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Kanadas E-Mobilitätskurs schafft neue Chancen für deutsche Firmen

Kanada verabschiedet sich von E‑Auto‑Quoten und setzt auf neue Prämien und Infrastruktur. Das eröffnet deutschen Zulieferern, Software‑ und Ladeanbietern Möglichkeiten.

Von Heiko Steinacher | Toronto

Kanada richtet seine Industrie‑ und Mobilitätspolitik neu aus: Die Regierung schafft die bisherigen Verkaufsquoten für Elektrofahrzeuge ab, führt Kaufprämien wieder ein, verschärft die Emissionsstandards ab Modelljahr 2027 und investiert Milliarden in Ladeinfrastruktur sowie industrielle Transformation. Das Maßnahmenpaket wurde am 5. Februar 2026 vorgestellt und geht nun in die Umsetzung. Diese Weichenstellung schafft neue Ansatzpunkte für deutsche Anbieter – von Komponenten über Ladeinfrastruktur bis zu Software und Anlagenbau.

Prämien zurück, Quoten gestrichen, Standards verschärft

Die Bundesregierung in Ottawa ersetzt die bisherige Quote für Nullemissionsfahrzeuge durch ein deutlich strengeres Emissionssystem für die Modelljahre 2027 bis 2032. Ziel ist es, den Anteil elektrifizierter Fahrzeuge bis 2035 auf 75 Prozent und bis 2040 auf 90 Prozent zu steigern.

Parallel dazu kehren Kaufprämien zurück:

  • bis zu 5.000 kanadische Dollar (kan$; rund 3.100 Euro) für batterie‑ oder brennstoffzellenbetriebene Fahrzeuge
  • bis zu 2.500 kan$ (rund 1.550 Euro) für Plug‑in‑Hybride

Die Prämien gelten für Importautos mit Listenpreis unter 50.000 kan$. Umgerechnet entspricht dies rund 31.000 Euro (Wechselkurs der Deutschen Bundesbank für den 12.2.26: 1 Euro = 1,6128 kan$). Für in Kanada gefertigte Modelle gilt keine Preisgrenze. Die Kaufprämien treten im Februar 2026 in Kraft, mit jährlich sinkenden Fördersätzen bis 2030. Hinzu kommt ein neues Programm im Volumen von 2,3 Milliarden kan$, das über fünf Jahre Verbraucher und Unternehmen beim Kauf elektrifizierter Fahrzeuge unterstützt.

Fahrzeuge aus Ländern ohne Freihandelsabkommen, darunter auch China, sind künftig von der Förderung ausgeschlossen. Zwar gibt es punktuelle Annäherungen zwischen Ottawa und Peking, doch ein umfassendes Handelsabkommen besteht nicht. Damit bleiben chinesische Modelle außen vor – was europäischen Herstellern im Wettbewerb zugutekommt.

Um den Hochlauf der E‑Mobilität abzusichern, stellt Ottawa umfangreiche Mittel bereit:

  • 1,5 Milliarden kan$ für die landesweite Lade- und Wasserstofftankinfrastruktur (über die Canada Infrastructure Bank)
  • bis zu 3,1 Milliarden kan$ für die Transformation und Diversifizierung der Automobilindustrie

Die Programme sind vollständig finanziert, erste Umsetzungen können 2026 anlaufen.

Warum Kanada diesen Kurswechsel vollzieht

Der Strategiewechsel erfolgt vor dem Hintergrund deutlich rückläufiger E‑Auto‑Absätze: 2025 gingen die landesweiten Verkäufe von Nullemissionsfahrzeugen um 23 Prozent zurück – ein Warnsignal für Politik und Industrie. Hinzu kommen US‑Zölle auf nicht in den USA hergestellte Komponenten und ein zunehmender industriepolitischer Druck aus Washington. Die Automobilindustrie beider Länder ist so eng miteinander verflochten, dass einzelne Autoteile während der Produktion bis zu achtmal die Grenze überqueren.

Seit April 2025 belegen die USA in Kanada gefertigte Fahrzeuge beim Import mit einem 25‑Prozent‑Zoll auf den Wert der Komponenten mit nicht-US‑Herkunft. Damit werden auch rein kanadische – und eigentlich nach USMCA voll präferenzberechtigte – Teile erfasst. Dies stellt faktisch einen Bruch mit der USMCA‑Logik dar und erhöht den politischen Druck auf Ottawa.

Die kanadische Bundesregierung reagiert nun mit einem Mix aus Kaufanreizen, Infrastruktur, lokalisierter Wertschöpfung und strengeren Standards, um Nachfrage, Produktion und Investitionen zugleich zu stabilisieren.

Auch international stößt Kanadas Kurswechsel auf Interesse. Nach einem Bericht der kanadischen Tageszeitung The Globe and Mail bezeichnete die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche die neue Autostrategie als sehr attraktiv und bestätigte, dass deutsche Automobilhersteller derzeit Gespräche über eine mögliche Ausweitung ihrer Präsenz in Kanada führten. Details wurden nicht genannt, jedoch sollen bereits konkrete Optionen geprüft werden. Dies unterstreicht die industriepolitische Signalwirkung der jüngsten Maßnahmen.

Wo jetzt Chancen für deutsche Unternehmen entstehen

  • Ladeinfrastruktur & Netztechnik

    Die Fördermittel lösen eine neue Welle an Kommunal‑ und Versorgerausschreibungen aus. Zahlreiche Regionen – etwa Peel Region in Ontario oder Metro Vancouver – planen oder vergeben derzeit Projekte zu Schnellladestationen, gewerblichen Ladeparks und kommunalen Lösungen.

    Deutsche Unternehmen können hier mit schlüsselfertigen Systemen, Trafotechnik, Lastmanagement und Backend‑Software punkten.

     

  • Elektrifizierte Komponenten & Leistungselektronik

    Mit dem Umbau der Produktionslinien in Ontario (GM, Ford, Toyota, Honda, Stellantis) steigt der Bedarf an Invertern, Hochvoltkomponenten, Kühlmodulen, Leichtbauteilen und Kabelsystemen.

    Über Partnerschaften mit kanadischen Tier‑1‑Zulieferern oder eigene Montagekapazitäten kommen deutsche Anbieter besser in den Markt.

     

  • Digitalisierung, Testtechnik & Software

    Die neuen Emissionsstandards erhöhen den Bedarf an Testständen, Diagnosesoftware, Simulationstools und Cybersecurity‑Produkten. Auch OTA‑Lösungen (Over‑the‑Air‑Updates), mit denen Hersteller Software drahtlos aktualisieren und Funktionen nachliefern können, gewinnen an Bedeutung.

    Kooperationen mit Universitäten und Forschungseinrichtungen in Ontario, Québec und British Columbia können den Einstieg erleichtern.

     

  • Batteriewertschöpfung & industrielle Prozesse

    Die Großinvestitionen von Volkswagen PowerCo und NextStar (Stellantis/LG) sorgen für steigende Nachfrage nach Automatisierungstechnik, Beschichtungsanlagen, Trocknung, Qualitätssicherung und chemisch‑technischen Verfahren.

Trotz Debatten: viel Rückenwind

Umweltverbände kritisieren die Abschaffung der Quote für Nullemissionsfahrzeuge als Rückschritt. Industrie, Zulieferer und Ladebranche hingegen begrüßen die Kombination aus Kaufprämien und Infrastrukturinvestitionen, weil sie kurzfristige Nachfrageimpulse mit langfristiger Planbarkeit verbinde.

Entscheidend wird nun die Umsetzung. Vieles spricht dafür, dass sie gelingt:

  • Die Programme sind finanziert.
  • Die Standards verschärfen technologischen Anpassungsdruck.
  • Lokale Wertschöpfung wird politisch bevorzugt.

Für deutsche Unternehmen entsteht so ein ungewöhnlich günstiger Mix aus wachsenden Marktchancen und klaren politischen Signalen, besonders für Anbieter von Elektrifizierungstechnologien, Software sowie Fertigungs‑ und Systemtechnik.

Was deutsche Unternehmen jetzt beachten sollten

  1. Lokale Präsenz als Vorteil

    Viele Förder- und Beschaffungsprogramme bevorzugen Anbieter mit kanadischer Wertschöpfung. Niederlassungen, Joint Ventures oder technische Servicepunkte erhöhen die Chancen bei Ausschreibungen.

  2. Regulatorische Anforderungen früh einplanen

    Ab 2027 gelten strengere Emissions- und Prüfvorgaben. Zertifizierungen und Zulassungsprozesse sollten zeitig genug angedacht werden.

  3. US‑Handels- und Zollrisiken im Blick behalten

    Kanadische Lieferketten sind auch von US‑Zöllen betroffen. USMCA‑konforme Wertschöpfung verbessert die Wettbewerbsposition – besonders bei Exportprojekten.

  4. Förderangebote nutzen

    Programme für Investitionen, Arbeitskräftequalifizierung und Forschung bieten Einstiegsmöglichkeiten für Pilotprojekte und Produktionsaufbau.

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