Schon heute fehlt in Chile technisches Personal. Sich ändernde Berufsprofile und der demografische Wandel werden den Mangel verstärken. Darauf müssen sich die Firmen einstellen.
Zunächst das Positive: Das Angebot an Universitätsabsolventen ist in Chile durchaus zufriedenstellend – qualitativ und quantitativ. Das gilt speziell für den Ingenieurbereich. Für Kritik sorgt aber die hohe Theorielastigkeit in einigen Ausbildungszweigen.
Doch gelte dies nicht für alle Universitäten. "Das mit der Theorielastigkeit ist meiner Meinung nach eher ein Problem der Privatuniversitäten und der Top 5 sowie der Konzentration auf Santiago. Die regionalen Universitäten haben eine sehr starke praktische Orientierung, gerade im Bergbau", sagt Wolfgang Griem, Dekan für Ingenieurwissenschaften an der Universidad de Atacama (UDA) in Copiapó.
Da die Firmen vor Ort seien, ließen sich leicht Teile der Ausbildung in die Betriebe verlegen. Entsprechend sei die Praxisorientierung bei bergbauorientierten Berufen in Chile wesentlich stärker als in Deutschland, so Griem weiter. Dies gelte für die UDA sowie für die Hochschulen UFRO in Temuco, die UTA in Tarapacá und die Universitäten von La Serena und Antofagasta.
Fachkräftemangel bei Technikern verschärft sich
Anders sieht es bei Technikern und Handwerkern aus. Hier besteht ein gravierendes Missverhältnis zwischen Angebot und Bedarf der Wirtschaft. Mit anderen Worten: "Schon bei der Personalsuche muss man als deutsches Unternehmen wissen, dass man niemanden findet, der 100 Prozent passt, weil Ausbildung und Berufsinhalte nicht dem entsprechen, was wir aus Deutschland kennen", sagt Lutz Kindermann, Geschäftsführer des Bremer Windparkentwicklers wpd in Santiago.
Stärkere Automatisierung, Digitalisierung und der erwartete Einsatz von KI lassen den Bedarf weiter wachsen. Das Staatssekretariat für Arbeit (Subsecretaría del Trabajo) beziffert den jährlichen Bedarf der Wirtschaft an neuen Technikern auf 240.000. Allein der boomende Bergbau benötigt bis 2034 rund 37.000 zusätzliche Fachkräfte, so eine Studie von Alianza CCM-Eleva.
Für die Firmen ergeben sich mehrere Optionen – und alle sind kostenintensiv: Einige Stellen werden mit überqualifiziertem oder mit bei anderen Firmen abgeworbenem Personal besetzt. Es gibt sogar den Trend, Arbeitskräfte etwa aus Brasilien anzuwerben. Ansonsten bleibt nur, selbst auszubilden.
Unbeliebte Ausbildungsberufe
Laut dem Bildungsministerium befanden sich 2023 lediglich 33 Prozent der Studierenden an weiterführenden Schulen in einer technisch-beruflichen Einrichtung (2016: 40 Prozent). Damit lag Chile 5 Prozentpunkte unter dem OECD-Durchschnitt.
Ein Grund ist, dass sozialer Aufstieg oft gekoppelt gesehen wird mit einer universitären Ausbildung. Gerade in weniger privilegierten Schichten gilt ein Studium als Schlüssel zum Aufstieg. Ausbildungsberufe (welche ohnehin oft erst noch geschaffen werden müssen) bedürfen daher dringend einer gesellschaftlichen und politischen Aufwertung.
Doch der Mentalitätswandel braucht Zeit. "Nur sehr vorsichtig gewinnt die Erkenntnis an Boden, dass ein technischer Ausbildungsberuf unter Umständen viel schneller zu einem ordentlichen Gehalt führt als ein Studium", sagt Matías Krumbach, Geschäftsführer der Personalvermittlung People Match.
Andererseits besteht im Ausbildungssystem eine große Diskrepanz zwischen den oft wenig praxisorientierten Lerninhalten und den Anforderungen der Wirtschaft. "Die Firmen brauchen in der Regel etwa ein Jahr, um neu eingestelltes Personal an dem Punkt zu haben, dass es einsetzbar ist", weiß Cornelia Sonnenberg, Geschäftsführerin der AHK Chile. Der technologische Wandel vergrößert diese Kluft zusätzlich: Während Unternehmen neue Tools schnell einführen, bleiben Ausbildungsprogramme oft statisch.
Duale Ausbildung nach deutschem Vorbild in Chile
Die AHK Chile unterstützt Unternehmen bei der beruflichen Ausbildung nach deutschem dualem Vorbild und arbeitet dabei eng mit dem Instituto Superior Alemán de Comercio (INSALCO) zusammen. Neben der Qualifizierung nach Unternehmensbedarf dient Ausbildung häufig auch der Mitarbeiterbindung, etwa durch die Schulung erfahrener Beschäftigter zu Ausbildern. Einige Firmen erweitern ihr soziales Engagement – ein in Chile sehr ernst zu nehmender Faktor – und unterstützen lokale Berufsschulen, oft kombiniert mit Praktikumsangeboten im eigenen Betrieb.
Demografischer Wandel verschärft Fachkräfteproblematik
Eine weitere Herausforderung ist der demografische Wandel: Die Belegschaften werden immer älter, weshalb es immer wichtiger wird, die Mitarbeiter durch Fortbildungen fit zu halten. Die meisten Firmen sind darauf jedoch kaum vorbereitet. "Wir versuchen, unseren Personalbestand möglichst jung zu halten. Junge Leute sind günstiger – und ab einem gewissen Alter wird man bequemer oder auch unbequemer", so ein Unternehmensvertreter.
Diese Haltung bestätigt Personalvermittler Krumbach. Personen ab 50 Jahren seien oft schwer vermittelbar. Doch es gebe auch andere Beispiele: Firmen, die Mitarbeiter mit langjähriger Erfahrung suchten und flexible Teilzeitangebote für Ältere böten, zumal diese wiederum bereit seien zu Gehaltsabstrichen.
Chile ist kein junges Land mehr – Fakten zum demografischen Wandel
Die Geburtenrate in Chile ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gesunken. Laut einer vorläufigen Schätzung des chilenischen Finanzministeriums lag sie 2024 nur bei 0,9 Kindern pro Frau. Das Ergebnis ist eine Verschiebung der Alterspyramide nach oben und eine Verringerung der erwerbstätigen Bevölkerung. Gegenwärtig liegt der Altersdurchschnitt bei 38,1 Jahren.
Prognosen des Finanzministeriums zufolge wird die Bevölkerung Chiles bis 2041 auf 20,5 Millionen Menschen steigen und danach abnehmen. Aktuell leben rund 18,5 Millionen Menschen im Land, so das Ergebnis der Bevölkerungszählung Censo 2024.
Gegenwärtig liegt das Renteneintrittsalter bei 60 Jahren für Frauen und bei 65 Jahren für Männer. Seit Jahren wird eine Anhebung diskutiert, stößt aber auf starken Widerstand. Andererseits arbeiten viele Menschen über das Renteneintrittsalter hinaus – häufig, weil ihre Rente zu niedrig ist.
Regionale Disparitäten
Erschwert wird die Suche nach geeignetem Personal ferner durch die starken regionalen Disparitäten: Die Nachfrage der Bergbaufirmen beispielsweise konzentriert sich auf den dünn besiedelten Norden. Auch erneuerbare Energie wird überwiegend in Solar- und Windparks im Norden oder im Süden gewonnen.
Die Firmen bemühen sich, ihr Personal möglichst aus der Region zu rekrutieren, doch häufig ist dies nicht möglich. So sind die Flugzeuge nach Santiago voll mit Menschen, die im Rhythmus 7x7, 10x10 oder 14x14 arbeiten (7x7 bedeutet, sieben Tage Arbeit, sieben Tage frei bei einem Zwölf-Stunden-Tag; die anderen analog). Doch auch solche Lösungen sind teuer.
Kennziffern des chilenischen Arbeitsmarktes
Die Arbeitslosigkeit in Chile ist vergleichsweise hoch. Laut Internationalem Währungsfonds lag sie 2025 bei 8,5 Prozent. Das ist mehr als in Argentinien (7,4 Prozent), Brasilien (6,0) und Peru (5,9 Prozent). Im Jahr 2026 könnte sie auf 8,1 Prozent sinken. Besorgniserregend ist die Arbeitslosenquote von rund 20 Prozent in der Altersgruppe der 15- bis 24jährigen. Hauptgrund ist neben der nur zuletzt nur mäßig wachsenden Wirtschaft und der Anhebung des Mindestlohns die zunehmende Automatisierung.
Neben dem offiziellen Arbeitsmarkt existiert ein informeller Sektor; dieser konzentriert sich auf Frauen, Jugendliche und ältere Menschen. Laut Statistikamt INE sind von den aktuell knapp 9,4 Millionen Beschäftigten rund 26 Prozent informell beschäftigt. Im lateinamerikanischen Vergleich ist dies jedoch ein niedriger Wert.
Der Handel und der Dienstleistungssektor sind die wichtigsten Arbeitgeber in Chile. Laut Cámara Nacional de Comercio, Servicios y Turismo waren in diesen Sektoren 2025 rund 6,5 Millionen Menschen tätig. Im produzierenden Gewerbe arbeiteten dagegen nur 0,9 Millionen Menschen, 0,7 Millionen im Bau und knapp 0,5 Millionen in der Landwirtschaft. Der volkswirtschaftlich so bedeutende, aber bereits stark mechanisierte Bergbau hat lediglich 0,3 Millionen Beschäftigte.
Chile im weltweiten VergleichFolgende Karte ermöglicht den Vergleich zwischen zahlreichen Ländern weltweit. Bitte beachten Sie, dass die Werte in der Karte aus international standardisierten Quellen stammen und somit ggf. von Angaben aus nationalen Quellen im Text abweichen können.
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Von
Stefanie Schmitt
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Santiago de Chile