Interview | China | 15. Fünfjahresplan
Neuer Fünfjahresplan: "Deutsche Firmen müssen effizienter werden"
Chinas 15. Fünfjahresprogramm setzt auf höhere Industrieeffizienz und intensiviert den Wettbewerb. Darauf weist Corinne Abele hin, Auslandsmitarbeiterin der GTAI)in Shanghai.
20.03.2026
Von Christina Otte | Bonn
Corinne Abele arbeitet seit über 25 Jahren für Germany Trade & Invest (GTAI) in der Region Greater China und leitet seit 11 Jahren den Außenwirtschaftsbereich des Standorts Shanghai. Die Journalistin und Volkswirtin hält regelmäßig Vorträge zu Wirtschaftsentwicklung und Wettbewerb in China sowie zu Spezialthemen wie Innovation, Klima- und Umweltschutz oder künstliche Intelligenz (KI).
Was sind die wichtigsten Themen des 15. Fünfjahresplans?
Im Kern greift das Programm bekannte Themen auf: höhere inländische Wertschöpfung, den Ausbau strategischer Zukunftsindustrien, effizientere traditionelle Industrien durch KI und Robotik sowie die Stärkung der Binnennachfrage. Neu ist jedoch die Prioritätensetzung.
Ganz oben stehen nun der Aufbau technologischer Souveränität und eine nachhaltige Nachfrageentwicklung. Ziel ist eine Abkehr von kurzfristigen, subventionsgetriebenen Impulsen, wie wir sie 2025 gesehen haben. Das Programm betont zudem die Verbesserung der Einkommenslage sowie eine Stabilisierung von Aktien- und Immobilienmärkten als Basis für höheren Konsum. Die Schwächen der Sozialsysteme, insbesondere im Gesundheitsbereich, werden indirekt adressiert. Konkrete Reformen fehlen jedoch.
Das Programm ist auch ein Bekenntnis Chinas zu traditionellen Industrien. Was hat China hier vor?
Dieses Bekenntnis ist für deutsche Unternehmen kurz- bis mittelfristig die größte Herausforderung. Es bedeutet, dass Peking alles daran setzen wird, seine Industrieproduktion noch effizienter zu machen. KI und Robotik sollen die Arbeitsproduktivität erhöhen. Eine intelligente Kreislaufwirtschaft soll den Ressourceneinsatz reduzieren, Smart Grid die Stromversorgung optimieren. Das werden wir spüren.
Die chinesische Regierung plant, diesen Prozess nicht nur zu fördern, sondern auch zu steuern. So sollen regionale Industriecluster entstehen: etwa energieintensive Kohlechemiekomplexe im Nordwesten, in denen Kohle und erneuerbare Energien zusammentreffen. Unter dem Leitmotiv eines einheitlichen Binnenmarkts nimmt sie zudem Provinzprotektionismus, Überkapazitäten und ruinösen Preiswettbewerb ins Visier.
Für deutsche Unternehmen bedeutet das, dass sie ihre Effizienz steigern müssen – am besten mit "China Speed". Die Nutzung günstiger chinesischer Hightech-Komponenten könnte dabei ein wichtiger Hebel sein.
Ist das 15. Fünfjahresprogramm ein "grünes" Fünfjahresprogramm?
Wir diskutieren das 15. Fünfjahresprogramm gerne mit einem Fokus auf Zukunftstechnologien wie KI, Robotik, Biotech, Quantencomputer oder Fusionsenergie. Aus meiner Sicht kommt etwas zu kurz, dass das Programm einen klaren Rahmen für die weitere Dekarbonisierung von Wirtschaft und Gesellschaft schafft. Dieser entsteht insbesondere in Kombination mit dem am 12. März 2026 vom Volkskongress erlassenen "Gesetzeskodex für Ökologie und Umwelt". Das Thema ist zwar nicht mehr ganz neu, auf jeden Fall bleibt es jedoch bedeutend.
Bis 2030 soll die CO2-Intensität pro Einheit des Bruttoinlandsprodukts um 17 Prozent sinken. Das verbindliche Ziel aus dem 14. Fünfjahresprogramm, die Energieintensität um 13,5 Prozent zu senken, wurde gestrichen. Manche sehen darin ein Zugeständnis an den höheren Einsatz von KI und die dafür nötige hohe Energiemenge. Andere wiederum verweisen darauf, dass für das Erreichen des Klimaziels vor allem die damit verbundenen CO2-Emissionen ausschlaggebend sind.
Der Anteil nicht-fossiler Energieträger am Primärenergieverbrauch soll von derzeit 21,7 Prozent auf 25 Prozent steigen. Das gilt aus Ausgangspunkt für weitere Schritte.
Setzt Chinas Festhalten an der weiteren Dekarbonisierung den grünen Umbau unserer Wirtschaft unter Druck?
Dass China die Dekarbonisierung wichtiger Industrien wie Chemie, Stahl oder Aluminium konsequent vorantreibt, könnte langfristig erhebliche Auswirkungen haben. Die EU hat mit dem Cross-Border-Ausgleichsmechanismus (CBAM) ein Instrument geschaffen, das eine Nachfrage nach CO₂‑ärmeren Produkten sichern soll. Während in Europa privatwirtschaftlich finanzierte Projekte aufgrund der globalen Wirtschaftskrise zunehmend vor dem Aus stehen, springt in China der Staat ein. So stehen dort bei grünem Stahl und grünem Wasserstoff Staatsunternehmen an der Spitze. Angesichts der schwachen Nachfrage im Inland sieht China Europa als Absatzmarkt. Dass Europa auch Technologiepartner sein könnte, daran müssen wir arbeiten.
Noch eine Verständnisfrage zum Schluss: Ist denn nun "Fünfjahresprogramm" oder "Fünfjahresplan" der korrekte Begriff?
Geläufig sind beide Begriffe, aber tatsächlich ist die wortwörtlich korrekte Übersetzung "Fünfjahresprogramm". Bereits vor Xi Jinpings Regierungsantritt hat China 2006 die Bezeichnung gewechselt – von Plan (Jihua) zu Programm (Guihua). Darin spiegelt sich die Entwicklung von einer Top-Down-Planwirtschaft hin zu einer sozialistischen Marktwirtschaft wider. Elemente wie Erwartungsmanagement, Führung und Koordinierung unterschiedlicher Akteure spielen eine größere Rolle.
Interessanterweise verabschiedete der Nationale Volkskongress am 12. März 2026 nicht nur das 15. Fünfjahresprogramm, sondern auch das erste "National Development Planning Law".
Es legt erstmals gesetzlich fest, wie Fünfjahresprogramme erstellt, geprüft, genehmigt und umgesetzt werden. Planänderungen sind nur über ein festgelegtes Verfahren möglich. Ob dies die Verbindlichkeit in den Industriesektoren und Regionen stärkt, bleibt offen.
- China
- Wirtschaftsumfeld
- Außenwirtschafts-, Industriepolitik
- Wirtschaftsumfeld