Special | Arabische Golfstaaten | Krieg im Nahen Osten
Wie belastbar sind die Staatsfinanzen der Golfstaaten?
Der Krieg am Golf verursacht nicht nur unmittelbare Schäden. Er verteuert Sicherheits- und Krisenmanagement sowie den wirtschaftlichen Umbau – und erhöht den fiskalischen Druck.
17.04.2026
Von Heena Nazir | Dubai
Der Krieg im Nahen Osten belastet die Staatsfinanzen der Golfstaaten weit über direkte Zerstörungen hinaus. Nicht nur beschädigte Infrastruktur kostet Geld. Auch Luftabwehr, Objektschutz, Notfallplanung, teurere Transporte und höhere Versicherungsprämien erhöhen den Druck auf die öffentlichen Haushalte. Der Internationale Währungsfonds (IWF) verweist in einer aktuellen Einschätzungen auf Faktoren wie Energiepreise, Handel und Finanzmärkte. Sehr unterschiedlich fallen zugleich die Folgen innerhalb des Golfkooperationsrats (GCC) aus, zu dem Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) gehören. Für Unternehmen und Investoren zählt deshalb nicht nur der Blick auf die Region als Ganzes, sondern auch auf die finanzielle Belastbarkeit des einzelnen Landes.
Eine belastbare Gesamtsumme fehlt weiter
Wie hoch die direkten Kriegskosten im GCC insgesamt ausfallen, lässt sich derzeit nicht beziffern. Die Regierungen der Region sprechen zwar von erheblichen Schäden an zivilen Einrichtungen, Dienstleistungsstandorten und Wohngebieten. Der Umfang aller Schäden oder eine belastbare Schätzung der Wiederaufbaukosten gibt es bislang aber nicht. Für die wirtschaftliche Einordnung ist genau das entscheidend: Die Belastung ist real, auch wenn sie sich noch nicht in einer verlässlichen Gesamtsumme ausdrücken lässt.
Greifbarer sind Einzelfälle. So erklärte etwa QatarEnergy, Raketenangriffe hätten die Exportkapazität für verflüssigtes Erdgas (Liquefied Natural Gas; LNG) um 17 Prozent verringert. Der geschätzte Einnahmeverlust liege bei 20 Milliarden US-Dollar (US$) pro Jahr, verursacht nicht durch Reparaturkosten, sondern vor allem durch entgangene Erlöse. Das zeigt, wie schnell Ausfälle und sinkende Exporteinnahmen auf die öffentlichen Finanzen durchschlagen.
| Datum (jeweils 2026) | Land | Ziel | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| 02.03. | Saudi-Arabien | Raffinerie Ras-Tanura | Angriff auf einen Kernstandort der saudi-arabischen Ölwirtschaft und ein zentrales Exportdrehkreuz |
| 09.03. | Bahrain | Wohngebiet Sitra | Größter dokumentierter ziviler Schadensfall in Bahrain mit zahlreichen Verletzten |
| 14./15.03. | Vereinigte Arabische Emirate (VAE) | Exportterminal Fujairah | Strategisch wichtig, weil dort normalerweise täglich rund 1 Mio. Barrel Murban-Rohöl *) verladen werden |
| 16.03. | VAE | Shah-Gasfeld | Schwerer Treffer auf Gasinfrastruktur; das Feld zählt zu den größten Gasprojekten weltweit |
| 18./19.03. | Katar | Ras Laffan / Anlagen zur Verflüssigung (LNG) und Verarbeitung von Erdgas (Gas-To-Liquids; GTL) | Schwerster dokumentierter Einzelfall im GCC mit Ausfällen bei LNG-Exporten und hohen Erlösverlusten |
| 19.03. | VAE | Gasanlagen Habshan | Großer Eingriff in eine Schlüsselanlage der Gasverarbeitung in Abu Dhabi |
| 19.03. | Kuwait | Raffinerien Mina al-Ahmadi und Mina Abdullah | Bedeutender Angriff auf zwei zentrale Standorte von Kuwaits Raffinerie- und Exportsystem |
| 29./30.03. | Kuwait | Strom- und Entsalzungsanlage | Besonders gravierend, weil kritische zivile Versorgungsinfrastruktur betroffen |
| 05.04. | Bahrain | Petrochemieanlage der Gulf Petrochemical Industries Company | Strategisch wichtig, Anlage Petrochemie und Düngemittel produziert |
| 05.04. | VAE | Petrochemieanlage Borouge, Abu Dhabi | Bedeutender Vorfall an einem der wichtigsten Petrochemiestandorte der VAE |
| 08./09.04 | Saudi-Arabien | East-West-Pipeline und mehrere Energieanlagen | Vorfall mit spürbaren Auswirkungen auf Förder- und Transportkapazitäten |
Kosten für Sicherheit steigen
Der fiskalische Druck beginnt nicht erst mit dem Wiederaufbau. Regierungen müssen zukünftig mehr Mittel für Luftabwehr, den Schutz kritischer Infrastruktur, Reservekapazitäten und Krisenmanagement bereitstellen. Hinzu kommen höhere Ausgaben für Transport und Versicherung. Der Krieg belastet öffentliche Haushalte damit nicht nur über zerstörte Anlagen, sondern auch über die gestiegene Unsicherheit, gestörte Lieferketten und vorsichtigeres Investitionsverhalten.
Besonders gut zeigt sich das in den VAE und in Saudi-Arabien. In den VAE lässt sich der zusätzliche Finanzierungsbedarf bereits konkret beziffern. Laut Economist Intelligence Unit (EIU) schlossen die VAE im März 2026 neue Verteidigungsabkommen mit den USA und der Ukraine, um ihre Luftabwehr auszubauen. Allein das mit den USA geschnürte Paket hat ein Volumen von 8,4 Milliarden US$. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums der VAE wurden zwischen Ende Februar und Anfang April mehr als 2.000 Drohnen und fast 450 Raketen abgefangen.
Auch in Saudi-Arabien spricht viel für weiter steigende Sicherheitsausgaben. Darauf deuten die wiederholten Angriffe auf Energieanlagen und Transportinfrastruktur ebenso hin wie der Verbrauch teurer Abfangsysteme. Reuters zufolge sucht das Königreich wie andere Golfstaaten nach zusätzlichen und kostengünstigeren Abwehrlösungen. Saudi-Arabien zählt zudem bereits heute zu den Staaten mit den höchsten Militärausgaben weltweit. Nach Schätzungen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI lagen die saudi-arabischen Verteidigungsausgaben im Jahr 2024 bei 80,3 Milliarden US$.
Insgesamt werden alle GCC-Staaten ihre entsprechenden Investitionen ausweiten. Höhere Ausgaben für die Sicherheit sind keine abstrakte Vorsorge mehr, sondern ein laufender Ausgabenposten.
Die Finanzpuffer bestimmen den Handlungsspielraum
Wie gut die einzelnen Staaten zusätzliche Belastungen schultern können, hängt vor allem von ihrer Haushaltslage, ihrer Verschuldung und ihren Reserven ab. Der IWF erwartet beispielsweise für Kuwait 2025 einen Haushaltsüberschuss von 26,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bei einer Schuldenquote von nur 7,3 Prozent. Auch die VAE gehen mit einem vergleichsweise günstigen Profil in diese Phase erhöhter Unsicherheit. Oman liegt im regionalen Mittelfeld.
Weniger komfortabel ist die Ausgangslage in Katar und Saudi-Arabien, auch wenn beide Länder nicht in eine akute fiskalische Krisenlage geraten. Bahrain bleibt der verwundbarste Staat im GCC. Dort treffen ein hohes Defizit und eine hohe Schuldenquote aufeinander. Für die wirtschaftliche Einordnung ist genau das zentral. Staaten mit Überschüssen, moderater Verschuldung und größeren Reserven können höhere Sicherheitsausgaben und wirtschaftliche Stützungsmaßnahmen zunächst leichter tragen. Wo diese Puffer kleiner sind, wächst der Druck auf Prioritäten im Staatshaushalt schneller.
Neben den laufenden Haushalten und der Verschuldung verfügen die GCC-Staaten über Liquiditätsreserven und insbesondere ihre Staatsfonds. Diese bilden eine zusätzliche Absicherung, sind aber nicht überall gleich flexibel einsetzbar. Allein die Größe der Vermögensbestände sagt deshalb nicht alles über die tatsächliche Krisenfestigkeit aus.
| Fonds | Land/Emirat | Öffentlich bekanntes Anlagevermögen *) |
|---|---|---|
| Abu Dhabi Investment Authority (ADIA) | Vereinigte Arabische Emirate (VAE)/Abu Dhabi | 1.187 |
| Kuwait Investment Authority (KIA) | Kuwait | 1.002 |
| Public Investment Fund (PIF) | Saudi-Arabien | 913 |
| Qatar Investment Authority (QIA) | Qatar | 580 |
| Investment Corporation of Dubai (ICD) | VAE/Dubai | 400 |
| Mubadala Investment Company | VAE/Abu Dhabi | 330 |
| ADQ | VAE/Abu Dhabi | 225 |
| Oman Investment Authority (OIA) | Oman | 53 |
| Bahrain Mumtalakat Holding Company | Bahrain | 18 |
Für Unternehmen zählt der politische Spielraum
Wie die Staaten finanziell durch das laufende Jahr 2026 kommen, ist also von vielen Faktoren abhängig. Zunächst natürlich davon, wie in welchem Umfang und wie lange der Export von Öl und Gas am Ende eingeschränkt bleibt. Sollten die Preise wieder sinken, könnte das die Haushalte belasten, ein höheres Fördervolumen diesen Effekt aber teilweise ausgleichen.
Unter den Bedingungen des aktuellen Krieges bleibt dieser Ausblick unsicher. Für deutsche Unternehmen, Investoren und Projektpartner ist daher weniger die abstrakte Gesamthöhe der Kriegskosten entscheidend als die Frage, welche Länder zusätzliche Belastungen finanziell und politisch am besten abfedern können.
Kuwait und die VAE verfügen kurzfristig über die stärksten Puffer. Katar und Oman bleiben solide, haben aber weniger Spielraum. Saudi-Arabien kann zusätzliche Belastungen tragen, muss seine Prioritäten jedoch sorgfältiger setzen. Bahrain bleibt am anfälligsten. Wer den GCC als einheitlichen Markt betrachtet, unterschätzt daher das eigentliche Risiko: Nicht der Konflikt trifft alle gleich, sondern die Fähigkeit der einzelnen Staaten, die Kosten abzufedern.