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Abhängigkeit bei Rohstoffen bleibt Taiwans Achillesverse

Taiwans Versorgung mit Energie- und Industrierohstoffen ist von strukturellen Abhängigkeiten und geopolitischen Spannungen geprägt. Dies lässt sich nicht kurzfristig verändern.

Von Jürgen Maurer | Taipei

Die Krise im Nahen Osten rückt Taiwans strukturelle Importabhängigkeit bei Energie- und Industrierohstoffen in den Fokus. Taiwan reagiert darauf, indem es staatliche Reserven ausbaut, die unternehmensgetriebene Vorratshaltung stärkt und Lieferketten diversifiziert. Als Langfriststrategie setzt die Regierung auf das Urban Mining, also die Wiedergewinnung von Rohstoffen über das Recycling alter Geräte. Zudem baut sie Rohstoffpartnerschaften auf.

Taiwans größte Verwundbarkeit liegt dabei nicht auf einem einzelnen Rohstoff, sondern in der Kombination aus hoher Importabhängigkeit, begrenzten staatlichen Reservemechanismen und geopolitischer Isolation. Höhere Versorgungssicherheit lässt sich nur mit hohen Investitionen in die Infrastruktur und der Stärkung der Lieferketten erreichen.

  • Taiwans Energieversorgung ist stark von LNG-Importen abhängig. Knappe Reserven werden in Krisen zum Risiko für die Stromversorgung und so auch für die Industrie.

    Der Krieg im Nahen Osten hat offengelegt, dass Taiwans Reservekapazitäten für Flüssigerdgas (LNG - liquified natural gas) sehr knapp bemessen sind. Wird der kontinuierliche Transportstrom von LNG-Tankern nach Taiwan unterbrochen, dann hat die Insel LNG-Reserven für elf Tage. Für Kohle reichen die Reserven laut Wirtschaftsministerium etwa 40 Tage und für Rohöl derzeit etwa 140 Tage. 

    Laut Ausführungsbestimmungen des Wirtschaftsministeriums muss Taiwan ein Minimum von elf Tagen Bedarf an Erdgasreserven vorhalten. Ab 2027 wird die Reserveerfordernis auf 14 Tage erhöht. Für Kohle liegt die Mindestreserveanforderung bei 30 Tagen. Grundlage ist der Energy Administration Act von 2016. 

    Die Reserveerfordernis für Rohöl ist mit einem eigenen Gesetz, dem zuletzt 2023 revidierten Petroleum Administration Act, geregelt: Die Industrie soll demnach Lagerbestände für mindestens 60 Tage Bedarf vorhalten und die öffentliche Seite für mindestens 30 Tage. Allerdings spielt Rohöl für die Stromerzeugung in Taiwan nur noch eine untergeordnete Rolle. Es wird hauptsächlich zur industriellen Verarbeitung und im Transportsektor genutzt. 

    Stromerzeugung stark von LNG-Importen abhängig

    Taiwans Elektrizitätsversorgung wird zu fast 85  Prozent durch fossile Energieträger gedeckt, darunter zu steigenden Anteilen durch LNG. Erneuerbare Energien tragen etwa 13 Prozent bei.  

    Dass LNG Taiwans Hauptenergieträger ist, macht die Insel potenziell anfällig für Lieferausfälle, zumal sie das Flüssiggas hauptsächlich aus zwei Quellen bezieht: Katar und Australien. Aus diesen beiden Ländern importierte Taiwan 2025 jeweils circa ein Drittel der insgesamt 23,5 Millionen Tonnen an LNG. Katar und Oman machten im Jahr 2025 zusammen 38 Prozent von Taiwans LNG-Einfuhren aus. Sollte die Krise an der Straße von Hormus länger anhalten, könnte dies Taiwans Gasversorgung beeinträchtigen. Akut ist das jedoch nicht, da sich Taiwan flexibel darauf eingestellt hat und sich auf dem Spotmarkt versorgt.  

    Um eventuellen Stromversorgungsproblemen zu begegnen, plant die Regierung, kurzfristig zwei außer Betrieb genommene Kohlekraftwerke wieder anzufahren. Mittel- bis langfristig sollen LNGImporte insbesondere aus den USA ausgebaut werden. Eine deutliche Erhöhung des US-Lieferanteils ist ohnehin Teil des Zolltarif-Deals, den Taiwan im Februar 2026 mit den USA abgeschlossen hat. 

    LNG-Kapazitäten und Ausbaupläne

    LNG Terminal  

    (Standort und Betreiber) 

     

    Status 

    Anzahl Tanks 

    Lagerkapazität (in 1.000 Kiloliter) 

    Yongan/Kaohsiung, CPC 

     

    bestehend 

    6 

    690 

    Expansion 

    (Fertigstellung bis 2027) 

    3 

    600 

    Taichung Port, CPC 

     

    bestehend 

    6 

    960 

    Expansion (Fertigstellung 2026) 

    2 

    360 

    geplant (ohne Datum) 

    8 

    1.440 

    Guantang/Taoyuan, CPC 

     

    bestehend 

    2 

    320 

    geplant (ohne Datum) 

    6 

    1.080 

    Hsieh-ho/Keelung, TPC 

     

    Bau März 2026 vergeben (Fertigstellung bis 2032) 

    2 

    320-380 

    Taichung Outer Port, TPC 

     

    geplant (ohne Datum) 

    5 

    800 

    Mailiao/Yunlin, Formosa Plastics 

     

    Expansion 

    (Fertigstellung bis 2029) 

    2 

    320 

    Dalinpu/Kaohsiung, CPC 

     

    Expansion 

    (Fertigstellung bis 2030) 

    4 

    720 

    CPC - China Petroleum Corporation; TPC - Taiwan Power CorporationQuelle: Unternehmenswebseiten; Recherchen von GTAI 2026

     

    Zudem hat die Regierung - auch auf Druck der Industrie - ins Auge gefasst, stillgelegte Kernkraftwerke zu reaktivieren. Erste Machbarkeitsstudien sind dazu angelaufen. Damit ist der energiepolitische Ausstieg aus der Kernenergie faktisch revidiert. Zwar ist das Potenzial von Erneuerbaren Energien noch lange nicht ausgereizt, deren Ausbau wird jedoch durch innenpolitische Querelen und Verwaltungsvorschriften behindert.

    Helium kommt überwiegend aus dem Nahen Osten

    Von Taiwans Industrie ist zudem der Ruf laut geworden, insbesondere für Helium als wichtigem Gas für die Halbleiterproduktion, eine strategische Reserve anzulegen. Hierbei spielt der Konflikt im Nahen Osten eine Rolle, obgleich das Erdgas nicht als Energierohstoff im klassischen Sinne gilt. Helium wird nicht verbrannt, um Energie zu erzeugen. Es wird zu Kühlung, Leckdetektion und für Präzisionsprozesse gebraucht.

    Für das Edelgas ist Katar eines der größten Förderländer. Von dort bezog Taiwan bis Ende 2025 den weit überwiegenden Teil seines Bedarfs. Wertmäßig beliefen sich die Einfuhren aus Katar 2025 auf knapp 88 Prozent der taiwanischen Importe des Edelgases. Die USA waren mit etwa 4,3 Prozent zweitgrößter Lieferant.

    Selbst wenn sich die Lage im Nahen Osten stabilisiert und der Schiffstransport wieder anläuft, wird noch einige Zeit vergehen, bis die Lieferungen nach Taiwan das Vorkrisenniveau erreichen, da die Förder- und Transportinfrastruktur zum Teil beschädigt ist.

    Versorgung nicht akut gefährdet 

    Zwar ist die Halbleiterbranche auf der Insel nicht akut von Heliumknappheit betroffen, wie das Wirtschaftsministerium versichert. TSMC (Taiwan Semiconductor Manufacturing Company) ist Hauptkunde in Taiwan und hat Helium-Lagerbestände. Das Unternehmen verfügt aufgrund einer hohen Recyclingrate des eingesetzten Gases über Reserven. Aber das Lieferantennetz ist gegenwärtig wenig verzweigt. Dabei könnten die USA als einer der weltweit größten Produzenten von Helium einspringen. Die USA hatten schon in den Jahren vor 2025 deutlich mehr Helium an Taiwan geliefert und könnten diese Lieferungen wieder hochfahren.  

    So haben die US-Firmen, als die größten Kunden von in Taiwan erzeugten Halbleitern, ein hohes Interesse an einer ununterbrochenen Helium-Versorgung der Insel. Daran wird auch die Entwicklung nichts ändern, dass TSMC im US-Bundesstaat Arizona massiv in die Chipproduktion investiert. Hier ist die Helium-Versorgung jedenfalls kein Thema.

    Aber auch der Aufbau der TSMC-Chipproduktion in Deutschland wirft die Frage der Rohstoffsicherung auf, da Deutschland keine Heliumförderung besitzt. So ist die ausreichende Versorgung und die Stabilisierung kritischer Lieferketten auch für Deutschland von Interesse. Das gilt sowohl für Helium als auch für andere kritische Industrierohstoffe.

    Von Jürgen Maurer | Taipei

  • Taiwan will sich bei Industrierohstoffen besser positionieren und setzt hierzu auf Recycling. Neue bilaterale Partnerschaften sollen Lieferkettenrisiken mindern.

    Anders als bei Energierohstoffen verfügt Taiwan bei kritischen Rohstoffen für die Industrie bislang nur eingeschränkt über vom Staat organisierte strategische Reserven. Einkauf, Lagerhaltung und Risikovorsorge liegen überwiegend in der Verantwortung der Unternehmen sowie der vor und nachgelagerten Handelsstufen. 

    So hält der weltgrößte Halbleiterhersteller TSMC (Taiwan Semiconductor Manufacturing Corp.) unter normalen Bedingungen Vorräte an kritischen Inputfaktoren für einen Zeitraum zwischen 12 und 24 Monaten vor. Inwieweit dies verschiedene seltene Erden und kritische Metalle umfasst, die in vielen modernen Hochtechnologieanwendungen benötigt werden, legt das Unternehmen nicht offen. Jedenfalls ist nach Angaben des taiwanischen Wirtschaftsministeriums der direkte Verbrauch von Rohmaterialien in der Chipindustrie vergleichsweise gering. Dies weist auch die Außenhandelsstatistik aus. Taiwan ist daher - anders als Japan - nicht so stark von den chinesischen Exportbeschränkungen betroffen.

    Deutschland ist wichtiger Lieferant von verarbeitetem Silizium

    Zwar benötigt Taiwans Chipindustrie wenig direkt verarbeitete Rohstoffe, ist aber dennoch in hohem Maße von weiterverarbeiteten Seltenerdmetallen und kritischen Metallen abhängig. Taiwans Halbleiterhersteller beziehen viele ihrer für die Produktion eingesetzten Industrierohstoffe überwiegend über spezialisierte Verarbeiter und Zwischenhändler vor allem aus Japan. Dabei ist Japan seinerseits auf Importe von Rohmaterialien aus China angewiesen. Deutschland ist zumindest bei einem kritischen Material auch ein wichtiger Lieferant Taiwans - Silizium. Nach Japan ist Deutschland hier die zweitgrößte Quelle für das Land und zwar mit steigendem Anteil.

    Abgesehen von der Halbleiterindustrie haben andere Segmente einen deutlich höheren Bedarf an kritischen Industrierohstoffen. Dazu zählen insbesondere die Batterieproduktion für Elektrofahrzeuge, die Herstellung von Magneten für erneuerbare Energien sowie Güter der Luft und Raumfahrt und der Verteidigungsindustrie. So wird etwa der Gesamtbedarf Taiwans an seltenen Erden derzeit auf rund 1.500 Tonnen pro Jahr geschätzt. Im Zuge des starken Wirtschaftswachstums und dem geplanten Kapazitätsausbau könnte dieser Wert bis 2030 jährlich auf etwa 2.000 Tonnen steigen. 

    Urban Mining soll Selbstversorgung stärken 

    Vor dem Hintergrund geopolitischer Unsicherheit und steigender Preise für Rohstoffe und Mineralien gewinnt das Recycling von Elektroschrott und Batterien - auch als Urban Mining bezeichnet - an Bedeutung. Das Wirtschaftsministerium plant, in Taiwan innerhalb von drei Jahren Anlagen aufzubauen, die etwa ein Drittel des inländischen Bedarfs an seltenen Erden decken sollen. 

    Seit 2023 entwickeln die Materials and Chemical Research Laboratories, Teil des Industrial Technology Research Institute (ITRI), Verfahren zur Rückgewinnung seltener Erden. Im Fokus stehen insbesondere Neodym und Dysprosium, die für Hochleistungsmagnete essenziell sind. Noch befindet sich dieses Recyclingverfahren in der Pilotphase. Sobald eine industrielle Skalierung bei ausreichender Reinheit möglich ist, will die Regierung diese Technologien privaten Unternehmen zur kommerziellen Nutzung zur Verfügung stellen. Angepeilt ist dafür das Jahr 2026. 

    In Taiwan existieren bereits Aufbereitungskapazitäten für Elektroschrott und Batterien, wenn auch in kleinem experimentellem Maßstab. So will etwa die Firma UWin Nanotech mit einem selbst entwickelten, lösungsbasierten und nicht-toxischen Verfahren aus Elektroschrott und Batterien unter anderem Kobalt, Nickel und Lithium mit hohem Reinheitsgrad zurückgewinnen und der Batterieherstellung zuführen. Bis 2027 will UWin Nanotech hierzu eine neue Fabrik aufbauen, die das Recycling in industriellem Maßstab ermöglicht. 

    Das Recyclingunternehmen Lianyou Metals ist bereits etabliert. Es recycelt Wolfram und Kobalt und verarbeitet beide Stoffe zum Teil auch. So setzt es beispielsweise Kobaltsulfat für die Batterieherstellung ein. Für Wolframkarbid wird das Unternehmen in der zweiten Jahreshälfte 2027 eine neue Produktionsanlage im Pingtung Technology Industrial Parc eröffnen. Langjährige Erfahrung im Materialrecycling weist beispielsweise das Unternehmen Solar Applied Materials in Tainan auf. Mit Recycling- und Veredelungsplattformen für fünf Edelmetalle (Gold, Silber, Platin, Palladium, Ruthenium) und für drei Seltenmetalle (Indium, Gallium, Tantal) hat Solar Applied Materials ein umfangreiches Recycling-Portfolio. 

    Internationale Einbindung gewinnt an Bedeutung 

    Taiwan will seine Rohstoffquellen diversifizieren und strebt daher an, bei internationalen Initiativen wie der Minerals Security Partnership, der Sustainable Critical Minerals Alliance oder der Pax Silica Mitglied zu werden. Diese Netzwerke versuchen, die Dominanz einzelner Länder in der Rohstoffversorgung zu vermindern und daraus resultierende Versorgungsrisiken abzufedern. 

    Aufgrund seiner geopolitischen Isolation ist Taiwan nur eingeschränkt in offizielle multilaterale Netzwerke eingebunden. Taiwans Regierung setzt daher auf bilaterale Plattformen, etwa den USTaiwan Economic Prosperity Partnership Dialogue, sowie auf eine vertiefte Zusammenarbeit mit Japan und der EU. 

    Auch Australien ist ein wichtiger Lieferant von Energie- und Industrierohstoffen. Seit 1993 hat Taiwan im Rahmen der "Taiwan-Australia Joint Energy and Minerals, Trade and Investment Cooperation Consultations" regelmäßigen Austausch mit dem Rohstofflieferant. 

    Von Jürgen Maurer | Taipei