Wirtschaftsumfeld | Polen | Arbeitsmarkt, Lohn- und Lohnnebenkosten
Löhne und Gehälter
Polen ist kein Niedriglohnland mehr. Dennoch liegen Arbeitskosten und Lohnnebenkosten weiterhin deutlich unter dem EU-Durchschnitt. Zugleich verliert das Lohnwachstum an Dynamik.
16.06.2026
Von Christopher Fuß | Warschau
Obwohl die Löhne in Polen weiter steigen, verliert das Tempo an Dynamik. Im 1. Quartal 2026 lag das Durchschnittsgehalt der Arbeitnehmer um 6,4 Prozent über dem Vorjahresniveau bei umgerechnet 2.251 Euro. Für polnische Verhältnisse ist das ein moderater Anstieg. Zum Vergleich: Zwischen 2021 und 2024 lagen die Zuwachsraten bei deutlich über 10 Prozent pro Jahr.
Unternehmen erwarten, dass sich die Lohnentwicklung weiter abschwächt. Laut einer Konjunkturumfrage der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer (AHK Polen) und weiterer internationaler Kammern dürften die Löhne 2026 um rund 5 Prozent steigen. Die Europäische Kommission geht in ihrer Prognose für Polen hingegen von 6,5 Prozent aus. Als Fazit bleibt, dass zweistellige Zuwachsraten vorerst der Vergangenheit angehören.
Kaum Bewegung beim Mindestlohn
Mehrere Entwicklungen tragen zur Stabilisierung der Lohnentwicklung bei. Die Inflation bleibt trotz des Krieges im Iran und den erhöhten Rohölpreise auf niedrigem Niveau. Steigen die Preise langsamer, fordern Beschäftigte seltener einen Ausgleich für den Kaufkraftverlust. Gleichzeitig suchen viele Industriezweige derzeit weniger Personal. Das schwächt die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer.
Ein weiterer Faktor ist der Mindestlohn. Die Regierung legt den Betrag jährlich fest. Anfang 2026 gab es einen Anstieg um gerade einmal 3 Prozent auf 1.135 Euro. Das ist weit entfernt von Rekordzuwächsen wie im Jahr 2024, als es ein Plus von 20 Prozent gegeben hatte. Im Jahr 2027 wird der Mindestlohn laut den Plänen der polnischen Regierung um weitere 3 Prozent steigen und damit minimal über der erwarteten Inflation liegen.
Die Lohnentwicklung in einzelnen Branchen zeigt jedoch deutliche Unterschiede. Steigende Auftragseingänge führen dazu, dass die Löhne im Baugewerbe und in der Logistik überdurchschnittlich wachsen. Auch in forschungsintensiven Industrien sowie in der Energiewirtschaft legen die Gehälter zu, im letztgenannten Fall nicht zuletzt aufgrund umfangreicher Investitionen in die Transformation des Energiesektors.
In der IT-Branche steigen die Personalkosten mittlerweile zwar langsamer als noch vor einigen Jahren. Die Entwicklung bleibt aber dynamisch. In höheren Positionen ist das Gehaltsniveau mit Westeuropa vergleichbar. Laut dem Jobportal No Fluff Jobs verdient ein Lead-Softwareentwickler in Polen mit mehrjähriger Erfahrung in cloudbasierten Architekturen monatlich rund 12.000 Euro.
Niedrigere Löhne in Ostpolen
Auch regional gibt es Unterschiede bei der Lohnentwicklung. In mehreren ostpolnischen Woiwodschaften wie Podlaskie und Podkarpackie steigen die Gehälter laut der Statistikbehörde GUS überdurchschnittlich. Dennoch bleibt das Ost-West-Gefälle bestehen: Arbeitgeber im südwestlichen Dolnośląskie zahlen rund ein Viertel mehr als Unternehmen im nordöstlichen Warmińsko-Mazurskie.
In der Hauptstadt Warschau sowie in Industriezentren wie Wrocław, Katowice und Poznań herrscht weitgehend Vollbeschäftigung. Die AHK Polen empfiehlt deutschen Mittelständlern daher, auch Standorte abseits dieser etablierten Zentren zu prüfen. Das muss nicht zwangsläufig auf Ostpolen hinauslaufen. Auch in westpolnischen Regionen wie Lubuskie oder Kujawsko-Pomorskie bestehen Entwicklungspotenziale.
Ausschlaggebend für die Löhne sind auch Eigentümerverhältnisse. Internationale Firmen zahlen laut der Personalagentur Sedlak & Sedlak rund ein Fünftel höhere Gehälter als Betriebe mit mehrheitlich polnischem Kapital. Auch die Unternehmensgröße spielt eine Rolle: Betriebe mit mehr als 1.000 Beschäftigten zahlen etwa ein Drittel mehr als kleine Unternehmen.
Neben dem Lohnniveau ist die Arbeitszeit für Investoren relevant. Polen liegt hier im EU-Vergleich auf den Spitzenplätzen. Mit durchschnittlich 38,7 geleisteten Arbeitsstunden pro Woche belegte das Land 2025 laut Eurostat gemeinsam mit Bulgarien den zweiten Platz. Nur in Griechenland wird mehr gearbeitet.
Kosten im internationalen Vergleich
Die durchschnittlichen Arbeitskosten für Arbeitgeber, bestehend aus Arbeitnehmerentgelt, Sozialversicherungsbeiträgen und Steuern, bleiben im EU-Vergleich moderat. Sie lagen 2025 bei 19,1 Euro pro Stunde. Der EU-Durchschnitt liegt knapp doppelt so hoch.
Verglichen mit der Slowakei, Tschechien und Ungarn zahlen Arbeitgeber nur im letztgenannten Land noch geringere Arbeitskosten. Dennoch gilt Polen inzwischen nicht mehr als Niedriglohnstandort. Innerhalb der EU weisen Rumänien und Bulgarien deutlich niedrigere Arbeitskosten auf.
In bestimmten Segmenten können sich die Gehaltsunterschiede zwischen Deutschland und Polen zudem deutlich verringern. Das gilt insbesondere für Führungspositionen sowie für Tätigkeiten, die neben fachlichen Qualifikationen auch gute Deutschkenntnisse erfordern.
1. Quartal 2026 in Złoty | Veränderung 1. Quartal 2026/2025 (in %)1) | 1. Quartal 2026 in Euro2) | |
|---|---|---|---|
| Insgesamt | 9.278 | 6,2 | 2.172 |
| Information, Telekommunikation | 16.115 | 7,8 | 3.773 |
| Energieerzeugung, -versorgung | 14.031 | 6,8 | 3.285 |
| Professionelle, wissenschaftliche, technische Tätigkeit | 12.879 | 7,3 | 3.015 |
| Bergbau | 12.583 | 2,4 | 2.946 |
| Land- und Forstwirtschaft, Fischerei | 10.175 | 2,3 | 2.382 |
| Immobilienbranche | 9.444 | 9,2 | 2.211 |
| Transport, Lagerwirtschaft | 8.824 | 7,1 | 2.066 |
| Verarbeitendes Gewerbe | 8.729 | 6,2 | 2.044 |
| Bauwirtschaft | 8.693 | 6,9 | 2.035 |
| Kunst, Unterhaltung und Erholung | 8.545 | 7,7 | 2.000 |
| Handel, Reparaturen von Kraftfahrzeugen | 8.535 | 5,3 | 1.998 |
| Wasserversorgung, Abwasser- und Abfallentsorgung | 8.255 | 8,1 | 1.933 |
| Verwaltung, unterstützende Tätigkeit | 7.514 | 4,3 | 1.759 |
| Sonstige Dienstleistungen | 7.038 | 3,2 | 1.648 |
| Hotel und Gastronomie | 6.875 | 6,6 | 1.610 |
| 1. Quartal 2026 (in Złoty) | 1. Quartal 2026 (in Euro)*) | |
|---|---|---|
| Geschäftsführung (mittelgroßer Betrieb) | 45.000 | 10.535 |
| Vertriebsleitung (mittelgroßer Betrieb) | 32.000 | 7.492 |
| Programmierung (Senior) | 20.000 | 4.682 |
| Ingenieurwesen (Automatisierung) | 14.000 | 3.278 |
| Buchhaltung (3 Jahre Erfahrung) | 9.000 | 2.107 |
| Schweißer (Senior) | 9000 | 2.107 |
| Kraftfahrende (ohne Zuschläge) | 8500 | 1.990 |
| Sekretariat | 7600 | 1.779 |
| Die Angaben basieren unter anderem auf Internetumfragen und sollten daher nur als Orientierungspunkt verstanden werden. |
Weitere Lohnbestandteile
Zusatzleistungen sind weit verbreitet. Zu den häufigsten Benefits zählen Lebensversicherungen, private Krankenzusatzversicherungen, Fitnessstudio-Mitgliedschaften sowie Verpflegungsgutscheine. Führungskräfte erhalten in der Regel einen Dienstwagen.
Flexible Arbeitsmodelle mit der Möglichkeit zur Telearbeit sind zwar etabliert, allerdings erwarten viele Unternehmen wieder eine stärkere Präsenz im Büro. Statt ein bis zwei Tagen pro Woche im Büro sind mittlerweile drei bis vier Präsenztage üblich, wie die Marktberatungsagentur Grant Thornton berichtet.
Sozialversicherungsbeiträge
Die Sozialversicherungsbeiträge belaufen sich in Polen auf 22,71 Prozent des Bruttogehalts für Arbeitnehmer und in der Regel auf 20,48 Prozent für Arbeitgeber. Die genaue Höhe kann je nach Branche leicht variieren.
Ein weiterer Bestandteil der Arbeitskosten sind seit 2019 die sogenannten Arbeitnehmer-Kapitalpläne (Pracownicze Plany Kapitałowe; PPK). Es handelt sich um eine zusätzliche kapitalgedeckte Altersvorsorge, an der sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer beteiligen. Die meisten Unternehmen sind zur Einführung verpflichtet. Das System ist in Grundzügen mit der betrieblichen Altersvorsorge in Deutschland vergleichbar.
| Altersrentenversicherung (Arbeitgeberanteil)1) | 9,76 |
| Invalidenrentenversicherung (Arbeitgeberanteil)1) | 6,5 |
| Arbeits- und Solidaritätsfonds (Arbeitgeberanteil) | 2,45 |
| Unfallversicherung (Arbeitgeberanteil)2) | 0,67 - 3,33 |
| Fonds für garantierte Arbeitnehmerleistungen | 0,1 |
| außerdem: Arbeitnehmer-Kapitalpläne (PPK; Arbeitgeberanteil)3) | 1,5 |