Wirtschaftsumfeld | Tschechische Republik | Strukturwandel

Tschechien schöpft neue Energie aus alten Tagebauen

Drei tschechische Regionen wollen ihr fossiles Erbe abschütteln und mit neuen Industrien die Zukunft meistern. Sie setzen auf saubere Energie, Mobilität und mehr Wertschöpfung.

Von Gerit Schulze | Prag

An einem nasskalten Nachmittag im Februar 2026 fuhr im Bergwerk ČSM die letzte Lore aus 1.000 Metern Tiefe ans Tageslicht. Damit endete nach fast 250 Jahren die Steinkohleförderung in Tschechien. Etwa 700 Kumpel bleiben beim Staatsbetrieb OKD beschäftigt, um Bergwerksanlagen zu sichern und Altlasten zu beseitigen.

Was in Mährisch-Schlesien vollzogen ist, steht in zwei weiteren Regionen bevor: Karlovy Vary und Ústí nad Labem bereiten den Ausstieg aus der Braunkohleförderung vor. Spätestens Ende 2033 sollen im letzten Großtagebau Bílina bei Most die Lichter ausgehen, in den Revieren rund um Sokolov und Chomutov schon 2030. So steht es im Nationalen Klima- und Energieplan, der 2024 verabschiedet wurde.

Ein Drittel des Stroms immer noch aus Kohle

Damit befinden sich die drei tschechischen Kohleregionen Mährisch-Schlesien, Karlovy Vary und Ústí nad Labem mitten im Strukturwandel - wirtschaftlich, sozial und ökologisch. Die großen Kohlekraftwerke, die in Tschechien mehr als ein Drittel der Stromerzeugung sicherstellen, gehen schrittweise vom Netz. Schon heute lohnt sich ihr Betrieb wegen der teuren CO2-Zertifikate kaum noch.

Ersatz muss also her, und das möglichst schnell. Die drei betroffenen Strukturwandelregionen haben dafür Innovationsstrategien erstellt. Jeder Standort setzt eigene Akzente und betont regionale Traditionen.

"Wir bemühen uns darum, unsere starke industrielle Basis zu behalten, aber gleichzeitig zu einer Wirtschaft mit mehr Wertschöpfung überzugehen", sagt Václav Palička, Aufsichtsratsvorsitzender bei der Entwicklungsagentur Mährisch-Schlesien (MSID) im Interview mit Germany Trade & Invest. Das soll durch Modernisierung der traditionellen Industriezweige geschehen, durch Automatisierung, Digitalisierung und Industrie4.0. "Gleichzeitig ist eine breitere Diversifizierung der Wirtschaft das Ziel. Dazu gehören IT, Shared Services, Medizintechnik, Energie sowie Forschung und Entwicklung."

Die Region hat bereits eine starke Forschungslandschaft mit der Technischen Universität VŠB-TUO und dem Supercomputerzentrum IT4Innovations in Ostrava. Dort steht seit Herbst 2025 Tschechiens erster Quantencomputer. Das Forschungszentrum CEET ist spezialisiert auf Wasserstofftechnologien, Energiespeicherung und alternative Rohstoffe.

Wirtschaftsförderer Palička setzt aber auch auf die Industriebrachen. "Wir beteiligen uns aktiv an der Revitalisierung von Brownfields und deren Erschließung für moderne Industrie-, Büro- oder Wohnprojekte." Flächen gibt es also genug. BMW zum Beispiel plant im Industriegebiet Mošnov ein großes Logistikzentrum.

25.03.2026 Interview | Tschechische Republik | Strukturwandel
"Deutsche Firmen schätzen unsere Industrietradition"

Mährisch-Schlesien war lange das industrielle Herz Tschechiens. Kohle und Stahl dominierten die Region. Im Interview geht es um die Zukunftsbranchen und das deutsche Engagement.

Wenig Industrie im Bäderdreieck

Schwieriger ist die Ausgangslage im Bezirk Karlovy Vary. Dort ist die industrielle Basis dünn, die Forschungslandschaft überschaubar. Es ist die einzige Region des Landes ohne Hochschule. Dafür grenzt sie an zwei deutsche Bundesländer und ist mit dem Bäderdreieck Karlsbad, Marienbad und Franzensbad eine touristische Hochburg. Fast ein Fünftel der Wirtschaftsleistung entfällt auf das Kurwesen.

Die regionale Innovationsstrategie definiert fünf Kernbranchen: Maschinenbau und Mechatronik, Automobilzulieferer und autonome Mobilität, Porzellan- und Glasfertigung, neue Energietechnologien und Bädertourismus.

Milliardenhilfen für den Wandel

Größter Fördertopf für tschechische Strukturwandelregionen ist das EU-Programm "Gerechter Übergang". Dafür stehen in der aktuellen Förderperiode in den drei Regionen rund 1,7 Milliarden Euro zur Verfügung. Die Gelder können genutzt werden für den Bau von Gründerzentren, klimafreundliche Industrieanlagen und Umschulung

Der nationale RE:START-Plan ergänzt diese Förderung, zum Teil als Kofinanzierung. Hier liegt der Fokus auf Energie-Transformation und Innovationsförderung. 

Außerdem vergeben die Regionen Voucher an Unternehmensgründer, die für Forschungsprojekte, Marketing oder Produktentwicklung genutzt werden können. 

Für grenzüberschreitende deutsch-tschechische Projekte eignen sich die EU-Programme Interreg Sachsen-Tschechien und Interreg Bayern-Tschechien. Sie fördern den Aufbau von Netzwerkaktivitäten, Wissens- und Technologietransfer sowie die Einführung innovativer Technologien. In Mährisch-Schlesien greift das Interreg-Programm Tschechien-Polen.

Neben dem Kurwesen entwickelt sich der Bezirk Karlovy Vary zu einem Zentrum des autonomen Fahrens. Leuchtturmprojekt ist ein Testgelände, das BMW auf einem ehemaligen Braunkohletagebau betreibt. Das 300 Millionen Euro teure "Future Mobility Development Center" ermöglicht dem Münchner Autokonzern die reale Erprobung von hoch- und vollautomatisiertem Fahren.

Karlovy Vary und sein Umland sind Modellregion für 5G-Netze, über die autonome Fahrzeuge gesteuert werden können. Spätestens in drei Jahren sollen nahtlose Signalverbindungen entlang der Autobahn D6 sowie in allen größeren Städten funktionieren. Mit einem stabilen 5G-Netz in der Region könnten autonome Shuttlebus‑Linien in den Kurorten betrieben werden. Durch die Fußgängerzone von Cheb kurvt im Testbetrieb bereits heute ein selbstfahrendes Müllfahrzeug und entleert die Abfalltonnen.

Kohlekonzern baut jetzt Solarparks

Wie die anderen Kohleregionen setzt Karlovy Vary auf neue Energiequellen. Der dominierende Kohlekonzern SUAS entwickelt Tagebauflächen rund um Sokolov zu einem "Energy Hub". Eine Kombination aus traditionellen und erneuerbaren Energien sowie riesige Stromspeicher sollen das Netz stabilisieren und für Energiesicherheit in ganz Tschechien sorgen. In Ort Lipnice u Vintířova entsteht derzeit ein Batteriespeicher mit 120 Megawattstunden Kapazität. 

Auch für Projektentwickler ist das Kohlerevier attraktiv, denn Bayern und Sachsen sind gleich um die Ecke. Der Business Park Cheb ist einer der größten Logistikstandorte Tschechiens. Dort betreibt Modehändler H&M ein riesiges Vertriebszentrum. Auch Tchibo, DHL und der Autoteilehersteller BWI gehören zu den Mietern.

Eine der deutschen Firmen, die sich schon vor 30 Jahren im Raum Karlovy Vary angesiedelt hat, ist dehonit. Der Hersteller von hochverdichtetem Schichtholz entschied sich wegen der Nähe zu Deutschland und verfügbaren Arbeitskräften für den Standort. 

Einen Aufschwung und Stimmungswandel im Kohlerevier Sokolov nimmt Geschäftsführer Marc Schmeing bislang nicht wahr. "Noch gibt es wenig Initiative hier, die Situation zu verändern und den Wandel als Chance zu begreifen." 

Die Beschäftigten aus den früheren Tagebauen seien nicht immer in kleine Mittelständler integrierbar, berichtet der Unternehmer. "Bei uns sind Flexibilität und Eigeninitiative gefragt. Das sind nicht gerade die Fähigkeiten, die in solch großen Einheiten gefördert wurden." 

25.03.2026 Interview | Tschechische Republik | Strukturwandel
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Wie sind die Rahmenbedingungen in Tschechiens Strukturwandelregionen? Darüber sprechen wir im Interview mit einem deutschen Mittelständler, der im Kohlerevier Sokolov produziert.

Requalifizierung als Schlüssel zum Strukturwandel

Umschulung und Requalifizierung sind für den Transformationsprozess in allen Kohleregionen wichtig. Im Bezirk Ústí nad Labem steckt neben dem Kohleabbau auch die Chemieindustrie in der Krise. Die hohen Energiepreise haben die Produktion von Grundchemikalien weniger rentabel gemacht. Die regionale Innovationsstrategie plädiert daher für Investitionen in neue Kunststoffe, Recyclingverfahren und alternative Einsatzstoffe. Außerdem will die Region Zulieferer für den Halbleitercluster Silicon Saxony ansiedeln. 

Die größte Hoffnung ruht auf der Lithiumlagerstätte Cínovec im Erzgebirge. Investor ist das Unternehmen Geomet, das Tschechiens größtem Energiekonzern ČEZ und dem australischen EHM-Konzern gehört. Es könnten rund 4.000 Arbeitsplätze entstehen - im Bergbau, beim Transport, bei der Aufbereitung und Verarbeitung des Rohstoffs. 

ČEZ rechnet mit Kosten von 1,7 Milliarden Euro für die Erschließung der Lagerstätte und der Weiterverarbeitung. Es wäre eines der größten Investitionsvorhaben in Tschechiens Kohleregionen. Die Verarbeitungsanlage für die Lithiumerze entsteht auf dem Gelände des ehemaligen Kohlekraftwerks Prunéřov. Der Abbau des Rohstoffs könnte 2030 starten.

Strom soll den Hochofen befeuern

Das Beispiel zeigt, dass die alten Industriezweige in Tschechiens Strukturwandelregionen nicht völlig verschwinden. Das gilt auch für die Montanindustrie bei Ostrava. Das Stahlwerk Nová Huť plant für 700 Millionen Euro einen Elektrolichtbogenofen. Statt Kohle würde die Anlage dann Strom nutzen, um Eisenschrott zu schmelzen. 

Auch mit den Überresten des Kohle- und Stahlzeitalters lässt sich heute Geld verdienen. Das Unternehmen JK Recycling will aus alter Hochofenschlacke Material für den Straßenbau gewinnen.

Solarparks, Batterien und Wasserstoff

In den drei tschechischen Kohleregionen laufen große Investitionsvorhaben in neue Energiequellen, Technologie und Renaturierung. Germany Trade & Invest hat Projekte zusammengestellt, die auch für deutsche Unternehmen Geschäftsmöglichkeiten bieten:

Investitionsvorhaben Karlovarský kraj 

Investitionsvorhaben Ústecký kraj 

Investitionsvorhaben Moravskoslezský kraj

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