einem Neustart

Die verfügbaren Zahlen deuten auf eine wirtschaftliche Belebung in Syrien. Der Wiederaufbau des vom Krieg zerstörten Landes ist Aufgabe und Chance zugleich.

Marcus Knupp

Von Marcus Knupp | Berlin

Top-Thema: Wiederaufbau braucht verlässliche Strukturen

Wiederaufbau bedeutet in Syrien nicht nur Instandsetzung von Gebäuden und Straßen. Fast die gesamte Infrastruktur hat in über zehn Jahren Bürgerkrieg schweren Schaden genommen. Betroffen sind die Wasser- und Elektrizitätsversorgung, Gesundheitseinrichtungen und das Transport- und Logistiknetz. Aber auch öffentliche Dienste, Ämter und Behörden müssen nach dem Regimewechsel teilweise neu beginnen. Dienstleister, Finanzierung und Versicherungen sind Voraussetzungen für einen funktionierenden Geschäftsverkehr.

Um all dies wieder verlässlich in Gang zu setzen, ist politische Stabilität eine Grundvoraussetzung. Die 2025 gebildete Regierung setzt sich nach verschiedenen Kriterien zusammen. Die zuständigen Fachminister wurden teilweise nach sachlichen und regionalen Kriterien ernannt, zum Teil nach Loyalitätserwägungen. Die Integration von regionalen Kampfverbänden in die syrische Armee schreitet voran. Dennoch bleiben zahlreiche Spannungen bestehen, und die Sicherheit ist in einigen Landesteilen nicht gewährleistet.

Reste des Sanktionsregimes

Hinzu kommen die Folgen der weitreichenden Sanktionen gegen Syrien, seine Institutionen und gegen einzelne Personen. Zwar wurde der größte Teil davon inzwischen aufgehoben oder ausgesetzt. Verbleibende Beschränkungen, etwa gegen einzelne Amtsträger, sorgen aber weiterhin für Verunsicherung. In der Folge bleiben viele Banken im Syriengeschäft noch zurückhaltend. Das erschwert Zahlungen und damit Handelsbeziehungen und Investitionen.

Die geopolitische Lage im Nahen Osten ist weiter angespannt. Umgeben ist Syrien von dem schwelenden Krieg am Persisch-Arabischen Golf und dem damit verbundenen Konflikt zwischen Israel und Libanon. Die Regionalmächte Türkei und Israel sind zudem bestrebt, ihren Einfluss in Syrien auszudehnen. Diese Gemengelage behindert einen geregelten Wirtschaftsverkehr, öffnet Syrien indes auch Türen, etwa als Exportroute für Erdöl aus dem Irak.

Finanzspritzen für eine Herkulesaufgabe

Die Weltbank schätzt die Kosten für den Wiederaufbau der zwischen 2011 und 2024 entstandenen Kriegsschäden in Syrien überschläglich auf 216 Milliarden US-Dollar (US$). Das entspricht etwa dem Zehnfachen des geschätzten Bruttoinlandsproduktes (BIP) im Jahr 2024. Syrien ist daher bis auf Weiteres auf Hilfen internationaler Geber angewiesen. Die Weltbank unterstützt kritische Bereiche, etwa die Elektrizitätserzeugung mit 146 Millionen US$. Für die Modernisierung des Finanzsektors sagte sie im August 2026 weitere 100 Millionen US$ zu. Im Februar 2026 hat der syrische Zentralstaat zudem wieder Zugriff auf die Ölfördergebiete im Osten des Landes erlangt und damit über eine wichtige Quelle von Exporteinnahmen.

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Wirtschaftsentwicklung: Erste Zeichen der Erholung

Belastbare Daten sind noch rar in der syrischen Nachkriegszeit. Aber Hochrechnungen und Prognosen deuten an, dass etwas in Bewegung gekommen ist. Schätzungen des Wirtschaftswachstums für 2025 weisen eine erhebliche Spannweite auf. Während die Weltbank einen realen Anstieg des BIP um 3,6 Prozent sieht, bleibt die Economist Intelligence Unit (EIU) mit einem geschätzten Minus von 1,7 Prozent deutlich pessimistischer. 

Die Prognosen für die Jahre ab 2026 weisen jedoch übereinstimmend nach oben. Im laufenden Jahr erwartet die Weltbank 8 bis 10 Prozent, EIU immerhin 3,9 Prozent reale Zunahme des BIP. In den kommenden Jahren könnte sie nach den Berechnungen der EIU schrittweise weiter steigen, von 4,6 Prozent 2027 bis 6,5 Prozent 2030.

Zu beachten ist dabei, dass wegen der angelaufenen Rückkehr syrischer Flüchtlinge vor allem aus den Nachbarländern Türkei, Libanon und Jordanien die Bevölkerungszahl seit 2025 gestiegen ist. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich daher nach Weltbank-Angaben trotz gestiegenem BIP 2025 um 1,9 Prozent verringert.

Indikatoren stützen Trend

Die Erhebung valider volkswirtschaftlicher Daten gestaltet sich schwierig. Analysten ziehen daher auch alternative Beobachtungen zur Schätzung der wirtschaftlichen Dynamik heran. Dazu gehört etwa die Zementproduktion, die sich 2026 auf das Vor-Konflikt-Niveau erholen dürfte. Andere Messgrößen sind die nächtliche Lichtintensität, die nach Weltbank-Angaben im Mai 2026 um 8,4 Prozent größer war als im Vorjahr, oder die Flugbewegungen. Deren Plus lag im Juli 2026 im Jahresvergleich bei 118 Prozent.

Reichliche Regenfälle werden 2026 voraussichtlich zu einer deutlich besseren Ernte als im trockenen Vorjahr führen. Nicht zuletzt erhöht die Rückkehr von schätzungsweise 1,8 Millionen Flüchtlingen bis Oktober 2026 die inländische Nachfrage. Mit den Menschen kehren auch Arbeitskräfte und Qualifikationen zurück, die für den Wiederaufbau benötigt werden.

Waren dafür müssen großenteils importiert werden. Das zeigt sich in einer breiten Spreizung der Einfuhren Syriens. Diese umfassen Fahrzeuge, Maschinen und Elektroausrüstungen, ebenso Vorprodukte wie Kunststoffe oder Stahl und Konsumgüter wie Treibstoffe und Nahrungsmittel. Die Exporte Syriens konzentrieren sich auf Rohstoffe. Neben Erdöl sind dies vor allem Obst, Gemüse, Nüsse und Pflanzenöle.

Deutsche Perspektive: Es gibt Risiken, aber auch Lösungen

Deutschland bezieht Obst, Gemüse und Gewürze aus Syrien, in erster Linie aber Erdöl, wenn auch insgesamt in geringen Mengen. Die gesamte Einfuhr belief sich 2025 auf rund 65 Millionen Euro. In der Gegenrichtung fanden Maschinen, Geräte und Fahrzeuge, daneben Kosmetik, Arzneimittel und Kunststoffe ihren Weg nach Syrien.

Mit der großen Zahl von Syrern in Deutschland besteht theoretisch eine breite Basis für die enge wirtschaftliche Zusammenarbeit. Etliche, insbesondere auch von Exilsyrern geführte Unternehmen, haben sich bereits auf den Weg begeben und Handelskontakte aufgebaut. Die Rahmenbedingungen bleiben schwierig. Landeskenntnis und Flexibilität schaffen jedoch Handlungsspielräume. 

Weitere Informationen finden Sie auf der GTAI-Länderseite zu Syrien.