Wirtschaftsausblick | Indonesien
Risiken für die indonesische Konjunktur nehmen zu
Indonesiens Wirtschaft gilt eigentlich als robust. Abwertung der Währung, teure Ölimporte und ein wachsendes Haushaltsdefizit gefährden jedoch das Wachstum.
11.06.2026
Von Oliver Döhne | Jakarta
Top-Thema: Nahostkrieg schwächt die Währung und belastet den Haushalt
Indonesiens Wirtschaft spürt die Folgen des Nahostkriegs mehrfach. Angesichts globaler Unsicherheiten fließt Kapital ab, was die Landeswährung Rupiah schwächt. Das wiederum verteuert Importe, auf die Indonesien in vielen Bereichen angewiesen ist. Die hohen Ölpreise gleicht die Regierung aus, um die Benzinspreise gering zu halten. Die Gelder für Subventionen fehlen an anderen Stellen und eine anhaltende Krise am Golf würde das Haushaltsdefizit gefährlich aufblähen.
Wirtschaftsentwicklung: Konsum und Staatsausgaben stabilisieren die Märkte
Grundsätzlich bleibt die indonesische Wirtschaft, die sich seit zweieinhalb Jahrzehnten auf einem soliden Wachstumspfad um die 5 Prozent bewegt, auch in der aktuellen globalen Krise resilient. Der große, aufnahmefähige Inlandsmarkt wirkt sich besonders stabilisierend aus. Auch die erhöhten Staatsausgaben stützen seit Anfang 2026 die Konjunktur.
Seit März 2026 schwächen sich Konjunkturindikatoren aber etwas ab. Unter anderem mehren sich Zweifel an der Nachhaltigkeit der aktuellen Wirtschaftspolitik. Zwar behalten die Ratingagenturen Moody´s und Fitch die Bonitätsbewertung "Investment Grade" für Indonesien bei, stuften den Ausblick im Februar beziehungsweise März aber als negativ ein. Als Gründe nennen sie mehr Zentralisierung, weniger Transparenz und erratische Entscheidungen.
Dennoch erwarten die meisten Analysten für 2026 und 2027 wieder ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes /BIP) von jeweils rund 5 Prozent. Es sei denn, es kommt zu weiteren Eskalationen am Golf und Dämpfern im Welthandel.
Weniger Portfolioinvestitionen, mehr direkte Investments
Während kurzfristiges Anlagekapital derzeit abfließt, kommen nach wie vor viele Direktinvestitionen ins Land. Im Fokus der Investoren steht der Rohstoffsektor, zurzeit werden beispielsweise zahlreiche große Aluminiumproduktionsanlagen geplant. Eine zunehmende Rolle bei diesen strategischen Großprojekten spielt der 2025 gegründete Staatsfonds Danantara, der Investitionen der indonesischen Staatskonzerne koordiniert, Finanzierungen strukturiert und mehr ausländisches Kapital ins Land holen soll.
Anfang 2026 startete Danantara seine erste von mehreren Investitionswellen. Schwerpunkte sind Energiesicherheit und Downstreaming, also eine tiefere Verarbeitung von Rohstoffen im Land. Bestimmte Rohstoffe dürfen künftig aber nur über eine neue staatliche Stelle ins Ausland verkauft werden. Seit Anfang Juni 2026 gilt dies für Palmöl, Ferronickel und Kohle. Der Einfluss der neuen Rohstoffexportstelle auf Preise, Mengen und das Investitionsklima bleibt abzuwarten.
Finanzierungskosten von Investitionen sind gestiegen, da die Zentralbank angesichts des Drucks auf die Währung den Leitzins Anfang Juni um 0,5 Prozentpunkte auf 5,25 Prozent erhöhen musste.
Positiv ist, dass ausländische Investoren seit 2025 weniger Mindestkapital bei der Gründung einer Firma aufbringen müssen. Weitere Investitionsanreize bieten die zahlreichen Sonderwirtschaftszonen. Größere Investitionsfelder sind neben Bergbau und Metallurgie auch Chemie, Pharma, Lebensmittelverarbeitung, Logistik, Tourismus und maritime Sicherheit.
Abkühlung des Konsums auch wegen des fragilen Arbeitsmarktes
Der private Konsum ist der wichtigste Konjunkturmotor, denn er macht mehr als die Hälfte der BIP-Nachfrage. Die Zuversicht der Konsumenten fällt seit dem Ende des 1. Quartals 2026 allerdings vorsichtiger aus. Auch Impulse, die vom Arbeitsmarkt ausgehen, sind uneinheitlich. Die offizielle Arbeitslosigkeitsrate liegt unter 5 Prozent, die Unterbeschäftigung dürfte aber größer sein. Zudem sind die meisten Arbeitskräfte in informellen, nicht erfassten Niedriglohnsektoren beschäftigt.
Löhne und Gehälter steigen 2026 in geringerem Tempo. Die Zunahmen fallen regional und je nach Branche aber sehr unterschiedlich aus. Auch die Inflation steigt, befindet sich aber noch im Zielkorridor der Zentralbank von 1,5 bis 3,5 Prozent. Dennoch droht 2026 preisbereinigt eine schwächere Zunahme der Kaufkraft der Verbraucher als in den Vorjahren.
Außenhandelsüberschuss sinkt
Die abgewertete Landeswährung Rupiah verteuert zudem Importe und verbilligt Exporte. Während der rohstofflastige Export mit starken Schwankungen der Preise und der Nachfrage kämpft, muss Indonesien mehr Mittel für Importe von Kapitalgütern sowie von Öl und Gas aufwenden. Der Überschuss im Außenhandel dürfte daher 2026 etwas geringer ausfallen.
Deutsche Perspektive: Geduld mitbringen, um Potenziale auszuschöpfen
Der Ausbau der Inlandsproduktionen wird die Nachfrage nach Kapitalgütern aus dem Ausland und Deutschland am Laufen halten. Das Land besitzt großes Potenzial, verlangt aber besonders viel Zeit und Geduld, unter anderem um das notwendige Vertrauen aufzubauen. Firmen, die einmal die kulturellen und bürokratischen Eintrittshürden genommen haben, berichten von guten Geschäften. Deutsche Unternehmen unterhalten hauptsächlich Vertriebsbüros, vor Ort produzieren nur wenige. Auch als Exportdrehscheibe für die ASEAN-Staaten ist Indonesien bisher nur in einigen Fällen eine Option.
Handelsabkommen mit EU ist ein Meilenstein
Das Freihandelsabkommen zwischen Indonesien und der EU wird voraussichtlich Anfang 2027 in Kraft treten und wird direkt rund 80 Prozent der Importe aus der EU vom Zoll befreien. Die übrigen 20 Prozent folgen nach 3 bis 15 Jahren. Das Abkommen bringt auch Fortschritte im Dienstleistungs- und Digitalsektor, bei der Anerkennung internationaler Standards und Tests sowie dem Schutz geistigen Eigentums.
Es dürfte auch die willkürliche und zeitintensive Bürokratie eingrenzen. Details des Abkommens sind indes noch nicht bekannt, Indonesien könnte punktuell Vorgaben zum Mindestanteil lokaler Wertschöpfung bei öffentlichen Beschaffungen senken oder abschaffen. Wie wirksam das Abkommen in der Praxis ist, wird sich zeigen, wenn die Vereinbarungen in nationales Recht überführt und angewendet werden.