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Ukraine erlebt Investitionsschub bei erneuerbaren Energien

In der Ukraine sind zahlreiche Wind- und Solarenergieprojekte auf dem Weg. Das bietet deutschen Unternehmen Geschäftsmöglichkeiten, doch die Konkurrenz ist gut positioniert.

Von Waldemar Lichter | Warschau

Trotz anhaltender russischer Raketenangriffe auf die Energieinfrastruktur verzeichnet die Ukraine einen deutlichen Investitionsschub bei erneuerbaren Energien. Hintergrund ist der gezielte Schaden an zentralen Versorgungsstrukturen: Regierung und Geldgeber setzen beim Wiederaufbau verstärkt auf dezentrale, resiliente Energiesysteme.

Im Jahr 2025 gingen rund 1,5 Gigawatt neue Solarkapazität ans Netz, fast doppelt so viel wie im Vorjahr. Für 2026 erwartet die Solar Energy Association of Ukraine (SEAU) mindestens weitere 1,5 Gigawatt Solarleistung sowie mehr als 3 Gigawattstunden neue Batteriespeicher. Grundlage dafür sind verlängerte Steuer- und Zollbefreiungen sowie vereinfachte Genehmigungsverfahren.

Ausbau der Windenergie nimmt deutlich zu

Der Windpark Tyligulska an der Schwarzmeerküste (Region Mykolajiw) gilt als zentrales Projekt des ukrainischen Windsektors. Betreiber ist DTEK, der größte private Energieversorger des Landes. Im Januar 2025 kündigte das Unternehmen die zweite Ausbauphase an. Dafür investiert DTEK 450 Millionen Euro. Mit 64 neuen Vestas-Turbinen soll die Leistung von 114 auf 500 Megawatt steigen. Bis 2030 plant DTEK, seine Kapazitäten im Bereich erneuerbare Energien auf 2 Gigawatt zu erhöhen. Dazu zählt ein weiterer Windpark mit 650 Megawatt in der Region Poltawa.

Auch Elementum Energy treibt Projekte voran. Das Unternehmen errichtet in der Westukraine einen 200-Megawatt-Windpark für über 300 Millionen Euro. Für den bestehenden Windpark Dnistrovska mit einer Leistung von 100 Megawatt schloss Elementum Energy 2025 zudem die ersten kommerziellen Differenzverträge (Contracts for Difference, CfD) mit Industrieabnehmern ab. Bei diesem Vergütungsmodell wird ein Fixpreis für die erzeugte Energie garantiert, unabhängig von volatilen Marktpreisen. Diese Vereinbarungen stabilisieren die Erlöse und erhöhen die Bankfähigkeit. Auf dem ukrainischen Markt ist dies ein Novum.

Weitere aktive Investoren in der Windbranche sind ECO-OPTIMA in Lwiw mit 40 Megawatt, Wind Parks of Ukraine in Kyiv mit 80 Megawatt sowie Notus Energy aus Potsdam, das einen 120-Megawatt-Windpark in der Region Odessa entwickelt. Für 2025 waren Windprojekte mit mehr als 800 Megawatt angekündigt; laut der Ukrainischen Windenergievereinigung (UWEA) wurden nur rund 324 Megawatt errichtet.

Solar und Speicher: Hybridprojekte auf dem Vormarsch

In der Solarbranche rücken kombinierte Erzeugungs- und Speicherprojekte zunehmend in den Fokus. Rengy Development arbeitet in der Süd- und Zentralukraine an Solar- und Speicheranlagen mit mehr als 140 Megawatt Leistung. Das deutsche Unternehmen Goldbeck Solar hat gemeinsam mit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) das Joint Venture Goldbeck Solar Investment Ukraine gegründet, das bis zu 500 Megawattpeak Solarprojekte umsetzen soll. Die DEG - Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft stellte dafür 5 Millionen Euro als Darlehen bereit. Zudem baut Goldbeck Solar gemeinsam mit dem Green for Growth Fund weitere Solarparks in der Ukraine aus.

Auch der ukrainische Agrarkonzern Kernel plant umfangreiche Investitionen. Kernel kündigte im Februar 2026 an, bis 2028 rund 400 Millionen US-Dollar (US$) in Wind-, Solar- und Speicherprojekte mit bis zu 600 Megawatt Gesamtleistung zu investieren. Ein Solarpark mit 250 Megawatt (Region Tscherniwzi) soll der größte in der Westukraine werden.

Türkische Konzerne sind schnell, eigenkapitalstark und kooperationsbereit

Burak Pehlivan, Vorsitzender der Türkisch‑Ukrainischen Wirtschaftsvereinigung, erklärte im Oktober 2025 dem Fachmedium ICIS, dass im Fokus türkischer Investoren derzeit der ukrainische Elektrizitätssektor stehe. In den vergangenen fünf Jahren habe das Engagement türkischer Unternehmen in der Ukraine seinen Worten zufolge auf rund 5 Milliarden US$ zugenommen, davon entfielen 10 Prozent auf den Bereich Energie. Viele der türkischen Firmen finanzieren ihre Erstinvestitionen aus Eigenkapital und können Projekte daher zügig starten.

Als wichtigster Akteur aus der Türkei gilt die Onur Group. Sie erhöhte ihre Investitionspläne für grüne Energie in der Ukraine bis 2030 auf 450 Millionen US$, zuvor waren 260 Millionen US$ vorgesehen. Das Unternehmen errichtet derzeit 50 Megawatt Solarkapazitäten und 164 Megawattstunden Batteriespeicher in der Region Winnyzja sowie Windparks in Transkarpatien (120 Megawatt) und Wolyn (bis zu 340 Megawatt). Pehlivan betont: "Trotz anhaltend hoher Kriegsrisiken haben türkische Unternehmen keine Kapazitäten verloren", da die meisten Anlagen in weniger gefährdeten Zentral‑ und Westregionen entstehen.

Auch aus der Türkei stammt das Unternehmen Atlas Global Energy, das ein Portfolio von über 300 Megawatt Wind‑ und Photovoltaikanlagen in der Ukraine betreibt. Der Windpark Skole (67,2 Megawatt, Region Lwiw) soll 2026 mit 14 Turbinen des deutschen Herstellers Nordex in Betrieb gehen. Im Frühjahr 2025 kündigte Atlas Global Energy zudem einen Windpark mit bis zu 200 Megawatt in der Region Schytomyr an. Türkische Unternehmen suchen Kooperationen mit westlichen Partnern, um europäische Technologien einzubinden und Zugang zu Co‑Finanzierungen zu erhalten.

Für deutsche Firmen bestehen Lieferchancen

Die hohe Zahl an Solar-, Wind- und Speicherprojekten erfordert umfangreiche Importe von Komponenten und Ingenieursleistungen. Da die Ukraine moderne und netzdienliche Anlagen errichten möchte, steigt die Nachfrage nach deutschen Qualitätsprodukten. Zu den zentralen Bedarfsfeldern zählen:

  • Windkraftkomponenten wie Türme, Fundamente, Getriebe und Steuerungssysteme;
  • Systemtechnik für Photovoltaik, darunter Wechselrichter, Messtechnik und Montagesysteme für Großanlagen;
  • Batteriespeichertechnik (BESS);
  • Netz- und Transformatortechnik, deren Bedarf durch die volatile Einspeisung zunimmt;
  • digitale Steuerungs- sowie O&M-Systeme, etwa Fernüberwachung und Predictive Maintenance, Bereiche mit hoher deutscher Technologiekompetenz.

Partnersuche für den Markteintritt

Der Business Guide Ukraine bietet einen kompakten Überblick zu Informationen über zentrale Ansprechpartner und Netzwerke. Diese unterstützen deutsche Unternehmen beim Markteinstieg und bei der Partnersuche in der Ukraine.

Wichtige Anlaufstellen für Projekte und Ausschreibungen

Mit einer zentralen Ausschreibungs‑ und Projektdatenbank bietet Germany Trade & Invest ausführliche Informationen zu neuen Vorhaben und unterstützt Unternehmen bei der Identifizierung von Geschäftschancen, darunter auch zur Ukraine.

Zahlreiche Quellen informieren zu Projekten und Ausschreibungen in der UkraineÜbersicht relevanter Internetportale
EBRD Project ProcurementAusschreibungen für alle EBRD-finanzierten Projekte in der Ukraine
UkraineInvestStaatliche Projektdatenbank mit Kontakten zu Projektentwicklern
ProzorroElektronisches Beschaffungssystem der Ukraine für staatliche Energieprojekte
WeltbankAusschreibungen für privatwirtschaftliche und staatliche Projekte
International Finance CorporationAusschreibungen für privatwirtschaftliche Projekte
Ukraine Investment Project PortalInformationen zu Projekten privater Investoren
Ukrainian EnergyInformationen zu Projekten privater Investoren
Independent Commodity Intelligence Services (ICIS)Informationen zu Projekten privater Investoren
Ukraine Open For BusinessInformationen zu Projekten privater Investoren
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026