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Medizintechnik: Lateinamerika bietet interessantes Potenzial

Mit 670 Millionen Einwohnern ist Lateinamerika ein wichtiger, aber komplexer Abnehmer von Medizintechnik. Deutschland ist nach den USA und China der drittwichtigste Lieferant. (Stand: 21.05.2024)

Von Edwin Schuh | Mexiko-Stadt

Eine alternde Bevölkerung, die Zunahme chronischer Krankheiten und der Ausbau der öffentlichen Gesundheitsversorgung kurbeln die Nachfrage nach Medizintechnik in Lateinamerika an. Vor allem Zahnmedizin, plastische Chirurgie und E-Health werden nach Einschätzung von Experten weiter an Bedeutung gewinnen. Ein kleiner, aber fortschrittlicher privater Gesundheitssektor bietet gute Absatzmöglichkeiten für hochwertige Spezialprodukte. 

Wichtigster Absatzmarkt ist Mexiko, gefolgt von Brasilien, Kolumbien und Chile. In Ländern wie Argentinien, Ecuador oder Venezuela wirken sich volatile Währungen und instabile politische Verhältnisse negativ auf das Geschäftsumfeld aus. Zugleich sorgen Modernisierungsbedarf und Nachhaltigkeitstrends für Impulse, so dass in der Region künftig neue Technologien wie chirurgische Robotik mehr Kunden finden könnten.

"Aktuell sehen wir einen dynamischen Absatz in Lateinamerika im Gegensatz etwa zu Europa oder Asien. Brasilien ist unser wichtigster Markt in der Region, weil wir dort eine große Fabrik für Infusionslösungen sowie 400 Vertriebsmitarbeiter haben." 

Carlos Jimenez Geschäftsführer von B. Braun Mexiko

Mexiko baut seine Position als größter Markt aus

In Mexiko stieg das Marktvolumen von Medizintechnik gerechnet in US-Dollar (US$) zuletzt schneller als erwartet. Hauptgrund hierfür ist die Aufwertung des mexikanischen Peso. Umgerechnet auf die rund 128 Millionen Einwohner fiel der Umsatz pro Kopf sogar höher aus als beim traditionellen Spitzenreiter Chile. Für Mexiko erwartet der Spezialist für Marktdaten und Industrieanalyse BMI in den kommenden Jahren das stärkste Wachstum unter den großen Ländern Lateinamerikas: Im Jahr 2027 soll in Mexiko Medizintechnik im Wert von 12,2 Milliarden US$ verkauft werden, fast 45 Prozent mehr als 2023.

Unsicherheit birgt die Präsidentschaftswahl im Juni 2024. Auch Budgetkürzungen im öffentlichen Gesundheitssektor und langwierige Prozesse bei der Zulassungsbehörde für Medizinprodukte COFEPRIS bereiten Anbietern von Medizintechnik Schwierigkeiten. Dafür fragen private Kliniken kräftig nach, wobei ein Treiber der Gesundheitstourismus ist. Allein aus den USA kommen Schätzungen zufolge jährlich rund 1 Million Gesundheitsreisende ins Land.

Unternehmen wie Medtronic, Becton Dickinson, Baxter, Fresenius, GE Healthcare, Johnson & Johnson und Siemens Healthineers produzieren in Mexiko. Das macht das Land zum größten Hersteller von Medizintechnik in Lateinamerika. Nach Angaben des mexikanischen Statistikamts lag das Produktionsvolumen 2021 bei 12,3 Milliarden US$. Rund 98 Prozent davon ist für Lieferungen in die USA bestimmt.

Dank des Nearshoring dürften sich mittelfristig weitere Firmen in Mexiko ansiedeln. So investiert Becton Dickinson 80 Millionen US$ in ein drittes Werk in der Grenzstadt Ciudad Juarez, das Ende 2024 fertig sein soll. Neue Werke hat das Unternehmen auch in Hermosillo (Sonora) und Tijuana (Baja California) eröffnet.

Nur geringes Wachstum in Brasilien erwartet

Brasilien ist mit 216 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Lateinamerikas und der zweitgrößte Absatzmarkt für Medizintechnik in der Region. Auch wenn die Gesundheitsversorgung unter Präsident Lula da Silva wieder höhere Priorität hat, rechnet BMI bis 2027 nur mit niedrigen einstelligen Wachstumsraten. Den Markt bremsen eine weniger wettbewerbsfreundliche Wirtschaftspolitik und die weiterhin hohe Arbeitslosigkeit (7,6 Prozent Anfang 2024). Mit einem Anteil von einem Zehntel hat Deutschland einen vergleichsweise hohen Anteil an den Medizintechnikimporten Brasiliens.

Laut BMI entfielen 2023 rund 1,7 Milliarden US$ des Bedarfs auf Verbrauchsmaterialien, 1 Milliarde US$ auf orthopädische Produkte und 0,9 Milliarden US$ auf Geräte zur diagnostischen Bildgebung. In der letztgenannten Kategorie kommt Siemens Healthineers auf einen Marktanteil von rund einem Drittel. Das Unternehmen stellt Röntgengeräte und Ultraschallgeräte unter anderem in Joinville (Bundesstaat Santa Catarina) her.

Gesundheitsreform in Kolumbien gescheitert

In Kolumbien soll das Marktvolumen für Medizintechnik in den kommenden Jahren auf 2 Milliarden US$ steigen. Damit ist das Land der drittgrößte Markt in Lateinamerika. Die über 50 Millionen Kolumbianer wurden verstärkt in das Gesundheitssystem integriert, so dass mittlerweile rund 95 Prozent der Bevölkerung krankenversichert sind. Die Gesundheitsinfrastruktur ist noch stark ausbaufähig. Vor allem in der Hauptstadt Bogotá investiert das Land in zahlreiche Krankenhäuser, insbesondere in den ärmeren Stadtteilen.

Eine von Präsident Gustavo Petro angestrebte Gesundheitsreform wurde im April 2024 durch den Senat abgelehnt. Die Gesundheitsbranche zeigt sich darüber jedoch erleichtert, da die Reform nach Ansicht von Experten zu mehr Ineffizienz und Korruption geführt hätte. Ziel von Petro war es, die privaten Krankenkassen "Entidades Promotoras de Salud" (EPS) durch eine staatliche Gesundheitskasse abzulösen.

Wirtschaftliche Turbulenzen in Argentinien

Trotz der relativ kleinen Bevölkerung von nur 20 Millionen Einwohnern zählt Chile aufgrund der hohen Pro-Kopf-Ausgaben im Gesundheitsbereich zu den interessanteren Märkten. Das Land profitiert aktuell von hohen Kupferpreisen, die auch das Regierungsbudget stärken. Mittelfristig sind die Aussichten für die Verkäufe von Medizintechnik daher positiv. Gleichzeitig besteht ein kaum auflösbarer Reformstau, der auch das Gesundheitswesen betrifft. Zusammen mit der ausufernden Bürokratie unter der Regierung von Gabriel Boric verunsichert das die Wirtschaft und verhindert ein dynamischeres Wachstum.

In Argentinien erschweren die dramatische Abwertung des argentinischen Peso und eine der höchsten Inflationsraten weltweit (Februar 2024: 276 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat) ausländischen Unternehmen das Geschäft. Zudem führt der neue Präsident Javier Milei drastische Sparmaßnahmen ein. BMI erwartet daher 2024 einen starken Einbruch der Medizintechnikverkäufe auf 542 Millionen US$. In den folgenden Jahren sollen sie wieder das Niveau von 2023 erreichen.

Strategien deutscher Medizintechnikhersteller in der Region

Firmen wie B. Braun, Siemens Healthineers, Fresenius oder Dräger sind seit Jahrzehnten in der Region aktiv, häufig mit eigener Produktion vor Ort. B. Braun weihte 2022 in der Dominikanischen Republik eine neue Produktionsstätte ein, deren Personal derzeit von 1.300 auf 2.500 Personen aufgestockt wird. Sie liegt in der Freihandelszone Zona Franca Las Américas und beliefert ausschließlich die USA. Der Standort biete ideale Bedingungen für die Produktion und den Export, so das Unternehmen. Auch in Kolumbien (chirurgisches Nahtmaterial) und Argentinien (Infusionslösungen) produziert B. Braun lokal. Mittelfristig erwägt das Unternehmen neue Produktionsstätten in Peru und in Mexiko.

Fresenius Medical Care (FMC) hingegen verkaufte im März 2024 das Netz an Dialysekliniken in Brasilien, Kolumbien, Chile und Ecuador für 300 Millionen US$ an den US-Konkurrenten DaVita. Ziel der Transaktion sei es, "Komplexität zu verringern und Profitabilität zu erhöhen", so Helen Giza, Geschäftsführerin von FMC in einer Pressemitteilung. Insgesamt seien 154 Dialysekliniken mit 7.100 Mitarbeitern betroffen. Aus Argentinien hatte sich FMC bereits Ende 2023 verabschiedet, betreibt jedoch weiterhin Produktionswerke für Dialyselösungen in Bogotá (Kolumbien), Guadalajara (Mexiko) und im Bundesstaat São Paulo (Brasilien).

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