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Tschechiens Brachflächen rücken in den Fokus
Da Flächen immer knapper werden, will Tschechien alte Produktionshallen und Industriebrachen besser nutzen. Mit Förderprogrammen sollen Investoren Geschmack an Brownfields finden.
25.03.2026
Von Gerit Schulze | Prag
Über 60 Jahre lang wurden im Stadtteil Líšeň im mährischen Brno Gussteile für Landfahrzeuge produziert. Ende 2025 schloss die deutsche Gießerei Heunisch das Werk. Doch auf dem Industrieareal zieht bald neues Leben ein. Projektentwickler CTP lässt ab Ende 2026 die Gebäude abreißen, saniert die Grundstücke und will hier kleine Produktionsfirmen, E-Commerce-Dienstleister und Büros ansiedeln. So kann Brownfieldsanierung in Tschechien funktionieren.
Doch dieses Beispiel ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Das industrielle Erbe und die Planwirtschaft haben überall in Tschechien ihre Spuren hinterlassen. Während neue Baugrundstücke schwer zu finden sind, gibt es Tausende ungenutzter Gebäude und Liegenschaften. Die zentrale Datenbank von CzechInvest listet über 4.600 Brownfields auf.
Jeweils rund 1.300 davon entfallen auf Industriebrachen und auf frühere Agrarstandorte. Etwa 280 Brachflächen betreffen alte Militärgelände. Die Datenbank wird regelmäßig erweitert. Allein 2025 kamen 58 Brownfields hinzu.
Revitalisierung kommt nur langsam voran
Die Sanierung und Umnutzung dieser Standorte geschieht nur langsam. Pro Jahr werden etwa 2 Prozent der offiziell erfassten Brownfields revitalisiert. Geht es in diesem Tempo weiter, braucht Tschechien noch ein halbes Jahrhundert, um alle Flächen zu sanieren.
Dabei verhindern die belasteten Grundstücke die wirtschaftliche Entwicklung und Raumplanung in Gemeinden oder Regionen. Denn teilweise prägen sie ganze Stadtteile. Ohne finanzkräftige Investoren schaffen es viele Kommunen nicht, die Brownfields mit neuem Leben zu füllen.
Regional gibt es Schwerpunkte in den ehemaligen Kohleregionen rund um Ostrava und Ústí nad Labem. Selbst für die Hauptstadt Prag listet Czechinvest 20 Objekte auf fast 90 Hektar Fläche auf, für die Investoren gesucht werden.
| Region (kraj) | Anzahl der Brownfields | Gesamtfläche in ha |
|---|---|---|
| Mährisch-Schlesien | 709 | 2.216 |
| Ústí nad Labem | 527 | 2.872 |
| Liberec | 502 | 608 |
| Südmähren | 468 | 1.269 |
| Mittelböhmen | 423 | 1.702 |
| Olomouc | 292 | 538 |
| Hradec Králové | 291 | 693 |
| Plzeň | 261 | 1.060 |
| Pardubice | 254 | 217 |
| Südböhmen | 225 | 449 |
| Zlín | 224 | 530 |
| Karlovy Vary | 221 | 2.034 |
| Vysočina | 210 | 649 |
| Hauptstadt Prag | 20 | 88 |
Gute Lage und Verkehrsanbindung
Ein Vorteil der Brownfields ist ihre Lage. Sie befinden sich häufig in der Nähe von Städten, sind mit Strom und anderen Versorgungsleitungen gut erschlossen und an den Nahverkehr angebunden. "Besonders in Regionen mit geringer Flächenverfügbarkeit wie in Prag bieten Brownfields wichtige Expansionsmöglichkeiten", sagt Tom Vit auf Anfrage von Germany Trade & Invest. Er ist Consultant für Industrieflächen beim Dienstleister für Gewerbeimmobilien Cushman & Wakefield in Prag. "Bei sehr großen oder stark bebauten Flächen können die Abriss- und Sanierungskosten allerdings schnell deutlich höher ausfallen als ein Neubau auf der grünen Wiese."
Darum ist es gerade in wirtschaftlich nicht so dynamischen Regionen schwer, für die Brownfield-Flächen neue Nutzer zu finden. "In Mährisch-Schlesien, Olomouc und Plzeň übersteigt das Flächenangebot die Nachfrage. Dort gibt es große verfügbare Grundstücke und insgesamt günstigere Konditionen. Greenfield-Projekte sind hier wirtschaftlich oftmals sinnvoller."
Investitionen in tschechische Brownfields lohnen sich laut Marktexperten Vit bei Standorten mit extremer Flächenknappheit, bei Projekten, die eine schnelle Verfügbarkeit ermöglichen und wenn der Investor Wert auf Nachhaltigkeit und Revitalisierung legt.
Viele Barrieren auf dem Weg zur Sanierung
Auch der tschechische Rat für nachhaltige Gebäude (CZGBC) sieht große Chancen bei der Revitalisierung von Brownfields. Sie könnten "zu einem Schlüsselelement der nachhaltigen Entwicklung von Städten und Gemeinden werden, da es sich um bereits urbanisierte Standorte mit guter Lage und Anbindung an die Verkehrs- und technische Infrastruktur handelt", schreibt der Verband in einer Pressemitteilung. Allerdings gelinge es nicht immer, den Sanierungsprozess erfolgreich zu durchlaufen. "Die Dynamik der Brownfield‑Regeneration wird weiterhin durch Barrieren wie fehlende Finanzmittel, komplexe Eigentumsverhältnisse sowie gesetzliche, technologische oder ökologische Hindernisse gebremst", konstatiert der CZGBC.
Unternehmen sind häufig abgeschreckt von den unvorhersehbaren ökologischen Altlasten und Denkmalschutzvorschriften. Das hat eine Umfrage des tschechischen Forschungsinstituts CEEC Research herausgefunden. Die Befragung unter Projektentwicklern hatte 2024 ergeben, dass die Bauvorhaben sich gegenüber Greenfield-Objekten um 14 Prozent verteuern. Dennoch will die große Mehrheit der Developer auch in Zukunft alte Industriebrachen erschließen.
Der Rat für nachhaltige Gebäude aktualisierte 2025 eine Handreichung für Brownfield-Investoren. Daran haben Fachleute aus den Bereichen Architektur, Planung und Stadtentwicklung mitgearbeitet. Die CZGBC-Publikation stellt Finanzierungsmöglichkeiten und Erfolgsbeispiele vor. Außerdem erläutern die Autoren, wie Brownfields in Themen wie Nachhaltigkeit, Klimaresilienz und Kreislaufwirtschaft eingebettet werden können.
Hohe Zuschüsse für Investoren
Für die Sanierung stehen in Tschechien viele Förderprogramme bereit, häufig kofinanziert aus EU-Fonds. Davon können in der Regel auch deutsche Unternehmen profitieren, wenn sie eine Tochterfirma im Land haben.
Auf die Revitalisierung von Brachflächen und abbruchreifen Gebäuden in Tschechiens Kohleregionen zielt vor allem das EU-Programm "Gerechter Übergang". Ein aktueller Förderaufruf betrifft Brownfield-Sanierungen in den Regionen Karlovy Vary und Ústí nad Labem, wenn dadurch zum Beispiel Kulturzentren, Schulen oder medizinische Einrichtungen entstehen. Bis zu 100 Prozent der Investitionen sind förderfähig. Gezahlt werden Zuschüsse und zinslose Kredite. Das Gesamtvolumen für den bis 30. Oktober 2026 laufenden Aufruf beträgt 1,55 Milliarden Tschechische Kronen (63 Millionen Euro, Wechselkurs am 9. März 2026: 1 Euro = 24,40 Kč).
Im Moravskoslezský kraj (Mährisch-Schlesien) läuft zurzeit der Aufruf zur Förderung "Strategischer Brownfields". Hier werden Anträge bis 31. März 2026 entgegengenommen. Insgesamt stehen dafür 500 Millionen Kč (20,5 Millionen Euro) zur Verfügung.
Weitere Förderprogramme
Unterstützung der Projektvorbereitung zur Revitalisierung von Brownfields
Ziel: energieeffiziente Renovierung bestehender Gebäude oder deren Abriss und Neubau energieeffizienter Objekte (mindestens 50 Prozent für gewerbliche Zwecke). Gefördert werden die Erstellung von Projektunterlagen, Ausschreibungen für die Bauausführung, Machbarkeitsstudien, Umweltgutachten, Erkundungsarbeiten.
Förderung: 500.000 bis 7,5 Millionen Kč pro Projekt (20.500 bis 307.000 Euro)
Maximale Förderquote: 30 bis 50 Prozent (je nach Gemeindegröße)
Gesamtvolumen: 100 Millionen Kč (4,1 Millionen Euro)
Untersuchung von Umweltbelastungen
Ziel: Untersuchungen von ökologischen Verunreinigungen und damit verbundenen Risiken, einschließlich Entwurfs einer effektiven Lösung (Grund- oder Oberflächenwasser, Sedimente, geologischer Untergrund, Bodenluft).
Förderung: 750.000 Kč pro Projekt (30.700 Euro)
Maximale Förderquote: 85 Prozent
Gesamtvolumen: 150 Millionen Kč (6,1 Millionen Euro)
Beseitigung von Umweltbelastungen
Ziel: Beseitigung von Kontaminationsrisiken, die die menschliche Gesundheit, Wasserressourcen oder Ökosysteme gefährden, sowie Rekultivierung alter Deponien. Vorrangig für Standorte, bei denen eine Kontamination mit Priorität A3, A2 oder A1 bestätigt wurde.
Mindestförderfähige Ausgaben pro Projekt: 1 Mio. Kč (41.000 Euro)
Gesamtvolumen: 1,7 Milliarden Kč (70 Millionen Euro)
Smart Parks for the Future (Entwicklung von Industriegebieten)
Ziel: Umwandlung von Brownfields zu Gewerbeparks mit kleinerer Fläche. Das Vorhaben muss einen überregionalen gesellschaftlichen Nutzen haben (also vor allem in wirtschaftlich schwächeren Gebieten gemäß der tschechischen Strategie zur Regionalentwicklung). Antragsberechtigt für die Fördermittel sind Gemeinden, Städte und Regionen.
Gesamtvolumen: 2,54 Milliarden Kč (104 Millionen Euro)
Maximale Förderquote: 30 bis 70 Prozent (je nach Gemeindegröße)
| Projekt / Beschreibung | Investitionssumme in Mio. Euro *) | Projektstand / Anmerkung | Akteure |
|---|---|---|---|
| Projekt Florenc 21 / neuer Stadtteil mit Wohnungen, Büros, Einzelhandel, Hotels und Busbahnhof auf einem alten Eisenbahngelände in Prag | 825,8 | Projektierung von 15 internationalen Architekturbüros; Baubeginn 2028; Fertigstellung für 2031 geplant | Penta Real Estate |
| Neubau von 1.100 Wohnungen auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofes Prag-Žižkov | 474,8 | Baubeginn 1. Etappe im 1. Halbjahr 2026, Fertigstellung 2028 | Cresco Real Estate |
| Bau eines neuen Stadtteils für 17.000 Einwohner auf dem Gelände des ehemaligen Flugzeug- und Lkw-Produzenten Avia in Prag-Letňany | 247,7 | Altlastensanierung soll bis Ende 2026 abgeschlossen sein; Baugenehmigungsprozesse ab 2027 | Odien und Finanzministerium |
| Neubau von 114 Wohnungen auf dem Gelände des ehemaligen Heizkraftwerks Prag-Veleslavín | 90,8 | Bau bereits begonnen; Fertigstellung 2028 geplant | EPD Group und Penta Real Estate |
| Umbau der ehemaligen Blindenanstalt Klárův ústav slepců in Prag (unter Denkmalschutz) zum Regierungsgebäude | 41,3 | Baugenehmigung Mitte 2026 geplant; Baubeginn 2028; Konferenz- und Ausstellungsräume, Regierungsbüros | Staatliche Vermögenverwaltung ÚZSVM
|
| Strategischer Industriepark Lazy auf dem Gelände einer alten Kohlemine in Mährisch-Schlesien | k.A. | Zusammenarbeit mit Diamo bei Altlastensanierung; technische Prüfung sollte 2026 abgeschlossen werden; Inbetriebnahme 2030 geplant | Staatliche Entwicklungsgesellschaft SIRS und staatliche Diamo |
| Werkserweiterung für Komponenten von Atomkraftwerken auf dem Gelände einer ehemaligen Härterei von Škoda Steel in Plzeň | k.A. | Umbau der Halle und Nutzung einiger Maschinen und Kränen | Škoda JS (ČEZ Gruppe) |
| Bau von 400 Wohnungen auf zwei ehemaligen Grundstücken von E.on in Brno | k.A. | Zum Teil Denkmalsanierung; Vorbereitungsphase | PSN |
| Bau von 80 Wohnungen auf dem Brownfield der ehemaligen Mühle in Brno-Komárov | k.A. | Areal in der Nähe des neuen Hauptbahnhofs; Baubeginn Mitte 2026; Fertigstellung 2028 | Domoplan |
| Umbau der ehemaligen Weberei in Rokytnice nad Jizerou zu Hotel und Wohnungen | k.A. | Areal geplant mit Aquapark, Kongresssälen, Restaurant; Baubeginn für 2027 geplant | Trigema |