Polens Chemie-Branchenverband fordert eine Kurskorrektur bei der Emissionspolitik der EU. Die polnische Regierung arbeitet gleichzeitig an eigenen Hilfsmaßnahmen für die Branche.
Der Abwärtstrend in Europas Chemieindustrie macht auch vor Polen nicht halt. Laut der europäischen Statistikbehörde Eurostat sanken die Branchenumsätze 2025 um 1,7 Prozent. Es ist das dritte Jahr in Folge mit rückläufigen Verkaufszahlen.
17,7
Prozent
beträgt der Anteil der Chemieindustrie an den Umsätzen der gesamten Industrie in Polen.
In nahezu allen Sparten der Chemieindustrie bleibt die Lage angespannt. Ein Blick auf die Produktionszahlen beim nationalen Statistikamt GUS (Główny Urząd Statystyczny) bestätigt diesen Befund. Zwar verzeichneten die Hersteller von Stickstoffverbindungen und die Produzenten einzelner Grundchemikalien einen leichten Anstieg beim Produktionsausstoß. Dennoch liegen die Volumina weiterhin unter dem Niveau vor Beginn der Energiekrise 2022.
Ein spürbares Produktions-Plus zeigte sich 2025 lediglich bei Farben und Lacken. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass der europäische Bausektor allmählich wieder in Schwung kommt.
Neue Verwerfungen entstehen im Zuge der Luftangriffe der USA und Israel gegen den Iran. Großhandelspreise für Erdgas sind Anfang März 2026 nach iranischen Drohnenangriffen auf Katar und der Blockade der Straße von Hormus um über 40 Prozent gestiegen.
Polens größter Düngemittelhersteller, die Azoty Gruppe, kündigte an, vorerst keine neuen Bestellungen anzunehmen. Gas ist der zentrale Rohstoff der Düngemittelproduktion. Über 16 Prozent aller Erdgasimporte Polens stammen aus Katar. Das polnische Energieministerium betonte jedoch, die nationale Versorgungssicherheit sei aufgrund alternativer Bezugsquellen gewährleistet. Ob der bewaffnete Konflikt langfristige Folgen für die Chemiebranche hat, wird vor allem von der Länge der Kampfhandlungen abhängen.
Erholung hängt von mehreren Faktoren ab
In einer Prognose, die vor Beginn des Konflikts entstand, geht der Branchenverband der polnischen Chemieindustrie PIPC (Polska Izba Przemysłu Chemicznego) davon aus, dass die Geschäfte im Jahr 2026 insgesamt besser laufen werden. Chancen gäbe es laut den Branchenvertretern im Bereich der Gummi- und Kunststoffprodukte. Entscheidend sei, wie sich die Nachfrage in Deutschland entwickle, so der Verband in einem Interview mit der polnischen Nachrichtenagentur PAP (Polska Agencja Prasowa).
Für die strategisch wichtige Düngemittelindustrie Polens ist zudem relevant, dass die EU zum 1. Juli 2025 neue Zölle auf Importe aus Russland und Belarus eingeführt hat. Aufgrund niedrigerer Gaspreise sind Düngemittel aus diesen Ländern bislang günstiger. Die Zölle schmälern Russlands Einnahmen für den Krieg gegen die Ukraine und machen gleichzeitig europäische Waren konkurrenzfähiger.
Trotzdem droht der Chemiebranche laut PIPC auch 2026 ein harter Wettbewerb durch Importwaren. Sie stammen insbesondere aus Ländern wie der Türkei und China, wo die Produktionskosten niedrigerer sind.
Energiepreise bleiben der größte Knackpunkt
Vor diesem Hintergrund fordert PIPC, dass die chemische Industrie weiterhin kostenlose Emissionszertifikate erhält. Laut den Plänen der Europäischen Kommission sinkt die Zahl der kostenfreien Zertifikate im Rahmen des EU-ETS Systems bis zum Jahr 2034 auf null. Dann müsste die Industrie für jede ausgestoßene Tonne Kohlenstoffdioxid bezahlen. Das aber würde chemische Produkte aus Polen und anderen europäischen Ländern unrentabel machen. Bislang gäbe es laut Verband für viele emissionsintensive Prozesse keine Alternative.
Zwar müssen Importeure seit 2026 für Chemikalien aus Ländern ohne Zertifikate-System eine Ausgleichsgebühr CBAM entrichten. Doch nach Ansicht des Verbands sei dieses Instrument nicht ausgereift. Importwaren hätten deshalb einen Wettbewerbsvorteil.
Parallel zu dieser Diskussion arbeitet Polens Wirtschaftsministerium an einem subventionierten Industriestrompreis. Dadurch sollen die Kosten von energieintensiven Branchen sinken, auch in der Chemieindustrie. Polen bezieht sich dabei explizit auf vergleichbare Instrumente in Deutschland. Grundlage ist in beiden Ländern die europäische CISAF-Verordnung.
Laut Angaben des polnischen Wirtschaftsministeriums soll das Subventionsprogramm ab 2027 starten. Der Preis pro Megawattstunde ist noch nicht bekannt.
Laut den jüngsten Daten von Eurostat hatte Polen im 1. Halbjahr 2025 mit 251,6 Euro je Megawattstunde den vierhöchsten Strompreis in der EU, inklusive Steuern, Umlagen und Netzkosten. Nur Irland, Italien und Dänemark waren teurer.
Schließungen und Übernahmen
Hohe Kosten und internationale Konkurrenz sorgen bereits für Schließungen. Der polnische Chemiekonzern Qemetica (ehemals Ciech) beendete 2025 die Produktion von Soda in einem Werk in Janikowo. Zur Begründung verwies das Unternehmen auf billige Konkurrenzprodukte aus der Türkei. Am polnischen Standort verloren 350 Mitarbeiter ihre Stelle. Qemetica ist einer der größten europäischen Hersteller von Natrium-Verbindungen.
Auch der deutsche Chemieriese Henkel schloss 2025 ein Werk im polnischen Racibórz. Das Unternehmen produzierte am Standort Haushaltschemikalien. Hintergrund der Schließung sei eine "Umstrukturierung des Geschäftsbereichs und eine Anpassung des Produktionsnetzwerks in Europa", heißt es in einer Pressemitteilung. Die Consumer-Sparte von Henkel steht seit Jahren unter starkem Konkurrenzdruck.
Zu den gesamteuropäischen Problemen der Chemieindustrie kommen eigene Fehlkalkulationen hinzu. Die Azoty Gruppe schreibt seit Jahren Verluste. Daran sind nicht nur die Preisschwankungen beim Erdgas Schuld, dem wichtigsten Rohstoff für die Düngemittelproduktion. Das Unternehmen wollte in der Stadt Police ein Werk für die Produktion des Kunststoffs Polyolefin bauen. Doch die Kosten explodierten wegen Planungsfehlern auf 1,4 Milliarden Euro. Bis heute ist die Anlage nicht voll einsatzbereit.
Die Rettung könnte ein Kaufangebot des Chemie- und Energiekonzerns Orlen sein. Das polnische Unternehmen will die Tochtergesellschaft Azoty Polyolefins übernehmen. Im Oktober 2025 präsentierte Orlen ein Angebot. Azoty reagierte im Dezember desselben Jahres mit einem Gegenvorschlag. Ein Knackpunkt bleibt, wer die Schulden des Police-Werks übernehmen wird. Sie belaufen sich auf rund 1,5 Milliarden Euro. Azoty will den Verkauf im 1. Halbjahr 2026 abschließen.
Ausgewählte Investitionsprojekte der chemischen Industrie in PolenInvestitionssumme in Millionen Euro| Projekt | Investitionssumme | Projektstand | Investor |
|---|
| Petrochemie-Komplex Nowa Chemia (ursprünglich Olefiny III) in Płock | 8.095 | Projektdurchführung, Fertigstellung 2030 | Orlen |
| Bau eines Werks für aktive Kathodenvorläufermaterialien (pCAM) in Opole | 1.600 | Planungsstadium, Fertigstellung 2031 | Ascend Elements |
| Projekt Polvolt - Recycling-Komplex zur Rückgewinnung von Platinmetallen, Lithium, Kobalt, Nickel, Kupfer, Silber, Gold in Zawiercie | 714 | Projektdurchführung, Fertigstellung 2035 | Elemental Holding |
| Ausbau und Modernisierung des Werks für Polypropylen-Folien (BOPP) in Oświęcim | 71 | Projektdurchführung, Fertigstellung 2028 | Alupol Films (Grupa Kęty) |
| Bau eines Werks für Bauchemieprodukte in Dąbrowa Górnicza | 32 | Projektdurchführung | Grupa Atlas |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest, Pressemeldungen
Gleichzeitig muss auch Orlen bei einer Großinvestition umstrukturieren. Das Unternehmen wollte in der Raffinerie in Płock eine Olefin-Produktion unter dem Namen Olefiny III aufbauen. Veranschlagt waren 3 Milliarden Euro. Nachdem sich eine Vervierfachung der Kosten abzeichnete, stoppte der Konzern das Projekt. Unter dem Namen Neue Chemie (Nowa Chemia) setzt Orlen das Vorhaben in abgespeckter Form mittlerweile fort.
Die Anlage wird Monomere und nach Bedarf Ethylenoxid und Glykole, Styrol und C4-Butadien herstellen. Bei der Butadien-Extraktion setzt Orlen auf eine Technologie-Lizenz des deutschen Chemiekonzerns BASF. Ein aktualisierter Investitionsplan erscheint im 1. Quartal 2026.
Von Christopher Fuß
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Warschau