Wirtschaftsausblick | Kosovo

Politische Stabilisierung verbessert Perspektiven in Kosovo

Mit der Präsidentinnenwahl endet der politische Stillstand. Investitionen und Konsum beleben die Wirtschaft. Für deutsche Firmen eröffnen sich attraktive Chancen.

Hans-Jürgen Wittmann

Von Hans-Jürgen Wittmann | Belgrad

Top-Thema: Wahl einer Staatspräsidentin beendet politische Blockade

Nach mehr als 19 Monaten politischer und institutioneller Blockade hat die Republik Kosovo wieder ein Staatsoberhaupt. Das Parlament wählte Anfang Oktober 2026 Justina Shiroka-Pula für eine Amtszeit von fünf Jahren zur Präsidentin. Wäre keine Entscheidung zustande gekommen, hätte die Verfassung außerordentliche Parlamentswahlen vorgesehen. Dies war bereits mehrfach der Fall. Weitere Instabilität wäre die Folge gewesen.

Der Wahl war ein Kompromiss zwischen Vetëvendosje, der stärksten Partei im Parlament, und der oppositionellen PDK vorausgegangen. Er betraf Änderungen am Rechtsrahmen des Kosovo-Sondertribunals in Den Haag. Dessen Befugnisse sollen nun per Gesetz beschränkt werden.

Das nun überwundene politische Patt hatte Kosovos Wirtschaft belastet. So drohte der Verlust von etwa 40 Millionen Euro aus dem EU-Wachstumsplan. Die Auszahlung dieser Mittel ist an die Umsetzung von Reformen gekoppelt.

Als größtes Entwicklungshemmnis Kosovos gilt weiterhin der ungelöste Konflikt mit Serbien. Belgrad erkennt die 2008 erklärte Unabhängigkeit des Landes nicht an. Auch fünf EU-Mitgliedstaaten verweigern Kosovo bislang die Anerkennung als souveränen Staat. Russland und China blockieren zudem einen Beitritt zu den Vereinten Nationen. Dies bringt für Kosovo spürbare wirtschaftliche Nachteile mit sich.

Die EU unterstützt die Entwicklung des Landes. Bis März 2026 hob sie die Sanktionen vollständig auf, die im Mai 2023 wegen unzureichender Schritte Pristinas zur Deeskalation der Spannungen mit der ethnisch serbischen Minderheit verhängt worden waren. Die Erlangung des Status eines EU-Beitrittskandidaten zählt zu den wichtigsten Zielen von Ministerpräsident Albin Kurti.

Steigende Ölpreise infolge des Krieges mit Iran verursachen zusätzliche Importkosten von rund 121 Millionen Euro beziehungsweise 1,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zu diesem Ergebnis kommt das German Economic Team.

Wirtschaftsentwicklung: Kosovo bleibt auf Wachstumskurs

Die kosovarische Wirtschaft wird 2027 real um 3,8 Prozent wachsen. Dies erwartet das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) in seiner Herbstprognose vom Oktober 2026. Für 2026 rechnet das Institut mit einem BIP-Zuwachs von 4 Prozent. Neben der wiedergewonnenen politischen Berechenbarkeit zählen staatliche Investitionen und der private Konsum zu den wichtigsten Wachstumstreibern.

Investitionen: Infrastrukturvorhaben im Fokus

Die Anlageinvestitionen werden laut wiiw 2027 um 5 Prozent zulegen. Schwerpunkte sind Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur, erneuerbare Energien und das Gesundheitswesen. Auch ausländische Investoren dürften wieder stärkeres Vertrauen in den Standort Kosovo fassen. Während des politischen Stillstands hatten sie sich zuletzt zurückhaltend gezeigt.

Das Verkehrsministerium plant den Ausbau des Straßen- und Schienennetzes. Vorgesehen sind der Bau einer 92 Kilometer langen Autobahn von Istog nach Prizren sowie eines 26 Kilometer langen Teilstücks von Pristina bis zur serbischen Grenze. Für eine Eisenbahnverbindung zwischen Prizren und der albanischen Hafenstadt Durres sowie für die Bahntrasse von Prizren über Gjilan bis zur serbischen Grenze sucht die Regierung Investoren.

Kosovo modernisiert das Universitätsklinikum in Pristina und sechs regionale Krankenhäuser. Die Europäische Investitionsbank und die Entwicklungsbank des Europarats stellen dafür gemeinsam Darlehen über 41 Millionen Euro bereit. Das Vorhaben ist Teil der Strategie zur Weiterentwicklung des Gesundheitswesens bis 2030.

Auch den Ausbau erneuerbarer Energien treibt die Regierung voran. Bis 2031 sollen mindestens 600 Megawatt zusätzliche Windkraftkapazitäten sowie 700 Megawatt Photovoltaikleistung entstehen. Davon entfallen 600 Megawatt auf größere Solarparks und 100 Megawatt auf Dachanlagen. Hinzu kommen mindestens 170 Megawatt flexible Batteriespeicherkapazitäten. Bei der ersten Windkraftauktion des Landes zählt das deutsch-kosovarische Konsortium Notus-Stublla zu den Bietern.

Die Hauptstadt Pristina bewirbt sich um die Ausrichtung der Mittelmeerspiele 2030. Das Sportministerium schreibt dafür Bau- und Modernisierungsprojekte aus. Dazu gehören ein Olympisches Dorf sowie Mehrzweck-Sportzentren.

Konsum: Hohe Inflation dämpft Kaufkraft der Haushalte

Auch der private Konsum wird 2027 Wachstumsimpulse setzen. Steigende Reallöhne und Rücküberweisungen der Diaspora, die rund ein Sechstel des BIP ausmachen, stützen die Nachfrage. Höhere Öl- und Kraftstoffpreise treiben jedoch die Inflation nach oben und schmälern die Kaufkraft. Das wiiw rechnet daher lediglich mit einem moderaten Anstieg des privaten Konsums.

Außenhandel: Handelsbilanzdefizit weitet sich aus

Die kosovarische Wirtschaft bleibt stark von Importen abhängig. Höhere Preise für Energieeinfuhren vergrößern das Handelsbilanzdefizit. Die Warenausfuhren dürften 2027 wie bereits im Vorjahr die Marke von 1 Milliarde Euro überschreiten. Dank der dynamisch wachsenden Digitalwirtschaft und der Bedeutung des Landes als Standort für IT-Outsourcing erwartet das wiiw Dienstleistungsexporte im Wert von rund 4,6 Milliarden Euro.

Deutsche Perspektive: Interesse am Wirtschaftsstandort Kosovo nimmt wieder zu

Unternehmen aus Deutschland zählen zu den wichtigsten ausländischen Investoren in Kosovo. Die rund 200 Firmen mit deutscher Kapitalbeteiligung sind vor allem in der verarbeitenden Industrie und im IT-Sektor tätig. Die Fleischer Elektrotechnik hat kürzlich eine Niederlassung in Pristina gegründet. Im Innovation and Training Park, einer ehemaligen Kaserne der Bundeswehr in Prizren, hat sich mit der Kosovo Aero and Services Group ein weiteres Unternehmen mit deutschem Hintergrund angesiedelt. Zudem investiert die wachsende kosovarische Möbelindustrie verstärkt in Maschinen "made in Germany".

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