Vietnam baut Waste‑to‑Energy aus, doch getrennte Sammlung und hochwertiges Recycling kommen trotz zahlreicher Initiativen langsamer voran.
Zwei Trends prägen derzeit die Abfallwirtschaft in Vietnam: Der Ausbau von Abfall‑zu‑Energie‑Anlagen (WtE) schreitet voran, während sich moderne Mülltrennungs- und Recyclingsysteme – trotz neuer regulatorischer Impulse – nur langsam entwickeln.
Für die Sammlung kommunaler Abfälle sind die Kommunen zuständig; faktisch übernehmen dies an der Quelle überwiegend informelle Sammlerinnen mit Handkarren. Die Entsorgung organisieren Städte oder Provinzen über eigene Betriebe. Zum Beispiel Urenco in Hanoi, Citenco in Ho Chi Minh Stadt.
Nach Schätzungen des Ministeriums für Landwirtschaft und Umwelt fielen 2023 rund 24,8 Millionen Tonnen Haushaltsabfälle an (56 Prozent städtisch, 44 Prozent ländlich). Hinzu kommen etwa 4,2 Millionen Tonnen an Industrieabfällen, davon 550.000 Tonnen gefährlich.
Informeller Sektor spielt wichtige Rolle
In Städten werden über 90 Prozent gesammelt, auf dem Land etwa 40 bis 50 Prozent; der Rest wird selbst entsorgt oder offen verbrannt. Der informelle Sektor erfasst 15 bis 30 Prozent der Wertstoffe und verkauft sie weiter an Zwischenhändler oder Recyclingdörfer, die unter starken Umweltbelastungen zum Beispiel Plastik einschmelzen und wieder zu Granulat zerschneiden.
Die Entsorgung erfolgt überwiegend über Deponien, von denen nur etwa 10 Prozent modernen Umweltstandards entsprechen. Fast 87 Prozent der rund 4.400 Deponien sind kleiner als 1 Hektar. Trotzdem nutzen fast alle Provinzen mehr Land für Deponien, als sie laut staatlichen Regularien dürfen.
Die Regierung will die Verbringung auf Deponien schnell zurückführen, hat aber ihr Ziel, diese bis 2025 auf unter 30 Prozent zu drücken, deutlich verfehlt. Gleichzeitig steigt das Abfallaufkommen, getrieben von Urbanisierung und wachsendem Konsum, stark an. Die Weltbank hatte von 2018 bis 2030 eine Verdopplung der kommunalen Abfälle (MSW, municipal solid waste) prognostiziert, was einem Wachstum von rund 6 Prozent pro Jahr entspricht. In den Großstädten gehen Experten von höheren Steigerungen zwischen 7 und 10 Prozent pro Jahr aus.
Müllverbrennung als bevorzugte Lösung
Die Müllverbrennung mit gekoppelter Energiegewinnung (Waste-to-Energy) gilt in Vietnam als bevorzugte Option, um die Verbringung auf Deponien zu ersetzen, Strom zu erzeugen und den Rückbau von Deponien (landfill mining) zu ermöglichen. Nach Informationen der Fachzeitschrift Construction Magazine sind derzeit 7 derartige Anlagen in Betrieb und rund 15 in Planung und Bau.
~15
WtE-Anlagen sind im Bau oder in Planung.
Die Umsetzung ist oft schwierig und hat sich verzögert: Coronakrise, Antikorruptionskampagne und 2025 die Gebietsreform mit Provinzzusammenlegungen bremsten Vorhaben. Hinzu kommen Widerstände wegen Umweltfolgen und niedriger Entschädigungen. Für Investoren sind die Anreize knapp: Behandlungsentgelte meist 15 bis 20 US‑Dollar je Tonne (Da Nang 19,5 US‑Dollar je Tonne) und für die Einspeisevergütung für Strom aus Abfall gilt seit 2025 eine Obergrenze von rund 10 US‑Cent je Kilowattstunde, verhandelt wird projektspezifisch nur bis zu diesem Maximum.
Provinzen mit neuem Zuschnitt
Die Gebietsreform hat Projekte verzögert, aber größere Provinzen bedeuten auch mehr Mittel und mehr Müll. Das könnte Projekte wirtschaftlicher machen und die Umsetzung erleichtern.
Eine Reihe von Großanlagen ist 2025 in Betrieb gegangen und hat Vorbildcharakter für andere Landesregionen. Hanoi hat 2025 mit Seraphin (2.250 Tonnen am Tag) und Soc Son (5.000 Tonnen) zwei große Müllverbrennungsanlagen in Betrieb genommen. In Ho-Chi-Minh-Stadt sind zwei Anlagen unter Hochdampf im Bau und sollen noch 2026 in Betrieb gehen. Danang plant ebenfalls zwei Anlagen. Viele kleinere Städte liegen bei der Umsetzung von Vorhaben aber noch weit zurück.
Parallel wird die Beimischung als Brennstoff für Zementwerke ausgeweitet. Die Hersteller INSEE und Vicem nutzen in ihren Zementöfen bereits Abfälle, um ihren CO₂-Ausstoß zu verringern und CBAM-Anforderungen zu erfüllen.
Abfall-Apps
In Vietnam digitalisieren Apps wie GRAC die Entsorgung in 150 Distrikten via App-Zahlung und Monitoring. VECA (Pick-up) und mGreen (Incentives) vernetzen Haushalte direkt mit Verwertern. Dennoch bleibt der Messenger-Dienst Zalo das zentrale Tool, um Wertstoffe zu verkaufen und Abholungen zu koordinieren. Die informellen Sammler lassen sich jedoch schwer in starre App-Systeme einbinden.
EPR-System nimmt Form an
Gegenüber dem starken Ausbau der Müllverbrennung entwickeln sich Mülltrennung und Recycling erst langsam. Die Regierung führte 2020 ein System der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) ein. Unternehmen müssen ihre Verpflichtungen entweder durch eigene Recyclingaktivitäten oder über Beiträge an den Umweltfonds (VEPF) erfüllen.
Mit Dekret 110 konkretisierte die Regierung 2026 Zuständigkeiten und verschärfte Berichtspflichten. Das erhöht die Planungssicherheit für Unternehmen und stärkt die Anreize für mehr Recycling. Steigende Recyclingquoten und Beiträge sollen diese Anreize weiter stärken.
Für Verpackungen (Lebensmittel, Kosmetik, Pharma, Zement), Akkus/Batterien, Schmieröle sowie Reifen/Schläuche gelten seit 2024 verbindliche Recyclingpflichten, für Elektro‑/Elektronikgeräte seit 2025. Anfang 2027 folgen Kfz und Motorräder.
Das Recycling leicht verwertbarer Stoffe wie PET, Aluminium und Karton ist bereits etabliert. Besonders weit entwickelt ist das PET-Recycling mit funktionierenden Bottle‑to‑Bottle‑Kreisläufen. Duy Tan Recycling verarbeitet nahe Ho-Chi-Minh-Stadt große Mengen PET und beliefert unter anderem Nestlé und Coca‑Cola. Derzeit entstehen zwei weitere Projekte für die Getränkeindustrie. Tetra Pak betreibt gemeinsam mit Dong Tien eine Anlage für Getränkekartons und hat deren Kapazität 2022 auf 17.000 Tonnen jährlich verdoppelt.
PET wird auch für den Textilsektor zu Polyesterfasern umgewandelt. In der Textilindustrie gibt es darüber hinaus etliche Recycling-Vorhaben auch für Textil-zu-Textil-Recycling.
Lücken bestehen vor allem bei Mischplastik und Altfahrzeugen. Dekret 110 verbessert zwar die Planungssicherheit, doch Recyclingfirmen haben weiterhin Schwierigkeiten, gesicherte Stoffströme zu erhalten. Informelle Sammelstrukturen und etablierte Abnehmer binden einen großen Teil der Wertstoffe. Die seit 2025 vorgeschriebene Mülltrennung an der Quelle könnte die Stoffströme neu ordnen, wird bislang jedoch nur begrenzt umgesetzt; vielerorts wird weiterhin unsortiert eingesammelt.
Viele WtE-Anlagen befinden sich im Bau oder in der PlanungAusgewählte Investitionsprojekte in der Abfallwirtschaft in Vietnam, in Millionen US-Dollar| Projekt | Investitionssumme | Stand | Projektträger |
|---|
| Polyester-Recycling Anlage (150.000 bis 250.000 t pro Jahr an Textil-zu-Textil-rPET für Nike, Gap und Target) | 1.000 | Baustart ab 2027 | Syre |
| Tam Sinh Nghia WtE , Ho-Chi-Minh-Stadt (2.600 t pro Tag, 60 MW) | 183 | Im Bau, Fertigstellung Ende 2026 angepeilt | BCG Energy, Shanghai SUS Environment, Power China International |
| Vietstar WtE, Ho-Chi-Minh-Stadt (2.000 t pro Tag, 40 MW) | 140 | Bau im März 2025 wieder aufgenommen, Fertigstellung noch 2026 | Vietstar |
| Khanh Son WtE-Anlage (1.000 t pro Tag, 20 MW) | 106 | In Planung | Noch kein Investor |
| Dinh Vu-Cat Hai WtE (100 t pro Tag) | 100 | In Planung | Noch kein Investor |
| Quang Tri WtE (600 Tonnen am Tag, 15 MW) | 61 | In Planung | Everbright |
| Phu Quoc Wasseraufbereitungs- und WtE-Cluster (300 t pro Tag, Recycling 250 t pro Tag) | 47,5 | Im Bau | Biwase |
| Stavian rPET-Anlage (Phase 1: 17.000 t pro Jahr) | 35 | Im Bau, Inbetriebnahme Q1/2027 | Stavian |
| PVChem rPET-Anlage (Phase 1 für 30.000 t im Jahr, rPET für Nahrungsmittel- und Textilindustrie) | 33 | Im Bau | PVChem |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Von
Peter Buerstedde
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Hanoi