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Fachkräfte
Wer in Kasachstan Angestellte für den Bürobetrieb benötigt, hat gute Chancen, sie auch zu finden. Bei technischen Berufen hingegen gestaltet sich die Personalsuche schwieriger.
23.02.2026
Von Viktor Ebel | Almaty
Kasachstan hat im Vergleich mit Deutschland eine junge Bevölkerung. Im Durchschnitt sind die Menschen in dem zentralasiatischen Land jünger als 30 Jahre. Die geburtenstarken Jahrgänge der 2000er Jahre strömen auf den Arbeitsmarkt. Das Zentrum für Personalentwicklung beim Arbeitsministerium schätzt, dass 300.000 junge Menschen jährlich ins Berufsleben starten.
Angesichts der demografischen Herausforderung entwickelt sich der Arbeitsmarkt robust. Er hat auch die Pandemie gut weggesteckt; das Gleiche gilt bislang auch für die Auswirkungen des Ukrainekrieges. Kasachstan profitiert sogar von der Verlagerung von Unternehmen und verzeichnet einen Zustrom von Fachkräften aus Russland.
Tatsächliche Arbeitslosigkeit liegt höher
Zwar lag die Erwerbslosenquote im 3. Quartal 2025 mit 4,6 Prozent auf dem niedrigsten Wert seit Jahren. Tatsächlich gibt es aber mehr Erwerbslose. In den Erhebungen des Büros für nationale Statistik Qazstat fehlen vor allem jene Stellensuchende, die sich aufgrund der nur geringen Anreize nicht arbeitslos melden.
Auch gibt es laut Arbeitsmarktexperten eine höhere Dunkelziffer unter den als selbständig gemeldeten Beschäftigten. Zu dieser Gruppe gehörten im 3. Quartal 2025 etwa 2,2 Millionen Menschen – etwa jede vierte erwerbstätige Person im Land. Von diesen üben längst nicht alle eine reguläre Tätigkeit aus. Hinzu kommt eine große Zahl informell Beschäftigter, die oft ohne Vertrag als Aushilfen arbeiten.
Die Weltbank schätzt, dass die Zahl der Arbeitslosen bis 2030 steigen wird. Sie begründet dies damit, dass kleine und mittlere Unternehmen nicht genügend Jobs schaffen werden. Gleichzeitig hält der Zustrom vom ländlichen Raum in die Großstädte an, sodass viele Arbeitssuchende nicht zum Zuge kommen dürften.
Auch in Kasachstan wandelt sich die Arbeitswelt
Viel diskutierte Trends in der Arbeitswelt wie mehr Flexibilität, mobiles Arbeiten und Work-Life-Balance haben auch in Kasachstan Einzug gehalten – wenn auch in geringerem Maße. Arbeitgebende, die gutes Personal rekrutieren und binden wollen, dürfen sich hier nicht querstellen. Das Arbeitsministerium prognostiziert, dass 2030 etwa 74 Prozent der Erwerbsbevölkerung sogenannte Millennials und Angehörige der Generation Z – nach 1980 geboren – sein werden, die auf solche Aspekte besonderen Wert legen.
Neben angemessenen Löhnen rücken auch sichere und gesunde Arbeitsbedingungen, Weiterbildungsangebote und Wertschätzung in den Fokus der Arbeitnehmenden. Wer das nicht findet, schaut sich auch anderswo um. Eine Umfrage des Arbeitsministeriums ergab, dass 64 Prozent der Befragten für ein gutes Jobangebot ins Ausland ziehen würden. Viele, darunter solche mit Hochschulabschluss, tun dies beispielsweise in Richtung Europa: Agenturen vermitteln ihnen Jobs samt Unterkunft in der Produktion, der Logistik und in der Landwirtschaft.
Mehr Praxisbezug in der Berufsbildung
Damit Kasachstan seine Talente nicht verliert, will die Regierung gegensteuern und das Matchmaking zwischen Unternehmen und Jobsuchenden verbessern. Dabei soll sich die Ausbildung zukünftig noch stärker am Bedarf der Wirtschaft orientieren. Kasachstan verfügt im Vergleich zu anderen Ländern in Zentralasien über ein gut entwickeltes Bildungssystem. Um den Praxisbezug der Berufsschulen zu verbessern, hat die Regierung in den letzten Jahren mehrere Initiativen gestartet. In ihrem Konzept für die Entwicklung des Arbeitsmarktes bis 2030 sind weitere Reformen des Bildungssystems geplant:
- Orientierungsangebot an Schulen;
- Einbeziehung von Unternehmen bei der dualen Ausbildung;
- Zusammenarbeit mit Industriekompetenzzentren, die nach dem Bedarf der Wirtschaft ausbilden;
- Durchlässigkeit zwischen Ausbildung und Studium.
Derzeit gibt es noch mehr Hochschul- als Berufsschulabsolventen. Dieses Verhältnis soll sich bis 2030 deutlich umkehren. Das Zentrum für Personalentwicklung schätzt, dass mehr als die Hälfte, der in den nächsten Jahren zu besetzenden Stellen eine Berufsausbildung voraussetzen werden. Besonders gefragt dürften Fachkräfte für die Bereiche Schweißen, Sanitärtechnik, Stuckarbeiten und Montage sein.
Hochschulwesen richtet sich stärker an Wirtschaft aus
Auch Hochschulen sind nur selten auf technische Fächer ausgerichtet. Doch neue Strukturen in der Lehre kommen voran. Mit vorne dabei ist die Deutsch-Kasachische Universität (DKU) in Almaty. Sie bietet zahlreiche Studiengänge mit Praxisbezug an – häufig auch zusammen mit deutschen Partnern. Zudem hat die DKU zwei neue Institute mit technischem Profil in den Gebieten Mangystau und Ostkasachstan gegründet. Die Hochschule Anhalt, die über drei Standorte in Sachsen-Anhalt verfügt, unterhält seit Herbst 2024 eine Zweigstelle in Almaty und bietet praxisorientierte Doppeldiploma in Elektro- und Informationstechnik sowie Biomedizinische Technik an.
Kasachstan im weltweiten VergleichFolgende Karte ermöglicht den Vergleich zwischen zahlreichen Ländern weltweit. Bitte beachten Sie, dass die Werte in der Karte aus international standardisierten Quellen stammen und somit ggf. von Angaben aus nationalen Quellen im Text abweichen können. |
Überschaubares Fachkräfteangebot erschwert Personalsuche
Die Suche nach technischen Fachkräften, engagiertem Vertriebspersonal und für den Bereich Informatik gestaltet sich schwierig. Trotz gewisser Verbesserungen entspricht die Qualifikation auch nach mehrjährigem Hochschulbesuch häufig noch nicht Erfahrungswerten aus Deutschland. Angesichts kaum vorhandener Alternativen investieren Unternehmen daher selbst in die Weiterbildung ihres Personals.
Das Fachkräftedefizit ist auch dem allgemein geringen gesellschaftlichen Ansehen für manuelle Tätigkeiten (blue- collar jobs) geschuldet. Hinzu kommt, dass Kasachstan zahlreiche technisch versierte Fachkräfte und Forschende – häufig aus der russischen Minderheit stammend – in den Jahren seit dem Zerfall der Sowjetunion verloren hat.
Kasachstan ist für Fachkräfte aus Russland attraktiv geworden
Als eine Folge des Ukrainekriegs gab es zwischenzeitlich jedoch einen spürbaren Zuzug in umgekehrter Richtung aus Russland nach Kasachstan, darunter auch viele Fachkräfte. Sie sollen bei der Besetzung anspruchsvoller Expat-Stellen in kasachischen Unternehmen gute Erfolgschancen haben, da sie sich dort auf Russisch verständigen können und keine Arbeitsgenehmigung benötigen.