Branche kompakt | Polen | Chemische Industrie

Branchenstruktur

Die klassischen Geschäftsfelder der Chemieunternehmen Polens stehen unter Druck. Vor diesem Hintergrund entwickeln die Firmen neue Produkte, zum Beispiel für die Rüstungsindustrie.

Von Christopher Fuß | Warschau

Charakteristisch für Polens Chemieindustrie ist die starke Rolle der Staatskonzerne. Das größte staatlich kontrollierte Unternehmen ist Orlen. Es produziert in den Raffinerien in Płock und Gdańsk petrochemische Erzeugnisse. Seine dominante Stellung verdankt Orlen einer Fusion mit dem Gasversorger PGNiG und der Übernahme des polnischen Ölunternehmens Lotos. Zudem betreibt Orlen ein Joint Venture mit dem saudi-arabischen Ölkonzern Saudi Aramco, der 30 Prozent an der Raffinerie in Gdańsk hält.

Gleichzeitig expandiert der Chemie- und Energiekonzern in neue Geschäftsfelder. Seit 2025 verkauft das Unternehmen an mehreren polnischen Flughäfen den nachhaltigen Flugkraftstoff SAF (Sustainable Aviation Fuel). Er entsteht aus nachwachsenden Rohstoffen, Abfällen oder aus Wasserstoff. Derzeit importiert Orlen SAF aus den Niederlanden und aus Singapur. In Płock baut der Konzern eine Anlage, die den Kraftstoff aus Pflanzenölen gewinnen wird.

Auch der zweite große staatliche Chemiekonzern des Landes, die Grupa Azoty, erschließt neue Geschäftsfelder. Das Unternehmen produziert vor allem Stickstoffdünger. Wegen wachsender internationaler Konkurrenz und einer gescheiterten Investition in die Kunststoffproduktion richtet sich Azoty neu aus. Gemeinsam mit Tochtergesellschaften des staatlichen Rüstungskonzerns PGZ (Polska Grupa Zbrojeniowa) will das Unternehmen künftig Sprengstoffe herstellen, darunter Nitrozellulose.

Polen erweitert angesichts der wachsenden Bedrohung durch Russland die Produktion von Artilleriemunition. Davon profitiert der größte polnische Hersteller von Trinitrotoluol (TNT), das Unternehmen Nitro-Chem. Für Azoty bleibt es bislang bei Absichtserklärungen mit den PGZ-Tochterfirmen. Voraussichtlich wird das Unternehmen erst dann in die Rüstungsindustrie einsteigen können, wenn der Verkauf der verlustreichen Kunststoffsparte abgeschlossen ist.

Chemiekonzerne suchen emissionsarme Energiequellen

Alle Chemieunternehmen sehen sich mit steigenden Energiepreisen konfrontiert. Um Kosten zu senken, greifen die Firmen zu unterschiedlichen Ansätzen. Qemetica, einer der größten privaten Chemiekonzerne Polens, will in Inowrocław eine Müllverbrennungsanlage bauen. Die entstehende Energie soll die Produktion verschiedener Natriumprodukte unterstützen.

Bislang erzeugt Qemetica den Strom in einem Kohlekessel. Die neue Anlage könnte diesen teilweise ersetzen. Seit November 2025 ist die Lidl-Tochter PreZero Partner bei dem Projekt.

Auch die private Synthos-Gruppe, ein polnischer Hersteller synthetischer Kautschuke, will ihre Energiekosten senken. Sie setzt dabei auf kleine modulare Atomkraftwerke SMR (Small Modular Reactor). Vor diesem Hintergrund hat das Unternehmen ein Joint Venture mit Orlen gegründet. Beide Firmen wollen Reaktoren des amerikanischen Unternehmens GE Hitachi installieren.

Nach anfänglicher Skepsis unterstützt mittlerweile auch die polnische Regierung das Vorhaben. Der erste Reaktor soll bis 2035 bei der Orlen-Tochter Anwil in Włocławek den Betrieb aufnehmen.

Durchwachsene Perspektive für Wasserstoff

Gleichzeitig investiert Orlen in emissionsfreien Wasserstoff. Der Konzern unterschrieb im Januar 2026 einen Vertrag mit den finnischen Unternehmen ABO Energy Suomi, Nordic Ren Gas und VolagHy Kuopio SPV. Gemeinsam wollen die Firmen Anlagen zur Produktion von grünem Wasserstoff, E‑Methan und synthetischen Kraftstoffen errichten. Zuvor erhielt Orlen einen Zuschuss von rund 300 Millionen Euro aus einem Wasserstoff-Programm der Förderbank BGK (Bank Gospodarstwa Krajowego).

Trotz staatlicher Unterstützung hat emissionsfreier Wasserstoff in Polen aber keinen einfachen Stand. Während Unternehmen wie Orlen neue Kapazitäten schaffen, ziehen sich andere Anbieter zurück. Der Polenergia-Konzern verkündete 2025 das Ende seiner beiden Wasserstoff-Projekte. Die Produktion sei zu teuer und die Nachfrage zu gering, erklärte das Unternehmen.

Produktion ausgewählter chemischer Erzeugnisse in Polenin 1.000 Tonnen; Veränderung in Prozent gegenüber dem Vorjahr

Sparte

2025

Veränderung 2025/2024

Stickstoffdünger

1.859,9

6

Phosphordünger

246,3

9,6

Kunststoffe, darunter:

3.153,4

0,1

  Polyethylen

294,1

-6

  Polyvinylchlorid (PVC)

178,9

-15,2

  Polypropylen

364,1

18,2

Pestizide

63

9,5

Farben und Lacke

1.412,6

29,2

Gummiprodukte, darunter:

904

-0,8

 Reifen (1.000 Stück)

51.830

3,8

Quelle: GUS 2026

 

Konsolidierung und Internationalisierung

Ein weiteres Standbein der polnischen Chemiebranche ist die Bauchemie. Hier kommt es angesichts der schwachen Baukonjunktur zu Konsolidierungen. Selena, einer der größten polnischen Bauchemiehersteller, übernahm 2025 die Unternehmen Izolacja-Jarocin und PHP TES. Dadurch erweitert der Hersteller sein Portfolio um neue Dämmstoffe. Das Unternehmen steht beispielhaft für die zunehmende Internationalisierung der polnischen Industrie. So übernahm Selena 2025 den französischen Vertriebspartner ACDIS.

Auch andere Bauchemie-Hersteller investieren. Die Atlas-Gruppe kündigte im Februar 2026 den Bau einer neuen Fabrik in Dąbrowa Górnicza an. Dort sollen künftig Bauchemikalien auf Basis wasserbasierter Polymerharzdispersionen entstehen. Auslöser sei die steigende Nachfrage nach diesen Produkten, erklärte das Unternehmen.

E-Mobilität zieht neue Chemieinvestoren an

Gleichzeitig gewinnt die Batterieproduktion als neuer Zweig der Chemieindustrie an Bedeutung. Unternehmen wie LG und Mercedes haben in Polen Werke zur Produktion von Batterien für E‑Fahrzeuge aufgebaut. Mittlerweile siedeln sich vermehrt Zulieferer von Chemikalien an.

Das Volkswagen Joint Venture Ionway will 2026 in Nysa mit der Produktion von aktivem Kathodenmaterial (CAM) beginnen. Die Fabrik kostet rund 1,7 Milliarden Euro. Ein ähnliches Volumen hat die Investition des US-amerikanische Unternehmen Ascend Elements in Opole. Dort entstehen in Zukunft Ausgangsstoffe für die Produktion von Kathodenmaterial.

Andere Unternehmen konzentrieren sich auf das chemische Recycling von Alt-Batterien. Die polnische Elemental Group investiert im Rahmen des Polvolt‑Projekts rund 780 Millionen Euro in einen Komplex zur Rückgewinnung von Lithium, Nickel, Kobalt und weiteren Materialien. Die Anlage in Zawiercie soll 2035 ihren Betrieb aufnehmen. Bereits jetzt verarbeitet Elemental am gleichen Standort verschiedene Elektroabfälle.

Die Europäische Kommission hat Polvolt als strategisch wichtiges Vorhaben eingestuft. Die Entscheidung unterstreicht die wachsende Bedeutung von Batterien und Recycling für Polens Chemieindustrie.

 

Wichtige Branchenunternehmen in Polen Umsatz 2024 in Millionen Euro

Unternehmen

Sparte

Umsatz 1)

Orlen S.A.

Mineralöl-/Energiekonzern

68.497

Grupa Azoty S.A.

Stickstoff, Dünger

3.029

Synthos S.A.Chemieprodukte

2.002

Boryszew S.A.Kunststoffe, Chemieprodukte

1.188

BASF Polska Sp. z o. o.Chemieprodukte

1.139

Qemetica S.A.Chemieprodukte, Soda

0.916

Grupa Azoty Zakłady Azotowe Puławy S.A.Stickstoffdünger

0.808

Anwil S.A. (Orlen)PVC, Stickstoffdünger

0.629

Grupa Azoty Zakłady Chemiczne Police S.A.Dünger, Chemieprodukte

0.577

PCC Rokita S.A.Chemieprodukte

0.452

1 umgerechnet zum Jahresdurchschnittskurs 2024: 1 Euro = 4,3064 Złoty.Quelle: Liste der 500 umsatzstärksten Unternehmen Polens 2024 der Tageszeitung Rzeczpospolita 2025

 

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