Interview | Skandinavien | Maritime Industrie

"Skandinavien hat bei der maritimen Transformation die Nase vorn"

Skandinavien setzt Maßstäbe bei maritimer Energiewende, Automatisierung und KI. Wo die Chancen für deutsche Zulieferer liegen, erklärt Katrin Caldwell, Geschäftsführerin im VDMA.

Von Judith Illerhaus | Stockholm

Sicherheitsfragen, industrielle Transformation und ambitionierte Klimaziele prägen derzeit die wirtschaftliche Entwicklung in Skandinavien. Die Region gilt nicht nur als Vorreiter bei Digitalisierung und maritimer Energiewende, sondern auch als wichtige Partner im Rahmen einer engeren europäischen Zusammenarbeit. Für die deutsche Industrie ergeben sich daraus neue strategische Perspektiven – von Verteidigung und kritischer Infrastruktur bis hin zu Automatisierung und künstlicher Intelligenz (KI). Im Interview mit Germany Trade & Invest (GTAI) beschreibt Katrin Caldwell, Geschäftsführerin des Verbands Deutsche Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) Nord und Marine Equipment and Systems, welche Rolle Skandinavien künftig für deutsche Unternehmen spielen kann.

Katrin Caldwell, Geschäftsführerin VDMA e.V., LV Nord, AG Marine Equipment and Systems Katrin Caldwell, Geschäftsführerin VDMA e.V., LV Nord, AG Marine Equipment and Systems | © HMC/Romanus Fuhrmann - VDMA e.V.

Frau Caldwell, wie schätzt der VDMA die strategische Bedeutung der skandinavischen Märkte für die deutsche Industrie ein? Lohnt sich der Blick für deutsche Unternehmen, auch trotz ihrer vergleichsweise geringen Größe?

Ja, auf jeden Fall. Skandinavien ist kein Massenschiffbaumarkt, aber ein hoch relevanter Innovations‑ und Partnermarkt. Besonders interessant sind der Marineschiffbau, der Schutz kritischer Infrastruktur und Offshore‑Themen sowie die Zukunftsfelder Automatisierung, KI und Robotik. Gerade bei Tests, Pilotprojekten und später in der Umsetzung kann die Zusammenarbeit mit skandinavischen Partnern für deutsche Unternehmen sehr sinnvoll sein.

Welche Rolle spielt Norwegen im Vergleich zu Schweden und Dänemark? Wir fragen auch deshalb nach Norwegen, weil das Land im maritimen Bereich häufig als besonders dynamisch gilt. Trifft das zu?

Norwegen ist in der Tat ein sehr relevanter Markt, insbesondere in der maritimen Zulieferindustrie. In internationalen Vergleichen rangiert das Land weit vorne, was seine Bedeutung als Zulieferstandort betrifft. Das liegt unter anderem an spezialisierten Offshore‑ und Spezialwerften sowie an einer großen Offenheit für neue Technologien. Schweden und Dänemark wiederum punkten mit starken Werften, etwa im militärischen und zivilen Spezialschiffbau, und mit einer ausgeprägten Innovationskultur. Insgesamt gilt jedoch: Alle drei Länder sind für deutsche Zulieferer interessant. Europa ist in der maritimen Zulieferung stark und innerhalb Europas lässt sich sehr gut zusammenarbeiten.

Welche Themen und Marktsegmente sind in Skandinavien derzeit besonders attraktiv?

Neben den spezialisierten Schiffbausegmenten sind drei Felder relevant: Erstens alles rund um die maritime Energiewende und Zero-Emission-Lösungen – hier ist Skandinavien Vorreiter, etwa mit elektrifizierten Fähren und strengen Vorgaben in norwegischen Fjorden. Das zweite ist die Digitalisierung inklusive Cybersecurity sowie drittens der Schutz kritischer Infrastruktur.

Skandinavien ist kein Massenschiffbaumarkt, aber ein hoch relevanter Innovations‑ und Partnermarkt.

Sie sagen, Skandinavien habe eine ausgeprägte Innovationskultur. Woran liegt das konkret? Und welche Rolle spielt dabei die Testinfrastruktur?

Technologiekompetenz gibt es auch in Deutschland sehr viel. Der Unterschied liegt häufig in der Umsetzung und dabei spielt die Testinfrastruktur eine zentrale Rolle. In Deutschland sind Tests, insbesondere bei autonomer Schifffahrt, oft mit langen Genehmigungsverfahren, vielen Zuständigkeiten und fehlenden Testgebieten verbunden. In Ländern wie Dänemark oder Norwegen gibt es dagegen ausgewiesene Reallabore, in denen neue Systeme praxisnah erprobt werden können. Ein uns bekanntes Unternehmen hat seine Testaktivitäten deshalb nach Dänemark verlagert – ein klarer Standortvorteil.

Welche Rolle spielen dabei Kooperationen und Cluster in Skandinavien?

Eine große. In Skandinavien gibt es mehrere maritime Cluster, unter anderem rund um autonome Schifffahrt. Dort wird verstärkt auf Zusammenarbeit gesetzt, auch in europäischen, grenzüberschreitenden Förderprojekten. Oft sind es gerade kleinere Unternehmen, die davon profitieren und gemeinsam schneller vorankommen.

Was bedeutet das für deutsche Unternehmen ganz praktisch?

Es ist eine große Chance, weil sich Stärken ergänzen: Deutschland bringt industrielle Technologien und Know-how ein, während skandinavische Partner in bestimmten Bereichen schneller in die Erprobung und Umsetzung kommen. Das haben wir auch bei gemeinsamen Terminen gesehen. Ein Beispiel ist die vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Markterschließungsreise nach Trondheim, wo entsprechende Netzwerke und Cluster sehr aktiv sind. Und das gilt nicht nur für die autonome Schifffahrt, sondern auch für verwandte Technologien, zum Beispiel Unterwasserdrohnen und andere maritime Anwendungen, die verlässliche Testumgebungen brauchen.

Welche Bedeutung haben Sicherheitslage und Verteidigung für die maritime Zusammenarbeit in der Region?

Der militärische Bereich gewinnt deutlich an Bedeutung. Skandinavien ist unter anderem beim Schutz kritischer Infrastruktur sehr weit vorne, Stichwort Kabel und Infrastruktur in der Ostsee. Außerdem profitieren Projekte und Budgets von sicherheitspolitischen Entwicklungen und zusätzlichen Mitteln. Besonders Norwegen hat gezeigt, wie zivile und militärische Akteure gemeinsam arbeiten können. Das ist ein Ansatz, der für europäische Kooperationen insgesamt interessant ist. 

Wie wird Umweltschutz in der Schiffbauindustrie in Skandinavien mitgedacht?

Der Trend geht klar dahin, den gesamten Lebenszyklus mitzudenken: Bau, Betrieb, Retrofit und am Ende Recycling. In Skandinavien ist man bei diesem Cradle-to-Cradle‑Ansatz, also dem Konzept einer konsequenten Kreislaufwirtschaft, oft weiter. In Deutschland ist die Kombination aus Schiffbau und Recycling auf einer Werft regulatorisch schwierig. In Dänemark hingegen wird das pragmatischer umgesetzt. Dort gibt es beispielsweise in Esbjerg eine große Schiffsrecyclingwerft, die den umweltfreundlichen Ansatz vorantreibt.

Informationen zur maritimen Industrie in Skandinavien sowie zahlreichen Projekten bietet der Artikel "Skandinaviens maritime Industrie auf Innovationskurs". 

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