Interview | Welt | Kritische Rohstoffe
"Ohne sichere Lieferketten verlieren wir Jobs und Spitzentechnik"
Europas Abhängigkeit bei kritischen Rohstoffen wächst. Germany Trade & Invest sprach mit Andreas Kroll über effektive Rohstoffstrategien und woran es bislang hakt.
23.02.2026
Von Fausi Najjar | Berlin
Europas Abhängigkeit von China bei schweren Seltenen Erden und anderen kritischen Rohstoffen ist seit Jahren bekannt. Zugleich agieren die USA zunehmend offensiv, um sich strategische Ressourcen zu sichern. Darüber sprachen wir mit Andreas Kroll, Geschäftsführer und Mitgründer von Noble Elements. Kroll ist regelmäßiger Gesprächspartner in Fach‑ und Wirtschaftsmedien und plädiert für Transparenz, Lieferketten‑Diversifizierung und den Aufbau physischer Rohstoffbestände.
Herr Kroll, wie bewerten Sie die Auswirkungen der US‑Politik zur Rohstoffsicherung?
Die USA kaufen derzeit weltweit alles auf, was an Lagerware verfügbar ist. Hinzu kommt das am 4. Februar 2026 angekündigte FORGE-Programm (Forum on Resource Geostrategic Engagement). Es sieht den Aufbau großer staatlicher Rohstofflager, staatliche Beteiligungen an Rohstoffunternehmen und die Bildung neuer Handelsblöcke mit gleichgesinnten Ländern vor. Jedenfalls verlieren wir aktuell massiv reale Rohstoffbestände an die USA. Auch Australien baut strategische Reserven auf. China hat ebenfalls angekündigt, seine Lager zu erweitern.
Was bedeutet diese Entwicklung für Europa?
Wenn wir nicht schnell handeln, droht der Verlust von Industriearbeitsplätzen an die USA oder nach China. Dabei geht es nicht nur um militärische Anwendungen. Betroffen sind die gesamte zivile Industrie und insbesondere Zukunftstechnologien. Die Robotik etwa benötigt große Mengen Neodym und Praseodym. Europa braucht dringend Rohstoffsicherheit.
"Ohne garantierte Abnahmemengen lassen sich westliche Minen- und Raffinerieprojekte kaum finanzieren."
Wie lassen sich europäische Rohstoffprojekte konkret voranbringen?
Viele Unternehmen scheuen langfristige Abnahmeverträge. Wegen der Preisdominanz Chinas besteht die Angst, langfristig zu teuer einzukaufen, falls China den Markt erneut mit günstiger Ware flutet. Zugleich gilt: Ohne garantierte Abnahmemengen lassen sich westliche Minen- und Raffinerieprojekte kaum finanzieren. Mindestpreisgarantien würden Projekte erst "bankable" machen – also überhaupt finanzierbar.
Wie würden solche Preisgarantien praktisch funktionieren?
Liegt der Spotpreis unter dem wirtschaftlich nötigen Niveau, kauft die EU oder die Bundesregierung die Ware zu einem festgelegten Mindestpreis an und lagert sie ein. Anschließend wird das Material zu stabilen, planbaren Preisen an Unternehmen weitergegeben. Auf diese Weise werden Betreiber abgesichert und Lieferketten stabilisiert.
"Für relativ wenig Geld könnten wir Versorgungssicherheit schaffen."
Das bedeutet staatliche Eingriffe – und kostet Steuergeld.
Ja, aber die Summen sind überschaubar, wenn man sie den Kosten eines Verlusts ganzer Wertschöpfungsketten gegenüberstellt. Für relativ wenig Geld ließe sich Versorgungssicherheit schaffen.
Warum agiert die deutsche Industrie bislang so zögerlich?
In den USA geht man pragmatischer vor: Dort werden geeignete Projekte identifiziert, massiv unterstützt und konsequent umgesetzt. In Europa fehlt häufig dieser entschlossene Umsetzungswille.
Wie ließen sich geeignete Projekte identifizieren?
Die Deutsche Rohstoffagentur (DERA) verfügt über umfassende Daten. Es geht weniger um Analyse als um Umsetzung. Die USA bewegen sich klar in Richtung staatlicher Preisstützung. Mit Mindestpreisgarantien rückt die Frage der kurzfristigen Wirtschaftlichkeit in den Hintergrund.
Was folgt aus dem Critical-Raw-Materials-Act der EU?
Europa – oder zumindest Deutschland – braucht eine Taskforce, die entlang der Liste kritischer Rohstoffe Versorgungssicherheit organisiert. Dass es geeignete Ansätze gibt, zeigen Vorhaben wie das Gallium-Projekt von Metlen Energy in Griechenland.
"China bleibt ein wichtiger Partner."
Sollte Europa angesichts der Lage stärker den Dialog mit China suchen?
China wird der NATO nicht beim Aufrüsten helfen. Schon heute müssen Unternehmen im Rahmen von Dual‑Use‑Prüfungen viele Informationen offenlegen. Gleichzeitig müssen wir realistisch bleiben: China spielt eine zentrale Rolle im globalen Rohstoffmarkt. China bleibt ein wichtiger Partner. Europa darf sich dabei aber nicht so verunsichert präsentieren wie derzeit. Der Kanzler reist im Februar nach Peking – ich hoffe, ihn begleiten zu können.
Gibt es relevante Vorkommen in Europa?
Ja, allerdings sind Lösungen für schwere Seltene Erden in Europa mittelfristig kaum realistisch. Grönland ist zu teuer, Schweden wird noch Jahre benötigen.
"Das Ziel muss darin bestehen, schnell sichere Lieferketten aufzubauen."
Wie beurteilen Sie die Rolle Afrikas?
Afrika ist strategisch wichtig, allerdings sind viele Projekte dort teurer, weil Infrastruktur erst aufgebaut werden muss. Zudem variiert die Rechtssicherheit stark. Positiv bewerte ich Südafrika, Namibia und Marokko. Mit Preisgarantien lassen sich höhere Erschließungskosten abfedern. Ziel ist nicht, billig zu produzieren, sondern schnell sichere Lieferketten aufzubauen. Auf absehbare Zeit werden wir preislich nicht mit China konkurrieren können.
Wo engagiert sich Noble Elements aktuell?
Wir arbeiten an Projekten in Südafrika, Namibia, Kanada und Kasachstan. Die kasachische Regierung zeigt sich sehr offen für eine Zusammenarbeit mit Europa.
Wie ist die Lage in Südafrika?
Die Lagerstätte Steenkampskraal in Südafrika ist eine der höchstgradigen Seltene‑Erden‑Vorkommen weltweit. Wir hatten eine Finanzierung organisiert, aber der Betreiber entschied sich letztlich dagegen. Bemerkenswert ist: Die Investoren wollten die gesamte Förderung in die USA liefern. Europa wäre leer ausgegangen. Die deutsche Industrie tut sich weiterhin schwer mit Offtake‑Agreements. In Namibia haben wir China ein Joint Venture vorgeschlagen – hier warten wir noch auf Rückmeldung.
"Unser Wertebild, Rechtssicherheit und Verlässlichkeit sind klare Vorteile."
Wie geht es mit Steenkampskraal weiter?
Die Mine bleibt hochinteressant: eine sehr hohe Konzentration an schweren Seltenen Erden, aber auch radioaktiv belastet. Dank einer Finanzierung durch die südafrikanische Entwicklungsbank IDC kann das Projekt nun starten. Ich rechne damit, dass in etwa 18 Monaten hochwertiges Karbonat produziert wird und dass wir einen Teil der Förderung erhalten. Bis Raffineriekapazitäten aufgebaut sind, könnten wir das Material zwischenlagern.
Abschließend gefragt: Welche Stärken kann Europa im Wettbewerb um kritische Rohstoffe ausspielen?
Unser Wertebild, Rechtssicherheit und Verlässlichkeit sind klare Vorteile. Viele internationale Partner arbeiten lieber mit Europa zusammen. Wir müssen aber deutlich schneller werden – und das ist kein Hexenwerk.