Branche kompakt | Brasilien | Pharmaindustrie, Biotechnologie
Lokale Branchenstruktur
Brasilianische Pharmakonzerne expandieren und erweitern die Produktion von Generika und Biosimilars. Auch die Herstellung von Wirkstoffen rückt in den Fokus.
16.04.2026
Den Marktforschern von IQVIA zufolge gibt es in Brasilien 380 Hersteller von Pharmazeutika, darunter 257 lokale Unternehmen, die überwiegend Generika sowie zunehmend Biosimilars produzieren. Die lokalen Hersteller standen 2024 für rund 83 Prozent der Absatzmenge, vereinigten aber nur die Hälfte des Branchenumsatzes auf sich.
Unter den 20 umsatzstärksten Anbietern finden sich acht multinationale Unternehmen: Sanofi, Novo Nordisk, Sandoz, AstraZeneca, GSK, Merck, Boehringer Ingelheim und Novartis.
| Unternehmen (Land) | Umsatz 2024 1) | Veränderung 2024/23 2) |
|---|---|---|
| Grupo NC (Brasilien) | 4,8 | 12,8 |
| Eurofarma (Brasilien) | 3,4 | 29,7 |
| Hypera Pharma (Brasilien) | 2,9 | 8,9 |
| Sanofi (Frankreich) | 1,7 | 6,7 |
| Aché (Brasilien) | 1,5 | 3,8 |
| Grupo Cimed (Brasilien) | 1,4 | 38,8 |
| Novo Nordisk (Dänemark) | 1,2 | 26,4 |
| Teuto (Brasilien) | 1,0 | 20,0 |
| Biolab (Brasilien) | 0,9 | 28,2 |
| União Química (Brasilien) | 0,8 | 22,5 |
Fusionen, Verkäufe und Expansion: Hohe Dynamik am Pharmamarkt
Die zehn größten Hersteller erwirtschafteten 2024 rund 48,6 Prozent des gesamten Branchenumsatzes. Wirtschaftsprüfer KPMG beobachtete 2024 und 2025 eine hohe Zahl an Fusionen und Übernahmen und erwartet für 2026 eine Fortsetzung dieses Trends. Dabei begünstige die Schwäche des R$ Investitionen aus dem Ausland.
Im Jahr 2025 und 2026 kam es zu großen Transaktionen: Der staatliche Investmentfonds Singapurs GIC beteiligte sich am brasilianischen Pharmakonzern Cimed. Die in São Paulo ansässige Gruppe will ihren Umsatz bis 2030 verdreifachen. Hypera erhielt eine Kapitaleinlage der Votorantim Holding. Dahingegen sucht União Química weiterhin nach Investoren.
Eurofarma übernahm 2025 den Dermokosmetikhersteller Dermage. Im März 2026 gab der französische Pharmariese Sanofi bekannt, seine Generika-Tochter Medley an EMS der NC-Gruppe zu verkaufen. Der brasilianische Marktführer baut dadurch seine Führungsposition im Generikamarkt auf voraussichtlich 31 Prozent aus.
Die Auftragsfertigung ist in Brasilien stark konzentriert. Zu den wichtigsten Vertragsherstellern zählen Grupo NC/EMS, Eurofarma, Aché, Prati‑Donaduzzi und União Química. Sie produzieren sowohl für multinationale Pharmakonzerne als auch für lokale Anbieter und profitierten in den vergangenen Jahren von Portfolioverkäufen internationaler Hersteller sowie von Produktionspartnerschaften. Die Übernahme von Medley durch EMS im Jahr 2026 verstärkt diese Konzentration weiter. Neben den Großen betätigen sich Libbs, Biolab und Cristália als spezialisierte Vertragshersteller.
Ablauf von Patenten belebt Investitionen
Die Produktion von Generika und Biosimilars nimmt weiter stark zu. Allein 2024 lief der Patentschutz für 16 Präparate aus, die in Brasilien einen Umsatz von 2 Milliarden US$ erzielen. Zwischen 2024 und 2028 verlieren insgesamt 117 Arzneimittel mit einem Umsatz von bis zu 6 Milliarden US$ den Schutz. Dies ergab eine Studie des Spezialchemieverbands Abifina.
Der Generikaverband PróGenéricos gibt an, dass in Brasilien landesweit 102 Generikahersteller über rund 2.600 Arzneimittelzulassungen verfügen und mehr als 4.600 Produkte anbieten. Hinzu kommen 29 Produzenten von Biosimilars mit mehr als 65 Zulassungen.
Besonders im Blick haben Brasiliens Pharmakonzerne das Patent auf Semaglutid, das im März 2026 auslief. Brasiliens Gesundheitsaufsicht bearbeitet 17 Zulassungsanträge. EMS steht in der Startposition. Produkte mit dem Wirkstoff bringen Novo Nordisk in Brasilien einen Jahresumsatz von rund 500 Millionen US$ ein. Um mit den Generikaherstellern konkurrieren zu können, bauen die Dänen ihre Fabrik in Montes Claros (Minas Gerais) bis 2028 aus.
Mit dem Hotspot Montes Claros ist Minas Gerais nach São Paulo inzwischen der zweitwichtigste Produktionsstandort für die Pharmaindustrie – vor Rio de Janeiro, Goiás und Paraná. Minas Gerais fördert den Biotechnologiesektor über die Stiftung Biominas.
| Unternehmen | Projekt | Investitionssumme | Projektstand |
|---|---|---|---|
| Novo Nordisk | Ausbau der Fabrik in Montes Claros (Minas Gerais) | 1.145 | Angekündigt im April 2025, geplante Inbetriebnahme 2028 |
| Hypofarma | Fabrik für onkologische Medikamente in Montes Claros (Minas Gerais) | 134 | Baubeginn im zweiten Halbjahr 2026, Inbetriebnahme 2028 |
| Bionovis (Biotechnologie-Joint-Venture der Konzerne Aché, EMS, Hypera Pharma und União Química) | Bau einer neuen Anlage zur Produktion hochkomplexer Biopharmazeutika in Valinhos (São Paulo) | 117 | Ankündigung im Januar 2025, Inbetriebnahme 2026 |
| Cimed | Bau eines Lagerzentrums an der Fabrik in Pouso Alegre (Minas Gerais) | 90 | Ankündigung im Januar 2025, Inbetriebnahme 2026 |
| EMS | Entwicklung von 25 Produkten im Forschungs- und Produktionszentrum Eurolab in Itapevi (São Paulo) | 90 | Die staatliche Förderbank BNDES genehmigte die geförderte Finanzierung im August 2024. |
| Eurofarma | Entwicklung von 60 Produkten im Forschungs- und Produktionszentrum Eurolab in Itapevi (São Paulo) | 90 | Die staatliche Förderbank BNDES genehmigte die geförderte Finanzierung im Juli 2024. |
| Instituto Butantan | Neue Anlage im Komplex des Instituts in São Paulo | 69 | Die staatliche Förderbank BNDES genehmigte die geförderte Finanzierung im Juli 2024. |
| Aché | Entwicklung von 80 Produkten im Forschungs- und Produktionszentrum und Ausbau des Labors in Guarulhos (São Paulo) | 69 | Die staatliche Förderbank BNDES genehmigte die geförderte Finanzierung im August 2024. |
| Libbs | Expansion der Produktion in Embu das Artes (São Paulo) | 36 | Die staatliche Förderbank BNDES genehmigte die geförderte Finanzierung im Dezember 2024. |
Hohe Importabhängigkeit bei Wirkstoffen
Obwohl Brasilien zu den Top-Ten-Pharmamärkten weltweit gehört und der größte Teil der Arzneimittel vor Ort produziert wird, importieren die Hersteller rund 95 Prozent der etwa 2.000 Wirkstoffe. Drei Viertel der Einfuhren stammen aus China und Indien.
In der Coronakrise rückte die hohe Importabhängigkeit ins Augenmerk der Politik. Als größter Einzelabnehmer von Medikamenten nutzt der Staat seine Marktmacht und fördert den Aufbau der lokalen Produktion über öffentlich-private Produktionspartnerschaften ("Parcerias para o Desenvolvimento Produtivo" – PDP). Das Interesse der Hersteller ist groß. Im Jahr 2024 reichten sie 350 Projekte ein. Darüber hinaus bietet die Entwicklungsbank BNDES zinsgünstige Kredite an. Mit der neuen Industriepolitik verdoppelte BNDES 2024 das Kreditvolumen für die Pharmaindustrie.
Laut einer aktuellen Erhebung des Instituts Fiocruz stellen heute 37 Unternehmen Wirkstoffe in Brasilien her, darunter Cristália, Libbs, Globe, Nortec Química, Blanver, Prati-Donaduzzi und Biomm. Der Großteil dieser Hersteller betreibt Forschung und Entwicklung (F&E) und verfügt über freie Produktionskapazitäten. Fiocruz sieht gute Chancen, dass zukünftig wieder 20 Prozent der Wirkstoffe lokal hergestellt werden. Ein Wettbewerbsvorteil des Standorts seien dabei auch die großen Viehbestände des Landes.
Neue Impulse für Forschung und Entwicklung
BNDES stellt bis 2026 ein Kreditvolumen von 1,1 Milliarden US$ für die Entwicklung und Produktion neuer Arzneimittel bereit. Auch die niedrigen Gewinnmargen im hart umkämpften Generikamarkt motivieren immer mehr lokale Hersteller dazu, in F&E zu investieren. Eurofarma, Cristália und Hypera Pharma greifen dabei auch auf das agile Start-Up-Ökosystem zurück. Die zwölf Laboratorien, die über den Verband Grupo FarmaBrasil zusammengeschlossen sind, investieren bis 2027 voraussichtlich 2,5 Milliarden US$.
Im internationalen Vergleich sind die Ausgaben für F&E in Brasilien relativ niedrig. Hintergrund ist die unzulängliche Rechtssicherheit. Im Oktober 2025 regulierte Brasilien das Rahmengesetz für klinische Forschung Gesetz Nr. 14.874/2024. Die Verfassungsmäßigkeit des neuen Gesetzes wird zurzeit durch den Obersten Gerichtshof geprüft. Durch den neuen Rechtsrahmen wird Brasilien für die Erforschung neuer Medikamente wettbewerbsfähiger. Branchenverband Interfarma erwartet, dass Brasilien seinen Anteil an der klinischen Forschung von derzeit 2,8 Prozent auf 4,8 Prozent ausbauen kann.