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Tschechien: Europas unterschätzter Batteriestandort

Tschechien entwickelt sich zum Schlüsselland für Batterietechnologien. Das gilt für den Absatz ebenso wie für Vorprodukte und Recycling. Davon können deutsche Firmen profitieren.

Von Gerit Schulze | Prag

Auf der Landkarte der europäischen Gigafactories wirkt Tschechien wie ein grauer Fleck. Während in Deutschland, Polen, Ungarn und der Slowakei große Batterieproduktionen gestartet sind, gibt es zwischen Böhmerwald und Beskiden noch keine Zellproduktion im industriellen Maßstab.                           

Doch hinter den Kulissen formiert sich ein industrielles Ökosystem, das Tschechien in den kommenden Jahren zu einem Schlüsselstandort für die europäische Batteriewirtschaft machen könnte. Für deutsche Unternehmen lohnt sich ein genauer Blick ins Nachbarland.

Škoda Auto weiht riesige Batteriemontage ein

Die Volkswagen-Tochter Škoda Auto zum Beispiel eröffnete im Februar 2026 eine neue Batteriemontagehalle in Mladá Boleslav. Die hochautomatisierte Anlage kostete über 200 Millionen Euro und kann täglich über 1.100 Batteriesysteme produzieren. Das reicht für 335.000 Elektrofahrzeuge pro Jahr. Damit ist Škoda der größte Batterieproduzent im Volkswagen-Konzern und das erste Werk in Europa, das Cell-to-Pack-Systeme in Serie fertigt. 

Bei dieser Technologie werden die zuvor importierten Batteriezellen direkt in das Batteriegehäuse integriert, ohne Zwischenschritte über Module. Die Bauweise spart laut Škoda Auto Gewicht, erhöht die Effizienz und ermöglicht schnellere Ladezeiten sowie niedrigere Kosten. Die Anlage in Mittelböhmen ist hoch automatisiert, rund 130 Roboter sind im Einsatz.

Toyota baut europäisches Elektroauto in Tschechien

Auch Toyota setzt bei seinen europäischen E-Auto-Plänen auf Tschechien. Am Standort Kolín wollen die Japaner 680 Millionen Euro investieren, um die Produktion eines elektrischen Kompakt-SUV und die dafür nötige Batteriemontage aufzubauen. Mit 64 Millionen Euro bezuschusst der tschechische Staat die Batteriefertigung. Die beiden Projekte von Škoda und Toyota festigen Tschechiens Rolle als Automobilstandort und als Absatzmarkt für Batterietechnologien. 

Das gilt auch für die Produktion von Bussen, die 2025 einen neuen Rekord erreichte (5.651 Einheiten). Iveco betreibt in Vysoké Mýto Europas größtes Buswerk. Vor kurzem nahm der Konzern dort ein neues Entwicklungszentrum in Betrieb, in dem auch alternative Antriebsarten wie Brennstoffzelle und Batteriebusse getestet werden. Der tschechische Bushersteller Škoda Transportation aus Plzeň entwickelt ebenfalls E-Busse. 

Boom beim Bau von Stromspeichern

Der Batterieabsatz in Tschechien steigt auch dank eines Booms bei großen Speichern. Neue Gesetze und Förderprogramme sorgen für zahlreiche Bauvorhaben. Eine Novelle des Energiegesetzes (Lex OZE III) stuft Batteriespeicher seit Juli 2025 als vollwertige Energiequelle ein, was den Anschluss ans Stromnetz vereinfacht. Daraufhin gingen bei den Netzbetreibern Hunderte Anträge von Investoren ein.

Obendrein gibt es Zuschüsse aus dem Modernisierungsfonds der EU für den Bau der Speicher. Bei einem Aufruf 2025 gingen 700 Bewerbungen für 80 Millionen Euro Fördermittel ein. Am Ende bekamen 56 Projekte eine Zusage, darunter mehrere Großvorhaben des halbstaatlichen Energiekonzerns ČEZ. Derzeit läuft ein neuer Förderaufruf für den Bau von Solaranlagen auf Agrarflächen in Kombination mit Batteriespeichern. 

Laut Tschechiens Übertragungsnetzbetreiber ČEPS planen Investoren große Batteriespeicher mit einer Gesamtleistung von 1.860 Megawatt (MW) und einer Kapazität von 2.500 Megawattstunden (MWh).

Stromkonzerne besonders aktiv beim SpeicherbauAuswahl geplanter Energiespeicher in Tschechien
Investor / Standort

Leistung / Kapazität

Geplante Inbetriebnahme

Sev.en / Kladno

45MW / 90MWh

2026

Sev.en / Chvaletice

115MW / 230MWh

2026

ČEZ / Chomutov

270 MW / 970 MWh

2030

C-Energy, Jipocar / Havlíčkův Brod

120 MW / 240 MWh

2027

Katemo / Modlany

35 MW / 130 MWh

2026

Quelle: Fachportal Oenergetice.cz 2026, Recherchen von Germany Trade & Invest 2026

Viel Wertschöpfung entlang der Lieferkette

Tschechien ist aber nicht nur als Absatzmarkt für Batterien interessant, sondern auch bei der Entwicklung von Speichertechnologien. Das unterstreicht Jan Vejbor, Geschäftsführer des Branchenverbands Czech Battery Cluster. "Es muss nicht immer eine Gigafactory sein. Zur Wertschöpfung im Batteriebereich gehören auch Rohstoffe, Kathodenmaterial, Elektrolyte und Recycling", erklärt der Experte gegenüber Germany Trade & Invest. Hier sei Tschechien gut aufgestellt und verfüge zum Beispiel über Lithium-, Mangan-, Kobalt- oder Naturgraphitvorkommen.

Außerdem arbeiteten einheimische Unternehmen an alternativen Speichersystemen wie Vanadium‑Redox‑Flow‑Batterien, so Vejbor. Diese eignen sich als stationäre Energiespeicher für Wind‑ und Solarparks. Der Czech Battery Cluster vernetzt über 40 Akteure aus Wissenschaft, Industrie und Verwaltung.

Zwei strategische Lagerstätten

Tschechien steht mit zwei Vorkommen für Batteriematerialien auf der EU-Liste strategischer Rohstoffprojekte:

  • Lithiumförderung bei Cínovec. Könnte bis zu 8 Prozent des europäischen Lithiumbedarfs decken. Produktionsstart ab 2029.
  • Mangangewinnung in Chvaletice. Könnte bis zu 20 Prozent des europäischen Manganbedarfs decken. Projektstart laut EU ab 2028 angestrebt.

Kathodenmaterial für Natriumbatterien will zum Beispiel Draslovka in Kolín produzieren. Das Chemieunternehmen kooperiert mit dem schwedischen Batteriehersteller Altris und plant, jährlich 350 Tonnen Natrium-Ionen-Kathoden auf den Markt zu bringen.

Branchenexperte Jan Vejbor vom Batteriecluster sieht es als großen Vorteil Tschechiens, dass Forschungsergebnisse von lokalen Herstellern direkt in Produkten angewendet werden können. Er vermisst allerdings ein stärkeres Bekenntnis der Politik zu neuen Themen wie Elektromobilität, damit diese Fahrt aufnehmen. "Wegen der bestenfalls neutralen Haltung vergangener Regierungen sind viele strategische ausländische Investitionen im Batteriebereich leider bei unseren Nachbarn gelandet."

Asiatische Hersteller investieren in Produktionsstätten

Für Tschechien entschieden hat sich die taiwanesische C-Tech United. Wie die Förderagentur CzechInvest im August 2025 berichtete, plant das Unternehmen seine erste europäische Vertretung in Prag. Neben einem Forschungs- und Entwicklungszentrum soll auch eine eigene Batterieproduktion entstehen. C-Tech United ist spezialisiert auf Lithium-Ionen- und Lithium-Polymer-Batteriemodule für Elektroautos, Notstromsysteme, IT-Geräte und Energiespeichersysteme. 

In Bohumín, im Nordosten Tschechiens, betreibt die chinesische Green Energy Origin ein Werk für Elektrolytmaterial sowie für ElektrodenLeitfähigkeitsmaterial (CNTSlurry). Außerdem gibt es dort laut Webseite eine Recyclinganlage für gebrauchte Lösungsmittel.

Ebenfalls in Bohumín angesiedelt ist das tschechische Chemieunternehmen Bochemie. Es produziert NickelCadmiumBatterien für Industrieanwendungen und Aktivmaterialien für Elektroden. Perspektivisch plant Bochemie die Produktion von LithiumEisenPhosphat-Batterien.

Spezialfirmen für Batterie-Recycling

Dekonta: entwickelt innovative Recyclingtechnologie für LithiumIonenBatterien, die spätestens 2027 in Betrieb gehen soll. Jährlich sollen bis zu 200 Tonnen Akkus aus Fahrrädern, Werkzeugen, Laptops und Handys sowie Industriebatterien und Batterien aus medizinischen Geräten zerlegt werden 

Kovohutě Příbram: betreibt PilotRecyclinglinie für Lithiumbatterien, entwickelt bessere Rückgewinnung der sogenannten Black Mass, plant jährliche Verarbeitungskapazität von 10.000 Tonnen

IBG Česko: produziert selbst große Energiespeicher und Notstromsysteme, bereitet am Chemiestandort Kralupy nad Vltavou Recyclinganlage für LithiumIonenBatterien vor