Wirtschaftsausblick I Marokko

Marokko richtet sich auf weltwirtschaftliche Verwerfungen ein

Marokkos Wirtschaft wird 2026 nach Schätzungen des IWF um mehr als 4 Prozent wachsen, mit dem Fokus auf Infrastruktur, Gesundheit und Bildung. Im Herbst stehen Parlamentswahlen an.

Von Ullrich Umann | Casablanca

Top-Themen: Großprojekte bleiben der wichtigste Konjunkturtreiber

Marokkos Wirtschaftsentwicklung wird 2026 durch hohe öffentliche und öffentlich flankierte Investitionen geprägt. Die Vorbereitungen auf die Fußball-WM 2030 halten den Ausbau von Verkehrs-, Tourismus- und Stadtinfrastruktur auf hohem Niveau. Der Staat setzt damit seine wachstumsstützende Investitionspolitik fort und bewirbt diesen Kurs erfolgreich auf dem internationalen Kapitalmarkt. Auch internationale Institutionen und marokkanische Medien verweisen auf die Tragfähigkeit dieses investitionsgetriebenen Wachstumspfads, vorausgesetzt, die makroökonomische Stabilität kann angesichts der weltwirtschaftlichen Verwerfungen gewahrt bleiben.

So belastet der anhaltende Krieg in Iran die Konjunktur 2026 stärker als erwartet. Die Zentralbank (Bank Al-Maghrib) warnt vor den Folgen volatiler Rohstoffpreise für Inflation, Leistungsbilanz und öffentliche Finanzen, denn Marokko deckt seinen Bedarf an Rohöl, Erdgas, Ammoniak und Harnsäure hochgradig über seegestützte Importe. In marokkanischen Analysen wird deshalb nicht mehr nur von einem externen Schock, sondern von einem Belastungstest für die wirtschaftliche Resilienz des Landes gesprochen.

Der hohe Ölpreis belastet die Binnenwirtschaft doppelt: über höhere Transport- und Produktionskosten sowie über eine Schwächung der Realeinkommen privater Haushalte. Auch steigt der Druck auf die Staatsfinanzen, weil die Regierung mit Preisstützen und Ausgleichsmechanismen gegensteuert. Im Mai 2026 wurden 20 Milliarden Dirham (circa 2 Milliarden Euro) an Haushaltsmitteln freigegeben, um die Folgen des Nahostkonflikts im Inland abzufedern.

Trotz dieser Risiken bleibt Marokko ein attraktiver Zielort für Produktionsverlagerungen aus Europa und für Industrieinvestitionen mit Exportfokus. Die Fertigungsindustrie kehrte Anfang 2026 zu einer robusten Exportdynamik zurück, nachdem europäische Absatzmärkte 2025 schwächelten. 

Besonders die Automobilindustrie, der Flugzeugbau und der Tourismus wirken als Stabilisatoren in einem schwierigen Außenumfeld. Zugleich zeigt sich aber auch, dass diese Wachstumssektoren die Anfälligkeit der Wirtschaft für externe Energie- und Nachfrageschocks nicht völlig aufheben, sondern nur teilweise kompensieren können.

Vor den Parlamentswahlen 2026 richtet die Regierung ihren Fokus erkennbar stärker auf Beschäftigung, Kaufkraft und soziale Abfederung. Das entspricht den Empfehlungen des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Marokko zwar eine robuste wirtschaftliche Basis bescheinigt, zugleich aber auf die unzureichende Beschäftigungswirkung des bisherigen Wachstums hinweist. 

Wirtschaftsentwicklung: Wachstum bleibt, das Risiko aber auch

Für 2026 und 2027 bleibt ein Wachstum im Bereich von 4 bis 5 Prozent möglich. Der IWF erwartet eine BIP-Steigerung von 4,9 Prozent im laufenden und von 4,5 Prozent im Jahr 2027, während die Statistikbehörde HCP und die Zentralbank höhere Werte nennen. Das 1. Quartal 2026 fiel mit geschätzten 5 Prozent im Vorjahresvergleich stark aus, gestützt durch eine außergewöhnlich gute Agrarsaison. 

Marokko wird seine Importabhängigkeit bei Energie, Ausrüstungen, Vorprodukten und zahlreichen Konsumgütern 2026 nicht abbauen können. Der Iran-Krieg erhöht sogar das Risiko einer Ausweitung des Handelsbilanzdefizits, wodurch außenwirtschaftliche Ungleichgewichte stärker aufbrechen würden.

Die gute Regenperiode 2025/26 verbessert dagegen die Agrarproduktion und entlastet die Inflation über niedrigere Lebensmittelpreise. Trotzdem bleiben Wasserknappheit und Klimarisiken auf mittlere und lange Sicht im ariden und semiariden Marokko eine strukturelle Wachstumshürde. Investitionen in Stauseen, Meerwasserentsalzung, Wassertransfers und effizientere Versorgungssysteme sind somit prioritär. 

Parallel gewinnt der industrielle Umbau zur Importsubstitution fossiler Energie und von Vorprodukten an Bedeutung: Marokkanische Analysen nennen Solarenergie, Kreislaufwirtschaft, Aquakultur und lokal erzeugte grüne Ausgangsmaterialien als ertragreiche Felder, in denen zusätzliche Investitionen und Beschäftigung möglich wären. 

Deutsche Perspektive: Geschäftschancen bestehen, selbst im getrübten weltwirtschaftlichen Umfeld

Für deutsche Unternehmen können 2026 vor allem staatlich oder staatsnah angestoßene Projekte interessant sein. Das gilt für Infrastruktur, Bahntechnik, Flughafenausbau, Logistik, Wasserwirtschaft, Energie, Gesundheitswesen, Bildung und Industrieausrüstungen. Die fortgesetzte Investitionsoffensive, die Industriepolitik und die Energie- und Wasserprogramme schaffen Nachfrage nach Maschinen, Komponenten, Engineering, Bau, Wartung und technischen Dienstleistungen.

Der Krieg in Iran erhöhte die Energie- und Transportkosten und verstärkte die Volatilität bei Wechselkursen und Finanzierungsbedingungen. Für deutsche Exporteure und Investoren ist es daher wichtig, Finanzierungsmodelle, Lokalisierungsoptionen und belastbare Servicekonzepte anzubieten. Chancen bestehen besonders dort, wo deutsche Lösungen zur Senkung von Energieverbrauch, Wasserstress, Betriebskosten und Importabhängigkeit beitragen.

Deutsche Unternehmen exportierten 2025 nach Angaben von Destatis Fahrzeuge im Wert von annähernd 900 Millionen Euro, Erzeugnisse der Elektrotechnik für 720 Millionen Euro, Maschinen und Anlagen für 470 Millionen Euro sowie Kunststoffe und Erzeugnisse daraus für 320 Millionen Euro. Damit wurde einmal mehr offensichtlich, dass Marokko deutsche Exportwaren mit einem hohen Gebrauchswert, Wertbeständigkeit, Produktivität und Effizienz assoziiert. Dennoch bleibt der Wettbewerb mit Anbietern aus Spanien, Frankreich, Italien, der Türkei, den USA und im wachsenden Maße auch China im laufenden Jahr intensiv. 

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