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Nachhaltigkeit in der Chemieindustrie

Grüner Wasserstoff, alternative Kraftstoffe und Recycling sind die wichtigsten Nachhaltigkeitsthemen in der spanischen Chemiebranche. Fördergelder unterstützen die Entwicklung.

Von Friedrich Henle | Madrid

Nachhaltigkeit in der spanischen Chemiebranche ist sowohl ein politisches Ziel als auch Gegenstand unternehmerischer Innovationen. Dekarbonisierung und Kreislaufwirtschaft stehen im Fokus dieser forschungsintensiven Branche. Erneuerbare Energien und grüner Wasserstoff sind die großen aktuellen Themen. Zudem wird durch den Trend zur Kreislaufwirtschaft die Wiederverwendung von Materialien künftig eine größere Rolle spielen.

Regierung setzt auf grünen Wasserstoff 

Im spanischen Aufbau- und Resilienzplan zur Überwindung der Coronakrise sind Industriezweige genannt, in denen sich die Regierung besondere Dekarbonisierungserfolge durch den Einsatz von Wasserstoff verspricht. Namentlich erwähnt sind Raffinerien, die Düngemittelproduktion und die Herstellung chemischer Erzeugnisse. In sämtlichen Industriezweigen, die Wasserstoff als Rohstoff oder Energiequelle einsetzen, soll bis 2030 mindestens ein Viertel der Produktion aus erneuerbaren Energien stammen. Zudem wird angestrebt, grünen Wasserstoff in räumlicher Nähe zu dessen Produktionsstandorten zu verwenden.

Als Paradebeispiel gilt in Spanien ein Projekt des Düngemittelherstellers Fertiberia. Dieser will bis 2035 klimaneutral produzieren. Nach Unternehmensangaben konnte die Produktion von Dünger in Puertollano (Region Kastilien-La Mancha) bereits zu 10 Prozent dekarbonisiert werden. In Kooperation mit dem Energieversorger Iberdrola entstand in der Nähe ein Solarpark mit 100 Megawatt Kapazität. Dieser versorgt die Fabrik mit grünem Strom. Weitere Komponenten des Vorhabens sind ein Elektrolyseur mit 20 Megawatt Leistung und ein Speichersystem mit Lithium-Ionen-Batterien mit einer Kapazität von 20 Megawattstunden.

Alternative Kraftstoffe rücken ins Rampenlicht

Die großen spanischen Petrochemiekonzerne Repsol und Moeve (ehemals Cepsa) reduzieren ihr klassisches Erdölgeschäft und investieren in die Fertigung alternativer Kraftstoffe. Beide Unternehmen wirken beispielsweise bei der Produktion von Biokerosin für Flugzeuge mit. Dafür haben Repsol mit Iberia und Moeve mit Etihad Partnerschaften vereinbart. So haben die Hersteller Planungssicherheit für ihre Investitionen und die Fluggesellschaften können ihre Emissionen reduzieren. 

Pläne sorgen auch dafür, dass Biomasse in Spanien stärker verwertet wird. Mit seinen großen Wirtschaftszweigen Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie befindet sich Spanien in einer günstigen Position, um mehr von diesem Potenzial zu heben. Im Fokus steht die Verwertung von Resten aus der Landwirtschaft und die Nutzung organischer Industrieabfälle. Medienberichte der letzten Monate zeigen, dass der Sektor auch verstärkt von Finanzinvestoren ins Auge genommen wird.

Recyclinganteil bei chemischen Erzeugnissen wird steigen

Die Wiederverwertung chemischer Erzeugnisse ist bislang in Spanien wenig verbreitet. Der nationale Branchenverband Feique prognostiziert jedoch, dass der Anteil künftig steigen wird. Bislang prägen vor allem Pyrolyseanlagen und eine große Verwertungsanlage das Bild. Plastic Energy betreibt zwei Pyrolyseanlagen an den andalusischen Standorten Almería und Sevilla. Die Kapazität liegt bei jeweils 5.500 Tonnen Pyrolyseöl pro Jahr. Reciclalia verfügt über eine wesentlich kleinere Anlage mit einer Kapazität von 500 Tonnen pro Jahr. Hinzu kommt eine Produktionsstätte von Sulayr zur Verwertung durch Auflösung. Diese kann 38.000 Tonnen Material jährlich verarbeiten.

Dem Bestreben der EU in Richtung Kreislaufwirtschaft folgend ist in diesem Bereich mit hohen Investitionen in den kommenden Jahren zu rechnen. Die Erwartung liegt für das Jahr 2030 bei 500 Millionen bis 650 Millionen Euro.

Nachhaltigkeit im Fokus europäischer Fördermittel

Im Rahmen des Aufbau- und Resilienzplans hat Spanien sogenannte Strategieprojekte auf den Weg gebracht. Drei davon haben Bezüge zur Chemieindustrie. Ein Strategieplan dreht sich um die Kreislaufwirtschaft. In diesem sind 492 Millionen Euro Fördermittel vorgesehen. Diese sollen private Investitionen anstoßen und insgesamt eine Wirkung von rund 1,2 Milliarden Euro bis 2026 entfalten. Darin sind sektorspezifische Schwerpunkte wie Kunststoff gesetzt. Ein Teil der Mittel kann aber auch von anderen Unternehmen beantragt werden, wenn sie Vorhaben im Sinne des Strategieplans avisieren.

Ein weiterer Strategieplan umfasst erneuerbare Energien und grünen Wasserstoff. Der Förderbereich Wasserstoff enthält öffentliche Mittel im Wert von 3,2 Milliarden Euro. Bis zum Jahr 2030 will Spanien 4 Gigawatt Produktionskapazität für grünen Wasserstoff aufbauen. Dieser Energieträger soll den Wandel in Industriezweigen voranbringen, in denen nur schwer nachhaltige Lösungen implementiert werden können. Darunter fällt auch explizit die Chemieindustrie.

Schließlich erwähnt der Strategieplan zur Dekarbonisierung in der Industrie verschiedene Maßnahmen, die auch der Chemiebranche zugute kommen. Zuschüsse und Kredite im Rahmen der Strategiepläne vergibt die spanische Regierung projektspezifisch über öffentliche Bekanntmachungen, auf die sich Unternehmen bewerben müssen. Diese Bekanntmachungen finden sich unter anderem auf der Internetseite des spanischen Wiederaufbauplans und der nationalen Ausschreibungsplattform

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