Wirtschaftsumfeld | Tschechien, Slowakei | Konjunktur

Tschechien und Slowakei laufen wirtschaftlich in verschiedene Richtungen

Viele deutsche Unternehmen sind in Tschechien und der Slowakei präsent. Ihre Lieferketten sind eng verwoben. Doch die Standortbedingungen entwickeln sich derzeit unterschiedlich. 

Von Gerit Schulze | Prag

Deutsche Unternehmen blicken immer unterschiedlicher auf die beiden Märkte in Mittelosteuropa. Während in Prag der Optimismus wächst, trübt sich die Stimmung in Bratislava weiter ein. Das belegen die neuesten Konjunkturumfragen unter Mitgliedsfirmen der Auslandshandelskammern (AHK).

In Tschechien zeigen im Frühjahr 2026 fast alle Indikatoren nach oben. Der Blick auf die Wirtschaftslage im Land ist so positiv wie seit fünf Jahren nicht mehr. Besonders Industriebetriebe sind bei ihren Umsatzerwartungen und geplanten Investitionen deutlich optimistischer als im Vorjahr.

In Tschechien zeigen alle Indikatoren nach obenKonjunkturprognosen für 2026 (reale Veränderung in Prozent)
Indikator

Tschechien

Slowakei

BIP

2,1

0,5

Bruttoanlageinvestitionen

3,6

-0,7

Lohnentwicklung

4,2

0,0

Privatverbrauch

3,0

-0,4

Quelle: Tschechisches Finanzministerium, April 2026; Slowakische Nationalbank NBS, März 2026

Anders als in der Vergangenheit entkoppelt sich Tschechien von der Konjunkturentwicklung in Deutschland. Bei der Frühjahrsumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) gaben nur 23 Prozent der Firmen in Deutschland an, ihre Investitionsausgaben 2026 anzuheben. Bei der Konjunkturumfrage der AHK Tschechien waren es 31 Prozent. Während in Deutschland nur 12 Prozent der Unternehmen 2026 ihren Beschäftigungsstand erhöhen wollen, erreicht der Wert in Tschechien 29 Prozent.

Trotz der geopolitischen Turbulenzen im Nahen Osten wird Tschechiens Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2026 kräftig wachsen. Die aktuelle Prognose des Finanzministeriums rechnet mit einem Plus von 2,1 Prozent. In Deutschland erwartet die Bundesregierung laut ihrer Frühjahrsprojektion nur noch ein Wachstum von 0,5 Prozent.

"Es scheint – zumindest derzeit – nicht mehr zu gelten, dass die tschechische Wirtschaft eine Lungenentzündung bekommt, wenn Deutschland einen Schnupfen hat", sagte AHK-Geschäftsführer Bernard Bauer bei der Präsentation der Umfrageergebnisse in Prag. Dafür verantwortlich seien ein stabiler Binnenkonsum und die Erschließung neuer Absatzmärkte. Der deutsch-tschechische Handel erreichte 2025 trotzdem ein Rekordvolumen von 116 Milliarden Euro.

Sparpakete drücken die Stimmung in Bratislava

In der Slowakei ist die Stimmung unter den europäischen Investoren weitaus negativer. Immer neue Sparpakete der Regierung engen den finanziellen Spielraum der Unternehmen und Privathaushalte ein. Die Nationalbank NBS rechnet in ihrer Frühjahrsprognose nur noch mit 0,5 Prozent Wachstum.

Entsprechend gedämpft sind die Erwartungen der ausländischen Unternehmen im Land. Nur 4 Prozent von ihnen schätzen die aktuelle Wirtschaftslage als gut ein, 61 Prozent dagegen als schlecht. Das zeigt die Geschäftsklimaumfrage der AHK in Bratislava. 

"Die Konjunkturerwartungen haben einen Tiefpunkt erreicht, der zuvor nur bei Ausbruch der Covid-Pandemie übertroffen wurde", kommentierte AHK-Präsident Pavel Lakatos die Ergebnisse. Vier von zehn Unternehmen würden heute nicht mehr in der Slowakei investieren. In Tschechien gaben 90 Prozent der Befragten an, sich wieder für den Standort zu entscheiden.

Während in Tschechien 19 Prozent der Firmen an eine positive Wirtschaftsentwicklung für 2026 glauben, sind es in der Slowakei nur noch 3 Prozent. Fast drei Viertel der Unternehmen erwarten einen negativen Konjunkturverlauf im Land zwischen Donau und Tatra.

Betriebe planen mit mehr Personal und Investitionen 

Auffallend ist, dass die Bereitschaft zu Neueinstellungen und Investitionen im Vergleich zum Vorjahr dennoch gestiegen ist. Immerhin jedes vierte befragte Unternehmen in der Slowakei plant, in diesem Jahr mehr Personal zu beschäftigen. Sogar 28 Prozent wollen ihre Investitionen ausweiten. Bei den Lohnkosten erwarten die Firmen für 2026 durchschnittliche Aufschläge von 7,2 Prozent und damit etwas mehr als im Vorjahr (6,5 Prozent). Es bleibt weiter schwierig, Fachkräfte zu finden, weshalb die Unternehmen attraktive Vergütungen anbieten müssen.

In Tschechien planen 29 Prozent der Unternehmen einen Personalaufbau. Im verarbeitenden Gewerbe und im Handel sogar jede dritte Firma. Allerdings liegt die Investitionsbereitschaft trotz der guten Konjunkturlage nur im Mittelwert der vergangenen Jahre. Während 20 Prozent ihre Ausgaben 2026 kürzen wollen, planen 31 Prozent mit steigenden Investitionen.

Claudia Viohl, Vorstandsvorsitzende von E.ON Tschechien, verwies bei der Präsentation der Umfrageergebnisse in Prag vor allem auf notwendige Investitionen in die Energieversorgung. Europa sei noch immer zu 30 Prozent von fossilen Brennstoffen abhängig. Eine beschleunigte Elektrifizierung und die Modernisierung der Energieinfrastruktur könnten diese Abhängigkeit verringern. Beim Ausbau der erneuerbaren Energien sei es am besten, diese direkt selbst zu verbrauchen. Viele Unternehmen in Tschechien gehen diesen Weg bereits, unter anderem der deutsche Technologiekonzern ZF in seinem nordböhmischen Werk Klášterec nad Ohří.

Niclas Pfüller, Geschäftsführer beim Automobilzulieferer Brose CZ in Kopřivnice, verwies bei der Pressekonferenz darauf, dass Tschechien für einfache Montagetätigkeiten inzwischen zu teuer sei. Da solche Produktion abwanderten, sollte hierzulande mehr in Qualifizierung und Wertschöpfung investiert werden.

Welches sind die drei größten Standortrisiken? *)
TschechienSlowakei
Verfügbarkeit von Fachkräften (3,7)Mangelnde Korruptionsbekämpfung (4,4)
Berechenbarkeit der Wirtschaftspolitik (3,5)Berechenbarkeit der Wirtschaftspolitik (4,2)
Effizienz der öffentlichen Verwaltung (3,5)Steuerlast (4,1)
* In Klammern die durchschnittlich vergebene Schulnote.Quelle: Konjunkturumfragen 2026 der AHK Tschechien und der AHK Slowakei

Wirtschaftspolitik aus Sicht der Firmen unberechenbarer

Für noch mehr Standortqualität müsste Tschechien laut Pfüller auch am Bürokratieabbau arbeiten. Die Effizienz der öffentlichen Verwaltung wird von den deutschen Unternehmen im Land als eines der größten Standortrisiken wahrgenommen. Verschlechtert hat sich nach Einschätzung der Firmen auch die Berechenbarkeit der Wirtschaftspolitik. Größtes Manko bleibt aber die Verfügbarkeit von Fachkräften.

Welches sind die drei besten Standortfaktoren? *)
TschechienSlowakei
EU-Mitgliedschaft (2,0)EU-Mitgliedschaft (1,6)
Telekommunikationsinfrastruktur (2,2)Telekommunikationsinfrastruktur (2,3)
Qualität und Verfügbarkeit lokaler Zulieferer (2,3)Qualität und Verfügbarkeit lokaler Zulieferer (2,5)
* In Klammern die durchschnittlich vergebene Schulnote.Quelle: Konjunkturumfragen 2026 der AHK Tschechien und der AHK Slowakei

In der Slowakei geben Unternehmen gleich drei Standortfaktoren die Schulnote 4: Korruptionsbekämpfung, Berechenbarkeit der Wirtschaftspolitik und Steuerbelastung. Zu Jahresbeginn 2026 war ein drittes Konsolidierungspaket in Kraft getreten, das Unternehmen, Selbstständigen und Arbeitnehmern weitere Lasten aufbürdet. Hinzu kommen die schnell steigenden Arbeitskosten bei gleichzeitigem Personalmangel, die von den Firmen in der Konjunkturumfrage kritisiert wurden. AHK-Präsident Lakatos appelliert deshalb an die Politik, "neues Vertrauen bei den Investoren zu schaffen".

Feedback von 237 Unternehmen

Die Konjunkturumfragen der deutschen Auslandshandelskammern (AHK) finden jedes Frühjahr in 15 Ländern Mittelosteuropas statt.

In Tschechien nahmen an der Konjunkturumfrage 2026 im März 125 Mitgliedsfirmen und andere deutsche Unternehmen teil. Sektorale Verteilung: 46 Prozent verarbeitendes Gewerbe, 33 Prozent Dienstleistungssektor, 12 Prozent Handel, 7 Prozent Bauwirtschaft, 2 Prozent Energie, Wasser und Entsorgung.

In der Slowakei führte die AHK ihre Konjunkturumfrage 2026 zusammen mit Handelskammern aus vier anderen europäischen Ländern durch. Es nahmen 112 Unternehmen teil. Sektorale Verteilung: 51 Prozent verarbeitendes Gewerbe, 38 Prozent Dienstleistungssektor, 11 Prozent Handel.