Wirtschaftsausblick | Polen

EU-Gelder und Rüstungsinvestitionen treiben Polens Wachstum

In zwei Disziplinen gehört Polen zu den europäischen Spitzenreitern: beim Wirtschaftswachstum und bei der Neuverschuldung. Auch jenseits der Staatsfinanzen gibt es Risiken.

Von Christopher Fuß | Warschau

Top Thema: Durchbruch beim Rüstungsprogramm SAFE

Polen hat mit der Europäischen Kommission einen Vertrag über das Rüstungsprogramm SAFE unterzeichnet. Bis 2030 kann das Land Niedrigzinskredite in Höhe von bis zu 43,7 Milliarden Euro abrufen. Die polnische Regierung will Militärgüter wie Flugzeuge, Landfahrzeuge und Drohnen beschaffen. Obwohl auf der Einkaufsliste des Verteidigungsministeriums voraussichtlich keine Waffensysteme aus Deutschland stehen werden, könnten deutsche Unternehmen indirekt als Zulieferer von Komponenten profitieren.

Innenpolitisch sind die SAFE-Mittel umstritten. Die größte Oppositionspartei PiS befürchtet einen wachsenden Einfluss der EU. Staatspräsident Karol Nawrocki, der wiederum der PiS nahesteht, versuchte daher, das Vorhaben zu blockieren. Er legte sein Veto gegen einen neuen Fonds ein, der die EU-Kredite abrufen sollte. Die liberalkonservative Regierung nutzt nun stattdessen einen bestehenden Fonds.

Politische Spaltung erschwert Reformen

Auch in anderen Fragen stehen Regierung und Staatspräsident im Konflikt. Die Spannungen haben wirtschaftliche Folgen. Die Ratingagentur Fitch senkte ihre Bewertung für Polen auf A- mit negativem Ausblick. Es bestünde "das Risiko, dass eine anhaltende politische Blockade die Fähigkeit des Staates einschränkt, Reformen umzusetzen", so Fitch. Dies sei "insbesondere im Hinblick auf die Haushaltskonsolidierung" der Fall, schreibt die Agentur.

Im Haushalt klafft eine Lücke. Polen meldete 2025 das zweithöchste Haushaltsdefizit in der EU. Im Jahr 2026 überschreitet die Staatsverschuldung erstmals die wichtige Marke von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Europäische Kommission hat ein Defizitverfahren gegen Polen eingeleitet. Um den Haushalt zu konsolidieren, wollte die Regierung Steuern erhöhen. Doch sie scheiterte in einigen Fällen am Widerstand des Staatspräsidenten. Um Auswirkungen des Krieges in Iran zu mildern, senkte das Finanzministerium gleichzeitig mehrere Steuern auf Kraftstoffe, was den Haushalt 2026 zusätzlich belastet.

Wirtschaftsentwicklung: Wachstum auch dank EU-Geldern

Die Staatsverschuldung könnte mittelfristig den Spielraum für Investitionen verringern. Kurzfristig bleibt die Konjunktur jedoch im Aufschwung. Laut der Frühjahrsprognose der Europäischen Kommission wird die Wirtschaft Polens 2026 um 3,5 Prozent wachsen. Trotz globaler Verwerfungen infolge des Krieges in Iran bestätigt die Kommission damit ihre Einschätzung vom Herbst des Vorjahres.

Ein Wachstumstreiber bleiben laut Frühjahrsprognose die EU-finanzierten Investitionen. Auch ohne die SAFE-Gelder erhält Polen im Jahr 2026 über 40 Milliarden Euro aus verschiedenen Programmen. Im Jahr 2027 dürfte das Wirtschaftswachstum hingegen kleiner ausfallen, da ein wichtiges EU-Programm, der Corona-Wiederaufbaufonds, ausläuft.

Polen setzt eine Reihe von Investitionsprojekten um. Zwischen Warschau und Łódź entsteht ein neuer Flughafen, der Port Polska. Deutsche Firmen bewerben sich um Aufträge, etwa beim Bau des Terminals oder als leitender Projektingenieur. Darüber hinaus baut Polen Schienenstrecken für Hochgeschwindigkeitszüge. Viel Geld fließt außerdem in die Transformation des Energiesektors. Im Laufe des Jahres 2026 gehen die ersten Offshore-Windkraftanlagen ans Netz. Parallel treibt Polen den Einstieg in die Kernenergie voran.

Vorteile für lokale Unternehmen

Trotz der zahlreichen Geschäftsmöglichkeiten könnten auf deutsche Unternehmen neue Risiken zukommen. Das Ministerium für Staatsunternehmen will, dass staatlich kontrollierte Firmen bei Ausschreibungen in Zukunft Anbieter mit polnischem Eigentümer bevorzugen

Im Juni 2026 startet ein Pilotprojekt im Energiesektor. Weitere Branchen sollen folgen. Einige der größten Unternehmen in Polen befinden sich in staatlicher Hand.

Große Gehaltssprünge sind vorbei

Neben den Investitionen bleibt der Privatkonsum eine Stütze der Wirtschaft. Steigende Einkommen lassen die Umsätze im Handel wachsen. Allerdings verliert der Konsum laut Europäischer Kommission an Dynamik, auch wegen deutlich geringerer Lohnzuwächse. Für 2026 prognostiziert die Brüsseler Behörde ein nominales Plus beim Durchschnittsgehalt von 6,7 Prozent. Das ist weniger als die zweistelligen Zuwachsraten in den Jahren 2022 bis 2024.

Dabei spielt auch die Lage am Arbeitsmarkt eine Rolle, denn Polens Industrie baut Stellen ab. Allein in der Automobilbranche ging die Zahl der Beschäftigten 2025 um 1,4 Prozent zurück. Dennoch gehört Polen im europäischen Vergleich weiterhin zu den Ländern mit der niedrigsten Arbeitslosenquote.

Zinssenkung gestoppt

Trotz staatlicher Spritpreisbremse steigt die Inflation infolge des Kriegs in Iran. Die Teuerungsrate wird laut Europäischer Kommission im Jahresdurchschnitt 2026 bei 3,6 Prozent liegen, 0,3 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. 

Die Zentralbank NBP signalisiert daher, dass sie den Leitzins von derzeit 3,75 Prozent vorerst nicht weiter senken wird, solange die Verwerfungen am Energiemarkt anhalten. Höhere Zinsen verteuern Investitionskredite.

Deutsche Perspektive: Polnische Firmen investieren in Deutschland

Der wachsende Wohlstand macht Polen für deutsche Unternehmen als Absatzmarkt attraktiv. Im 1. Quartal 2026 stiegen die deutschen Exporte im Jahresvergleich um 8,7 Prozent, nachdem die Ausfuhren bereits 2025 ein neues Allzeithoch erreicht hatten.

Parallel dazu werden polnische Firmen in Deutschland aktiver. Laut der staatlichen Investitionsagentur PAIH gab es im Jahr 2025 so viele Übernahmen deutscher Unternehmen durch polnische Investoren wie nie zuvor.

Das Interesse an Akquisitionen und klassischen Investitionen bleibt hoch, unter anderem im Rüstungs- und Dual-Use-Bereich. Die Drohnen- und Elektronikgruppe WB erklärte gegenüber GTAI, sie verfolge derzeit den "Aufbau einer dauerhaften Präsenz in Deutschland mit eigenen Produktions- und Entwicklungskapazitäten."

"Wir betrachten Deutschland als strategischen Markt"

Robert Czajkowski vertritt die polnische WB-Gruppe. Das größte private Rüstungsunternehmen Polens produziert unter anderem Kommunikations- und Drohnensysteme. Zu den internationalen Kunden zählen Nutzer in den USA, Indien, Malaysia und Südkorea.

Welche Pläne haben Sie in Deutschland?

Die Strategie der WB-Gruppe umfasst vier Dimensionen. Erstens wollen wir eine dauerhafte Präsenz in Deutschland aufbauen, unter anderem durch eigene Produktions- und Entwicklungskapazitäten sowie durch die Gründung einer Niederlassung und die Übernahme bestehender Unternehmen, etwa von Zulieferern oder Anbietern ergänzender Technologien.

Zweitens setzen wir auf die Zusammenarbeit mit etablierten, lokal verankerten und komplementären Industriepartnern.

Drittens planen wir die Initiierung internationaler Projekte zwischen Polen und Deutschland sowie mit anderen europäischen Ländern und NATO-Partnern.

Viertens wollen wir uns stärker in Projekte mit führenden Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen, technischen Hochschulen und innovativen Start-ups einbringen, um unsere Innovationskraft weiter zu stärken.

Geht es dabei nur um Rüstungsprojekte?

Langfristig wollen wir die WB-Gruppe in den Bereichen, in denen wir Mehrwert bieten können, auch in Deutschland als Anbieter von Verteidigungs- und Sicherheitstechnologien etablieren – perspektivisch auch unter dem Label "Made in Germany".

Dabei beschränken wir uns nicht auf den militärischen Sektor, sondern wir setzen auch auf Technologien zum Schutz kritischer Infrastrukturen.

Was macht Deutschland für Sie attraktiv?

WB betrachtet Deutschland nicht nur wegen des Umfangs der geplanten Verteidigungsinvestitionen als strategischen Markt, sondern auch aufgrund der hohen technologischen und industriellen Kompetenz.

Deutschland hat über Jahrzehnte hinweg spezialisierte Fähigkeiten in Bereichen wie Verteidigungssysteme, Elektronik, Automatisierung und der Dual-Use-Industrie aufgebaut. Eine Präsenz vor Ort eröffnet uns daher die Möglichkeit, mit Partnern zusammenzuarbeiten, die über umfangreiche Erfahrung und langfristig gewachsenes Know-how verfügen.

Weitere Informationen (zum Beispiel Rechtsinformationen oder Branchenberichte) finden Sie auf unserer Länderseite Polen.