Taiwans Energieversorgung ist stark von LNG-Importen abhängig. Knappe Reserven werden in Krisen zum Risiko für die Stromversorgung und so auch für die Industrie.
Der Krieg im Nahen Osten hat offengelegt, dass Taiwans Reservekapazitäten für Flüssigerdgas (LNG - liquified natural gas) sehr knapp bemessen sind. Wird der kontinuierliche Transportstrom von LNG-Tankern nach Taiwan unterbrochen, dann hat die Insel LNG-Reserven für elf Tage. Für Kohle reichen die Reserven laut Wirtschaftsministerium etwa 40 Tage und für Rohöl derzeit etwa 140 Tage.
Laut Ausführungsbestimmungen des Wirtschaftsministeriums muss Taiwan ein Minimum von elf Tagen Bedarf an Erdgasreserven vorhalten. Ab 2027 wird die Reserveerfordernis auf 14 Tage erhöht. Für Kohle liegt die Mindestreserveanforderung bei 30 Tagen. Grundlage ist der Energy Administration Act von 2016.
Die Reserveerfordernis für Rohöl ist mit einem eigenen Gesetz, dem zuletzt 2023 revidierten Petroleum Administration Act, geregelt: Die Industrie soll demnach Lagerbestände für mindestens 60 Tage Bedarf vorhalten und die öffentliche Seite für mindestens 30 Tage. Allerdings spielt Rohöl für die Stromerzeugung in Taiwan nur noch eine untergeordnete Rolle. Es wird hauptsächlich zur industriellen Verarbeitung und im Transportsektor genutzt.
Stromerzeugung stark von LNG-Importen abhängig
Taiwans Elektrizitätsversorgung wird zu fast 85 Prozent durch fossile Energieträger gedeckt, darunter zu steigenden Anteilen durch LNG. Erneuerbare Energien tragen etwa 13 Prozent bei.
Dass LNG Taiwans Hauptenergieträger ist, macht die Insel potenziell anfällig für Lieferausfälle, zumal sie das Flüssiggas hauptsächlich aus zwei Quellen bezieht: Katar und Australien. Aus diesen beiden Ländern importierte Taiwan 2025 jeweils circa ein Drittel der insgesamt 23,5 Millionen Tonnen an LNG. Katar und Oman machten im Jahr 2025 zusammen 38 Prozent von Taiwans LNG-Einfuhren aus. Sollte die Krise an der Straße von Hormus länger anhalten, könnte dies Taiwans Gasversorgung beeinträchtigen. Akut ist das jedoch nicht, da sich Taiwan flexibel darauf eingestellt hat und sich auf dem Spotmarkt versorgt.
Um eventuellen Stromversorgungsproblemen zu begegnen, plant die Regierung, kurzfristig zwei außer Betrieb genommene Kohlekraftwerke wieder anzufahren. Mittel- bis langfristig sollen LNG‑Importe insbesondere aus den USA ausgebaut werden. Eine deutliche Erhöhung des US-Lieferanteils ist ohnehin Teil des Zolltarif-Deals, den Taiwan im Februar 2026 mit den USA abgeschlossen hat.
LNG-Kapazitäten und AusbaupläneLNG Terminal (Standort und Betreiber) | | Status | Anzahl Tanks | Lagerkapazität (in 1.000 Kiloliter) |
|---|
Yongan/Kaohsiung, CPC | | bestehend | 6 | 690 |
Expansion (Fertigstellung bis 2027) | 3 | 600 |
Taichung Port, CPC | | bestehend | 6 | 960 |
Expansion (Fertigstellung 2026) | 2 | 360 |
geplant (ohne Datum) | 8 | 1.440 |
Guantang/Taoyuan, CPC | | bestehend | 2 | 320 |
geplant (ohne Datum) | 6 | 1.080 |
Hsieh-ho/Keelung, TPC | | Bau März 2026 vergeben (Fertigstellung bis 2032) | 2 | 320-380 |
Taichung Outer Port, TPC | | geplant (ohne Datum) | 5 | 800 |
Mailiao/Yunlin, Formosa Plastics | | Expansion (Fertigstellung bis 2029) | 2 | 320 |
Dalinpu/Kaohsiung, CPC | | Expansion (Fertigstellung bis 2030) | 4 | 720 |
CPC - China Petroleum Corporation; TPC - Taiwan Power CorporationQuelle: Unternehmenswebseiten; Recherchen von GTAI 2026
Zudem hat die Regierung - auch auf Druck der Industrie - ins Auge gefasst, stillgelegte Kernkraftwerke zu reaktivieren. Erste Machbarkeitsstudien sind dazu angelaufen. Damit ist der energiepolitische Ausstieg aus der Kernenergie faktisch revidiert. Zwar ist das Potenzial von Erneuerbaren Energien noch lange nicht ausgereizt, deren Ausbau wird jedoch durch innenpolitische Querelen und Verwaltungsvorschriften behindert.
Helium kommt überwiegend aus dem Nahen Osten
Von Taiwans Industrie ist zudem der Ruf laut geworden, insbesondere für Helium als wichtigem Gas für die Halbleiterproduktion, eine strategische Reserve anzulegen. Hierbei spielt der Konflikt im Nahen Osten eine Rolle, obgleich das Erdgas nicht als Energierohstoff im klassischen Sinne gilt. Helium wird nicht verbrannt, um Energie zu erzeugen. Es wird zu Kühlung, Leckdetektion und für Präzisionsprozesse gebraucht.
Für das Edelgas ist Katar eines der größten Förderländer. Von dort bezog Taiwan bis Ende 2025 den weit überwiegenden Teil seines Bedarfs. Wertmäßig beliefen sich die Einfuhren aus Katar 2025 auf knapp 88 Prozent der taiwanischen Importe des Edelgases. Die USA waren mit etwa 4,3 Prozent zweitgrößter Lieferant.
Selbst wenn sich die Lage im Nahen Osten stabilisiert und der Schiffstransport wieder anläuft, wird noch einige Zeit vergehen, bis die Lieferungen nach Taiwan das Vorkrisenniveau erreichen, da die Förder- und Transportinfrastruktur zum Teil beschädigt ist.
Versorgung nicht akut gefährdet
Zwar ist die Halbleiterbranche auf der Insel nicht akut von Heliumknappheit betroffen, wie das Wirtschaftsministerium versichert. TSMC (Taiwan Semiconductor Manufacturing Company) ist Hauptkunde in Taiwan und hat Helium-Lagerbestände. Das Unternehmen verfügt aufgrund einer hohen Recyclingrate des eingesetzten Gases über Reserven. Aber das Lieferantennetz ist gegenwärtig wenig verzweigt. Dabei könnten die USA als einer der weltweit größten Produzenten von Helium einspringen. Die USA hatten schon in den Jahren vor 2025 deutlich mehr Helium an Taiwan geliefert und könnten diese Lieferungen wieder hochfahren.
So haben die US-Firmen, als die größten Kunden von in Taiwan erzeugten Halbleitern, ein hohes Interesse an einer ununterbrochenen Helium-Versorgung der Insel. Daran wird auch die Entwicklung nichts ändern, dass TSMC im US-Bundesstaat Arizona massiv in die Chipproduktion investiert. Hier ist die Helium-Versorgung jedenfalls kein Thema.
Aber auch der Aufbau der TSMC-Chipproduktion in Deutschland wirft die Frage der Rohstoffsicherung auf, da Deutschland keine Heliumförderung besitzt. So ist die ausreichende Versorgung und die Stabilisierung kritischer Lieferketten auch für Deutschland von Interesse. Das gilt sowohl für Helium als auch für andere kritische Industrierohstoffe.
Von Jürgen Maurer
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