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Britischer Infrastrukturbau boomt dank staatlicher Projekte
Der britische Bausektor wächst 2026 nur moderat. Schwung bringt der Ausbau der Infrastruktur, dank hoher staatlicher Investitionen.
04.03.2026
Von Marc Lehnfeld | London
Ausblick der Bauwirtschaft im Vereinigten Königreich
Bewertung:
- Infrastrukturbau wächst dank staatlicher Milliardenaufträge in zahlreichen Segmenten wie Energie, Schienenverkehr und beim öffentlichen Hochbau (Schulen, Krankenhäuser).
- Wohnungsbau leidet unter hohen Baukosten und schwacher Rentabilität von Projekten. Fallende Bauzinsen zünden noch nicht.
- Rekordauftragsbestände zeigen Nachhaltigkeit bei Baukonzernen, während auf Wohnungsbau orientierte Mittelständler leiden.
Anmerkung: Einschätzung des Autors für die kommenden zwölf Monate auf Grundlage von prognostiziertem Umsatz- und Produktionswachstum, Investitionen, Beschäftigungsstand, Auftragseingängen, Konjunkturindizes etc.; Einschätzungen sind subjektiv und ohne Gewähr; Stand: Februar 2026
Markttrends
Die britische Baukonjunktur befindet sich seit 2024 in einer angespannten Übergangsphase von einer mehrjährigen Schwäche in eine zaghafte Erholung. Die Construction Products Association (CPA) erwartet 2026 ein moderates nominelles Wachstum der gesamten Bauleistung von 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Erholung bleibt verhalten, weil die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schwach sind und die geopolitische Unsicherheit Investitionen der gewerblichen Wirtschaft bremst.
Zentrale Wachstumstreiber sind daher staatliche Investitionen, vor allem im Infrastrukturbereich und im öffentlichen Hochbau. Hemmnisse bleiben hohe Finanzierungskosten sowie die mangelnde Rentabilität von Wohnungsbauprojekten, weil die hohen Grundstücks- und Baukosten hoch bleiben und die Finanzierungsfähigkeit britischer Haushalte begrenzt bleibt. Der leichte Rückgang der Bauzinsen schlägt daher kaum durch.
Kennziffer | 2025 1) | 2026 2) 3) | Veränderung 2026/2025 4) |
|---|---|---|---|
Wert der Bauinvestitionen insgesamt, davon | 260.473 | 261.659 | 1,7 |
Wohnungsbau, davon | 59.642 | 60.090 | 2,0 |
Öffentlich | 12.149 | 12.480 | 4,0 |
Privat | 47.494 | 47.610 | 1,5 |
| Öffentlicher Nichtwohnungsbau | 14.735 | 15.153 | 4,1 |
Wirtschaftsbau, davon | 39.395 | 39.293 | 1,0 |
Industriegebäude | 10.000 | 9.962 | 0,9 |
Büros und Gewerbe | 29.395 | 29.331 | 1,0 |
Infrastrukturbau (öffentlich) | 40.641 | 41.706 | 3,9 |
Reparaturen und Sanierung, davon | 106.059 | 105.418 | 0,6 |
| Reparaturen und Instandhaltung der Infrastruktur | 15.604 | 15.564 | 1,0 |
Wachstumstreiber: Infrastruktur und öffentlicher Hochbau
Besonders dynamisch entwickelt sich 2026 der Infrastrukturbau, für den die CPA mit 3,9 Prozent das höchste Wachstum aller Branchensegmente prognostiziert. Auch der öffentliche Hochbau im Nichtwohnungsbau wächst stark um 4,1 Prozent. Beide Segmente profitieren von langfristig gesicherten staatlichen Budgets entlang der zehnjährigen Infrastrukturstrategie der britischen Regierung. Die Strategie löst Investitionen im Wert von über 833 Milliarden Euro aus und setzt auf die gesamte öffentliche Infrastruktur, also von öffentlichen Gebäuden über Verkehrswege bis zu den Energienetzen.
Vor allem im Energiebereich erlebt das Königreich einen Rekordboom. Das politische Ziel der Dekarbonisierung der Stromerzeugung bis 2030 schließt eine große Zahl neuer Kraftwerke vor allem aus erneuerbaren Energien an das veraltete Stromnetz an, das seine größte Modernisierung und Expansion seit den 1960er-Jahren erlebt. Rund 92 Milliarden Euro fließen bis 2031 in die Stromübertragung, im ersten Schritt vor allem in die Hochspannungsnetze. Davon profitieren 80 Projekte, darunter Easter Green Link 1 bis 4, der Western Isles Link oder die Grimsby–Walpole Line. Parallel laufen auch die Großprojekte im Nuklearbereich, also der Bau des Atomkraftwerks Hinkley Point C und die Erweiterung des Kraftwerks Sizewell um den Block C weiter.
Im Schienennetzausbau dominiert die erste Phase der Schnellzugverbindung von London nach Birmingham (HS2), Europas aktuell größtem Infrastrukturprojekt. Hinzu kommen East West Rail (EWR), als Ost‑West‑Verbindung von Oxford nach Cambridge, sowie die Ost-West-Verbindung Transpennine Route Upgrade (TRU) in Nordengland.
| Akteur/Projekt | Investitionssumme1) | Projektstand | Anmerkungen |
|---|---|---|---|
| Schienenprojekt Highspeed Rail (HS2) London - Birmingham; Akteur: HS2 | 91,0 | Im Bau | Der ursprünglich vorgesehene weitere Streckenabschnitt von Birmingham in den Norden wurde aufgrund enormer Kosten storniert |
| Erweiterung des Londoner Flughafens Heathrow; Akteur: Heathrow Airport | 54,9 | In Planung | Unter anderem Bau einer dritten Landebahn "North-Western Runway", neues Terminal "T5X" sowie Aufrüstungen |
| Atomkraftwerk Sizewell C (3,2 Gigawatt), in Suffolk, Südostengland; Akteur: Sizewell C | 43,0 | Beginn der Vorarbeiten in 2025 | Britische Regierung mit 44,9 Prozent Beteiligung. Partner: La Caisse, Centrica, Amber Infrastructure und EDF |
| Straßen- und Tunnelproject "Lower Thames Crossing"; Akteur: National Highways | 12,6 | Baustart: 2026 | Die "Lower Thames Crossing" verbindet die Bezirke Kent, Thurrock und Essex mit einer insgesamten Länge von 23 km, davon zwei 4,2 km lange Tunnel, die unter der Themse verlaufen |
| Gas- und Dampfturbinenkraftwerk mit CO2-Abscheidung (1,4 Gigawatt) am Standort Connah Quay, Flintshire, Wales; Akteur: Juniper | 9,1 | In Planung | Das Projekt ist in zwei Phasen geplant. Das Kraftwerk soll das bestehende nicht abscheidungsfähige Kraftwerk ersetzen |
| Palace of Westminster Restauration and Renewal Programme (britisches Parlament); Akteur: Houses of Parliament Restoration and Renewal | 8,0 | In Planung. Weitere Überprüfungen laufen | Restauration und Erneuerungsprogramm der unter Denkmalschutz stehenden Gebäude |
| NHS Allgemeinkrankenhaus am Leeds General Infirmary Hospital; Akteur: The Leeds Teaching Hospitals NHS Trust | 1,7 - 2,3 | In Planung. Geplanter Baustart: 2034/2035 | Bau eines neuen 616-Betten-Krankenhauses, Entbindungszentren, neues Zentrum für Wissenschaft, Forschung und Technologie |
Wohnungsbau und Sanierungen bleiben schwach
Der private Wohnungsbau erholt sich 2026 nur minimal (+1,5 Prozent), da hohe Zinsen, Belastungen der Haushalte und geringe Erschwinglichkeit die Nachfrage drücken. Auf der Angebotsseite bleiben viele Projekte wirtschaftlich schwierig. Auch die Renovierung und Modernisierung im privaten Wohnungsbestand bleibt unter Druck und soll 2026 erneut um 1 Prozent schrumpfen. Private Haushalte stellen Investitionen zurück, weil die wirtschaftliche Lage fragil bleibt.
Branchenstruktur und Rahmenbedingungen
Nach den aktuellen Daten des britischen Statistikamts für das Jahr 2023 zählt die britische Bauwirtschaft knapp 380.000 Unternehmen bei einem Jahresumsatz von umgerechnet über 421 Milliarden Euro.
Die umsatzstärksten Baukonzerne auf der Insel navigieren gut durch die verhaltene Branchenkonjunktur, weil das Infrastrukturgeschäft boomt und sich die Großunternehmen entsprechend diversifizieren können. Die drei größten Unternehmen Balfour Beatty, Morgan Sindall Group und Kier Group verzeichnen steigende Umsätze und Rekordaufträge. Balfour Beatty profitiert vom Fokus auf den Infrastrukturbau und erwartet nach Unternehmensangaben vom Dezember 2025 für das laufende Geschäftsjahr einen Anstieg des Auftragsbestands um 20 Prozent auf umgerechnet über 25 Milliarden Euro und verweist dabei auf das gute Geschäft in der britischen Energiewirtschaft. Morgan Sindall meldet für 2025 einen Anstieg des Vorsteuergewinns um 35 Prozent auf rund 268 Millionen Euro und blickt, wie auch die anderen Bauriesen, zuversichtlich auf das Jahr 2026.
Anders ist die Lage entlang der Wertschöpfungskette und in der mittelständischen Bauwirtschaft, vor allem bei Unternehmen, die stark auf den Wohnungsbau ausgerichtet sind. In keiner anderen britischen Branche waren die Insolvenzen 2025 höher als im Bau. Die Nachfrage nach Baumaterialien, wie Beton und Asphalt, fiel 2025 wegen des schwachen Wohnungsbaus im vierten Jahr infolge auf ein 75‑Jahres‑Tief. Die Construction Products Association zählt daher in ihrem “Trade of State Survey” für das 4. Quartal 2025 fast 10.000 Unternehmen in "kritischer" finanzieller Notlage.
Der S&P Global UK Construction PMI liegt auch im Januar 2026 noch im dreizehnten Monat infolge unter 50 Punkten und damit im Bereich der rückläufigen Geschäftsentwicklung. Allerdings klärt sich das Klima derzeit etwas auf. Die Baunachfrage stabilisiert sich und die Auftragsbestände stehen laut PMI vor der Kehrtwende.
Gesundheits- und Registrierungsvorschriften prüfen
Bei Baustellenarbeiten müssen Unternehmen strikt die "Health & Safety"-Bestimmungen einhalten, weil regelmäßig Strafen verhängt werden. Bei der Ausführung von Bau- oder Montageleistungen kann außerdem eine Registrierung zum Construction Industry Scheme (CIS) notwendig sein, auch wenn keine britische Betriebsstätte besteht.