Wirtschaftsumfeld | Vietnam | Investitionsklima

Mangelnde Rechtssicherheit belastet Investitionsklima

Vietnam ist weiterhin ein interessanter Investitionsstandort in Südostasien. Im Hinblick auf die Bürokratie und Rechtssicherheit gibt es jedoch noch Verbesserungsbedarf.

Von Peter Buerstedde | Hanoi

Vietnam durchläuft seit Ende 2024 einen umfassenden Reformprozess, dessen Ausgang noch offen ist. Ziel ist es, das Wirtschaftswachstum zu steigern – durch Investitionen in Forschung und Entwicklung, den Aufbau eines innovativen Privatsektors sowie den Ausbau von Energie- und Transportinfrastruktur. 

Deutsche Firmenvertreter können durch die Reformen mittelfristig auf bessere Geschäftsbedingungen und -chancen hoffen. Trotz einer Verwaltungsreform und der Zusammenlegung von Provinzen und Ministerien sind Korruption und fehlende Rechtssicherheit aber weiterhin Geschäftshindernisse.

Verwaltungsprozesse können langfristig und teuer werden

Die Beantragung und Änderung von Geschäftslizenzen und Arbeitserlaubnissen ist oft unberechenbar und zeitaufwendig. Wegen einer vorgelagerten Investitionsprüfung ist die Lizenzierung für ausländische Firmen deutlich aufwendiger als für inländische. Insgesamt müssen Unternehmer circa 10.000 Euro und mindestens drei Monate für den gesamten Lizenzierungsprozess aufwenden. Außerhalb von Industrieparks kann die Suche und Zuteilung eines geeigneten Grundstücks eine Unternehmung um mehrere Jahre verzögern.

Auf der anderen Seite profitieren deutsche Firmen in Vietnam von geringen Lohnkosten und dem Freihandelsabkommen mit der EU. Anders als in anderen Ländern der Region gibt es in Vietnam zudem keine Quoten, wie viele lokale Mitarbeitende für einen Ausländer eingestellt werden müssen. Auch können sich hundertprozentige ausländische Unternehmen in Vietnam ansiedeln und ihre vor Ort versteuerten Gewinne ins Ausland transferieren. 

Die Herbstumfrage 2025 der deutschen Auslandshandelskammer (AHK) Vietnam ergab, dass 88 Prozent der deutschen Unternehmen in Vietnam mit ihren Geschäften mindestens zufrieden sind und 52 Prozent beabsichtigen, weiter vor Ort zu investieren.

"Ohne lokale Partner wird es nicht funktionieren"

Ralf Ziser, Managing Director bei INGUN Vietnam Ralf Ziser, Managing Director bei INGUN Vietnam | © INGUN Vietnam

Ralf Ziser ist Managing Director bei INGUN Vietnam. Der Hersteller von Prüf- und Kontaktierlösungen aus Konstanz ist seit 2021 mit einem Vertriebsbüro in Vietnam präsent. Im April 2025 eröffnete INGUN ihren Produktionsstandort in Vietnam und beschäftigte Ende 2025 insgesamt 25 Mitarbeitende.

Warum hat sich INGUN für ein Werk in Vietnam entschieden?

Vietnam wurde aufgrund seines dynamischen Wachstumsmarktes, insbesondere in den Bereichen Elektronik und industrielle Fertigung, als Expansionsziel ausgewählt. Als wachsender Knotenpunkt für diese Branchen bietet Vietnam bedeutende Möglichkeiten zur Unterstützung seiner sich rasch entwickelnden Technologiesektoren. Seine strategische Lage im Herzen Asiens macht es zu einem idealen Standort, um Märkte in der gesamten Region effizient zu bedienen und die Reichweite von INGUN weiter zu verbessern. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die qualifizierte und motivierte Belegschaft in Vietnam.

Was stimmt Sie so zuversichtlich?

INGUN rechnet mit einem starken Wachstum der Nachfrage nach Prüf- und Kontaktlösungen, da Vietnam seinen industriellen und technologischen Wandel fortsetzt. Um dieser wachsenden Nachfrage gerecht zu werden, baut INGUN eine starke lokale Präsenz auf, um die Kundennähe zu verbessern und die globalen Lieferketten zu stärken.

Welches sind für Sie die größten Herausforderungen?

Zu den größten Herausforderungen bei einer Firmengründung im Norden von Vietnam zählt die komplexe Bürokratie. Die Unternehmensregistrierung sowie viele notwendige Lizenzen und die strenge Brandschutzvorschrift können sehr zeitaufwendig sein, dabei muss auch auf die richtige Reihenfolge der Beantragung geachtet werden. Lokale Vorschriften und unterschiedliche Regelungen zwischen den Provinzen können ebenso eine Herausforderung sein. Es ist essenziell, ein sehr gutes Verständnis der vietnamesischen Steuerstruktur und Import-/Exportregeln zu haben. Ansonsten kann es zu Einschränkungen mit dem angedachten Businessmodel kommen.

Haben Sie Tipps für andere deutsche Firmen, die sich in Vietnam engagieren wollen?

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Kombination aus gründlicher Markt- & Standortanalyse, rechtlicher Compliance, kultureller Sensibilität und lokalem Netzwerkaufbau. Ohne lokale Partner wird es nicht funktionieren und die Frustration wird groß sein. Die AHK Vietnam hat uns sehr geholfen und ist ein wichtiger Ansprechpartner. Wir haben uns für das Model "Ready built Factory for lease" entschieden und haben sehr gute Erfahrungen mit dem Modell und den Partnern gemacht. 

Verarbeitende Industrie zieht Investitionen an

Großinvestoren kommen traditionell aus der asiatischen Nachbarschaft – vor allem aus Südkorea, Singapur, Japan, Taiwan, Hongkong und China. Auf sie entfiel bis Ende 2024 mehr als 70 Prozent des registrierten Investitionsbestands. Die Daten zu realisierten Investitionen sind lückenhaft, doch die offiziellen Zahlen zu registrierten Projekten spiegeln die Tendenz gut wider. Demnach erhielt die verarbeitende Industrie mit 61 Prozent den Löwenanteil des investierten Kapitals. Etwa 15 Prozent des investierten Kapitals flossen in den Immobilienmarkt.

Grundsätzlich ist der Südosten mit Ho-Chi-Minh-Stadt und den Umland interessant für Investoren: 38 Prozent der registrierten Auslandsinvestitionen (kumuliert) flossen bis Ende 2024 in diese Gegend, etwa 34 Prozent ging in den Wirtschaftskorridor von Hanoi nach Haiphong mit neun umliegenden Provinzen, dem "Red River Delta".

Namhafte deutsche Unternehmen produzieren in Vietnam

Die bis Ende 2024 realisierten Investitionen deutscher Firmen könnten sich nach Berechnung der AHK auf rund 3,7 Milliarden US-Dollar (US$) belaufen. Das sind 1,1 Prozent des gesamten Investitionsbestands von rund 323 Milliarden US$. 

Nach Daten der AHK Vietnam für 2025 unterhalten 576 deutsche Gesellschaften Niederlassungen in Vietnam. Mehr als die Hälfte der deutschen Firmen hat sich rund um Ho-Chi-Minh-Stadt niedergelassen. Etwa ein Drittel ist ausschließlich im Vertrieb tätig, 117 Unternehmen wie Bosch, Schäffler, B.Braun und Knauf haben Firmen errichtet oder – wie Stada – lokale Firmen übernommen. Der größte deutsche Investor Messer unterhält in Dung Quat die größte Produktionsstätte für Industriegase des Unternehmens weltweit. Im Jahr 2025 haben unter anderem Ingun, OBE, Tenowo und Südwolle neue Fabriken eröffnet.

Die deutschen Firmen kommen aus verschiedenen Branchen. Ein Schwerpunkt besteht im Bereich Textilien, unter anderem mit Fabriken von Seidensticker, Van Laack, Amann, Groz-Beckert und Wendler. Auch aus dem Bereich Business Outsourcing haben sich viele deutsche Firmen im Land angesiedelt. Größter Arbeitgeber unter den rund 70 Firmen ist Digi-Texx mit mehr als 1.500 Mitarbeitern. Die Firma hat Mitte 2024 eine neue Betriebsstätte fernab der Wirtschaftszentren in der Mekong-Provinz Hau Giang errichtet.

Die größten deutschen Investoren in Vietnam kommen aus unterschiedlichen Branchen

Unternehmen

Branche

Investitionssumme in Mio. US$

MesserIndustriegase

512

BoschTechnologische Produkte und Lösungen aus dem Bereich Automotive

450

HDIVersicherungs- und Vorsorgelösungen 

260

Stada - PymepharcoPharmazeutika

250

B.BraunArzneimittel und Medizinprodukte

160

SchaefflerKfz-Teile

117

Groz-BeckertNadeln für Textilindustrie

113

Jeweils nur Stammkapital.Quelle: Auslandshandelskammer Vietnam 2025

Die Regierung lockt mit Steueranreizen

Die wichtigsten Förderinstrumente sind mehrjährige Befreiungen oder Vergünstigungen von der Körperschaftsteuer, von Einfuhrzöllen sowie von Grundstücksmieten. Maximal können Investoren für vier Jahre von der Körperschaftsteuer befreit werden und zahlen danach neun Jahre nur den halben Satz. Für Ausrüstungen und Material für die Umsetzung eines Investitionsprojekts zahlen Unternehmen keine Einfuhrzölle.

Der genaue Standort, der Umfang und die Branche der Investition bestimmen das Ausmaß der Förderung. Die höchsten Fördersätze gibt es für Hightechinvestitionen und für Projekte in strukturschwachen Regionen. 

Neu hinzugekommen ist seit Anfang 2025 ein Fonds, der direkte Zuschüsse für Forschungs- und Ausbildungszentren vergibt. Die Umsetzung ist noch unklar. Profitieren sollen vor allem Investoren, die von der globalen Mindestbesteuerung betroffen sind. Vietnam hat diese gesetzlich eingeführt, aber noch nicht umgesetzt. 

Die meisten deutschen Industrieinvestoren siedeln sich in Industrieparks an, seit einigen Jahren vornehmlich in bezugsfertigen Fabrikhallen (ready built factories). Qualitativ unterscheiden sich Industrieparks erheblich, gerade im Hinblick auf Infrastruktur sowie Beratungs- und Unterstützungsleistungen. Die Qualität von Industrieparks und fertigen Fabrikhallen hat sich aber in den letzten Jahren verbessert. Rund um Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt werden die Zonen teurer und nehmen nicht mehr jeden Investor auf.

Germany Trade & Invest stellt ausführliche Informationen zum Wirtschafts- und Steuerrecht sowie zu Einfuhrregelungen, Zöllen und nicht tarifären Handelshemmnissen zur Verfügung.

Dieser Inhalt gehört zu

nach oben
Feedback
Anmeldung

Bitte melden Sie sich auf dieser Seite mit Ihren Zugangsdaten an. Sollten Sie noch kein Benutzerkonto haben, so gelangen Sie über den Button "Neuen Account erstellen" zur kostenlosen Registrierung.