Wirtschaftsausblick | Vietnam
Vietnams Wirtschaft bleibt auf Wachstumskurs
Vietnam wächst trotz der Irankrise auch 2026 kräftig, getragen von Infrastruktur und Industrie. Höhere Preise im In- und Ausland dämpfen die Dynamik nur leicht.
01.07.2026
Von Peter Buerstedde | Hanoi
Top-Thema: Vietnam sichert Energieversorgung
Obwohl Vietnam stark von Ölimporten aus Kuwait abhängig ist, gelang es dem Land im 1. Halbjahr 2026, die Treibstoffversorgung stabil zu halten. Der temporäre Anstieg der Benzinpreise blieb moderat. Anders als in Nachbarstaaten Thailand oder den Philippinen kam es nicht zu sozialen Unruhen.
Dass es keinen Treibstoffmangel gab, ist auf schnelles staatliches Handeln und technische Flexibilität zurückzuführen. Eine der beiden nationalen Raffinerien wurde für die Verarbeitung alternativer Ölsorten umgerüstet. Zugleich schloss die Regierung kurzfristig neue Lieferverträge mit Drittstaaten ab. Zusätzlich rief sie Unternehmen zu freiwilligen Energiesparmaßnahmen auf.
Dennoch dürfte sich die globale Logistik auch nach der Wiederöffnung der Straße von Hormus nur langsam normalisieren. In Vietnam setzt die Irankrise deshalb strukturelle Veränderungen in Gang: Die Regierung hat nicht nur die massive Ausweitung der eingelagerten Ölreserven beschleunigt, sondern auch die Energiewende vorangetrieben. In der 1. Jahreshälfte 2026 überarbeitete und ergänzte die Regierung die regulatorischen Vorgaben für den Ausbau von Onshore-Windkraft- und von Photovoltaikanlagen. Zahlreiche Großprojekte sind bereits angelaufen.
Wirtschaftsentwicklung: Starkes Wachstum bleibt hinter Regierungsziel zurück
Die Konjunkturaussichten für Vietnam bleiben 2026 positiv: die Investitionen steigen durch starke Zuflüsse aus dem Ausland und einen massiven Infrastrukturausbau, während der Privatkonsum nur moderat wächst. Daher dürfte das Wachstum hinter dem offiziellen Ziel von 10 Prozent zurückbleiben. Die Weltbank erwartet eine Zunahme des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 6,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert. Sollten sich die internationalen Energiepreise rasch entspannen und die hohe Dynamik im Infrastrukturausbau anhalten, sind auch 8 Prozent möglich. Für 2027 rechnen die Experten mit stärkerem Konsum und weiterem Infrastrukturausbau. Sie prognostizieren daher ein leicht höheres Wachstum als 2026.
Weitere Wirtschaftskennzahlen finden Sie in unserer Reihe Wirtschaftsdaten kompakt.
Infrastrukturausbau und Auslandsinvestitionen stützen Wachstum
Die Auszahlungen im Rahmen von öffentlichen Investitionen lagen in den ersten 5 Monaten des Jahres etwa 19 Prozent über dem Wert des Vorjahreszeitraums und spiegeln die intensive Bauphase von zahlreichen Großprojekten wie Ringstraßen und Flughäfen wider. Bei neuen Infrastrukturinvestitionen verschiebt sich der Fokus zunehmend auf Projekte im Schienenverkehr.
Die Verlagerung von Produktionskapazitäten nach Vietnam führt außerdem zu einem anhaltend starken Zufluss ausländischer Direktinvestitionen, vor allem in der Elektronikindustrie. Gründe dafür sind die China+1-Strategie vieler Firmen sowie die Aufwertung des chinesischen Renminbi gegenüber dem vietnamesischen Dong. Mittelfristig dürfte sich dadurch die industrielle Produktion - besonders in exportorientierten Branchen - weiter erhöhen.
Preiseffekte treiben Importe in die Höhe
Die Aufwertung des chinesischen Renminbi wirkt gleichzeitig auf den Außenhandel. Zusammen mit hohen Energiepreisen treibt sie den Wert der vietnamesischen Einfuhren nach oben, denn die meisten Importe stammen aus China. Außerdem werden für den Infrastrukturausbau und die Produktionsverlagerungen viele Maschinen und Vorprodukte aus dem Ausland eingeführt. Statt eines Exportüberschusses, wie in den Jahren zuvor, wird der Außenhandel Vietnams am Ende des Jahres 2026 wahrscheinlich ein Handelsbilanzdefizit aufweisen.
Privater Konsum und Investitionsbereitschaft schwächeln
Der wichtigste Pfeiler der vietnamesischen Konjunktur ist der Privatkonsum. Höhere Preise infolge des Irankriegs sowie gestiegene Kreditkosten dämpfen die Kaufkraft. Zwar dürfte in der zweiten Jahreshälfte der Preisdruck nachlassen. Und die steigende Zahl von Touristen könnte den Konsum stabilisieren. Die Zinsen für Unternehmen und private Haushalte werden allerdings auf erhöhtem Niveau bleiben. Denn politischer Druck sorgt für die Vergabe vieler Kredite, doch der Anstieg der Bankeinlagen bleibt deutlich hinter dem hohen Kreditwachstum zurück.
Die hohen Preise für Energie und Vorprodukte schmälern zudem die Margen in der Exportindustrie. Das dämpft die Investitionsbereitschaft in der Privatwirtschaft und belastet die Nachfrage nach Maschinen und Ausrüstungen.
Zollkonflikt noch nicht vom Tisch
Vietnam ist im Handelskonflikt mit den USA durch die moderaten Zusatzzölle bislang nicht stärker belastet als viele andere Schwellenländer. Die US-Regierung hat jedoch neue Maßnahmen in Aussicht gestellt, die gerade Vietnam treffen könnten. Insbesondere Untersuchungen zur Umgehung von US-Sanktionsmaßnahmen gegen China und auch zu Copyright-Verletzungen durch den Verkauf gefälschter Markenprodukte könnten Anlass dafür sein.
Deutsche Perspektive: Energiewende bietet umkämpfte Geschäftschancen
Der Ausbau von Wind- und Solarparks sowie Solar-Aufdachanlagen nimmt in Vietnam Fahrt auf, während für Offshore-Windprojekte noch der Rechtsrahmen fehlt. Deutsche Projektentwickler haben allerdings in mehreren Fällen den Zuschlag an vietnamesische Firmen verloren. Im Anlagenbau für den Bereich Windkraft ist die Wettbewerbssituation für deutsche Unternehmen ebenfalls schwierig. Dort setzen sich zunehmend chinesische Wettbewerber durch. Die hohe Zahl neuer Projekte birgt dennoch weiterhin Marktchancen. Bessere Geschäftsmöglichkeiten eröffnet der massive Ausbau des vietnamesischen Stromnetzes, bei dem internationale Finanzierungspartner wie die deutsche KfW wieder stärker aktiv werden.
Einen Überblick über die Standortbedingungen bietet unser Bericht Wirtschaftsstandort. In der GTAI-Reihe Arbeitsmarkt finden Sie alle Informationen zur generellen Verfügbarkeit von Arbeitskräften, Lohnkosten und Arbeitsrecht. Alle Informationen zu Vietnam finden Sie auf der GTAI-Länderseite.